pd

Harry Potter in London: Die Rückkehr des Magiers

von Philipp Meier / 28.07.2016

Harry Potter präsentiert sich in London erstmals auf der Bühne. Mit dem Auftritt im 1891 gebauten viktorianischen Palace Theatre kehrt Potter, in dessen Welt altertümliche Elemente einen festen Platz haben, gewissermassen zu seinen Wurzeln zurück.

Endlich ist er wieder da: Neunzehn Jahre nach dem ersten Buch hat Harry Potter nun den Weg auf die Bühne gefunden. Dort – und nicht im Film oder zwischen Buchdeckeln – führt der Zauberlehrling sein Dasein mit neuen Abenteuern fort. Jedenfalls fürs Erste. So wollte es seine Schöpferin, J. K. Rowling: Erst im Herbst wird das Skript zum Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child. Parts One and Two“ deutschsprachig unter dem Titel „Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei“ erscheinen. Zuvor jedoch soll der Zauberlehrling im Londoner Palace Theatre reanimiert werden und – man kann es so nennen – eine Live-Performance geben.

Der Reiz der Unmittelbarkeit

Mit dem Bühnenauftritt im 1891 gebauten viktorianischen Palace Theatre kehrt Potter, in dessen Welt altertümliche Elemente einen festen Platz haben, gewissermassen zu seinen Wurzeln zurück. Der ehemalige Internatsschüler aus Hogwarts, der in den neuen Folgen erwachsen geworden ist, kommt hier seinem Publikum wohl so nah wie kaum je zuvor – und das, obwohl er neben den Filmen eine Vielzahl von Merchandising-Produkten, Computerspielen und einen Themenpark belebt. Dies gelingt, weil das Theater, eine im digitalen Zeitalter fast schon archaisch erscheinende Kunstform, die grösstmögliche Unmittelbarkeit ermöglicht. Zudem ist das Spektakel zweiseitig: Denn nicht nur auf der Bühne ist etwas los, sondern auch im Zuschauerraum und schon vor dem Theater. Schliesslich agieren hier überall echte Menschen – und das mag vielen Kindern des Computer- und Handyzeitalters besonders reizvoll erscheinen: Gemäss Tweets und Kommentaren in den Social Media ist die Show für manche das erste Theatererlebnis überhaupt.

Während der Aufführung erweisen sich die Zuschauer als brennende Fans: Jede unerwartete Wendung wird von hingerissenen „Ohs“ und „Ahs“ begleitet. Spannung und Begeisterung sind durchweg spürbar, dabei sind die Aufführungen jeweils mehrere Stunden lang. In der ersten Nacht der Voraufführungen sollen die Fans sogar in Kostümen erschienen sein; bei unserem Besuch allerdings gab es keine Spur von Potter-Accessoires.

Altertümliche Elemente, die einen festen Platz haben in Harry Potters Welt, bestimmen auch die Bühnenbilder. (Bild: pd)

Wohl aber ist das Abenteuer, das zwei Teile an jeweils aufeinander folgenden Abenden umfasst, deutlich auf die verschwörerische Teilhabe der Zuschauer angelegt: Beim Verlassen des Theaters am Ende jeder Aufführung erhalten alle einen Badge mit einem Teil eines schwarzen Flügelpaars, beschriftet mit der Aufforderung: „Keep the Secrets.“ Zuvor hatte die Autorin in einem Internet-Video dazu aufgerufen, keine Details und Plot-Spoiler zu verraten, damit auch spätere Zuschauer noch Spass an den von ihr und den Co-Autoren Jack Thorne und John Tiffany ersonnenen Überraschungen haben würden.

Mit der Geheimnistuerei im Vorlauf zur offiziellen Premiere hat es in England generell eine besondere Bewandtnis: Mehrere Wochen vor der „Press Night“ genannten Eröffnungsaufführung ist ein Theaterstück schon in sogenannten Previews oder Voraufführungen für das Publikum zugänglich, wobei in dieser Phase noch Veränderungen bis hin zur finalen Version möglich sind. Je prominenter die Besetzung und je grösser der Hype um ein Theaterstück, desto grösser der Wunsch aller Beteiligten, das erst halb geschlüpfte Küken vor allem vor den Augen der Kritiker zu schützen. Die Presse hält sich – mehr oder weniger brav – an das ungeschriebene Gesetz.

Bei Harry Potter bestand erwartungsgemäss höchste Alarm- und Hysteriestufe. Teil des Hypes war auch die von der Presse verbreitete Information, dass die 175 000 Tickets für das Stück innerhalb von 24 Stunden ausverkauft gewesen seien: Auch nach dieser Frist konnten wir an der Theaterkasse noch sehr günstige Karten erstehen. Aber vielleicht war das einfach Glück.

Wie waren die beiden Theaterabende denn nun? So spektakulär, wie es der Rummel im Vorfeld suggeriert hatte, sicher nicht. Aber Potter-Fans, die aus der ganzen Welt angereist waren, durften schwelgen. Etwas Aufregung gab es um die Besetzung der Hermione, die in der Bühnenfassung von der dunkelhäutigen Noma Dumezweni gespielt wird: J. K. Rowling war von ihrer Wahl sehr angetan und tadelte die in den sozialen Netzwerken verbreiteten rassistischen Äusserungen. Die Schauspielerin erwies sich als eine der stärksten Kräfte im engagiert agierenden Ensemble, in dem die Rolle des Heranwachsenden, mit dem sich die jungen Zuschauer identifizieren können, von Harry Potters Sohn übernommen wird, Albus Serverus (Sam Clemmett). Harry (Jamie Parker) selbst ist in „The Cursed Child“ in die Jahre gekommen und leidet unter seinen Unzulänglichkeiten als Vater: Auch diese Setzung gehört zu den – allerdings schon im Voraus bekanntgegebenen – Neuigkeiten der Aufführung.

Dem Sohn seinerseits fällt es schwer, die eigene Identität gegenüber dem übergrossen, berühmten Vater zu behaupten, der inzwischen Angestellter im Zaubereiministerium ist. Beide, Vater und Sohn, werden im buchstäblichen Sinne von den Dämonen der Vergangenheit eingeholt – so wie überhaupt die Zeit ein grosses Thema dieser märchenhaften, schön erzählten Theaterabende ist.

Es bleibt Potter, seinem Sohn und seinen Freunden nichts anderes übrig, als sich der bösen Geister mittels Magie zu erwehren. (Bild: pd)

Die bösen Geister, die viele Gesichter haben, werfen riesige Schatten an die Kulissenwände, erheben sich aus den Bühnentiefen und sinken aus dem Schnürboden herab. Und es bleibt Potter, seinem Sohn und seinen Freunden nichts anderes übrig, als sich ihrer mittels Magie zu erwehren: Zaubertricks gehören zum Arsenal des Staunens in dieser Show, die auch ein paar kleine Tanz- und Musikeinlagen in petto hat und die, wie es die Spezialität der Autorin ist, ihre ganz eigene magische Welt mit Anspielungen an die Wirklichkeit unserer Zeit verbindet.

Der Zauber wirkt

Das zurückhaltende Bühnenbild lässt einen riesigen Saal offen, der mit wenigen Requisiten jeweils andere Schauplätze andeutet: vom Klassenzimmer bis zur Bibliothek, vom Schlafzimmer bis zum Zauberwald. Selbst Uneingeweihten erschliesst sich die Anziehungskraft dieser Welten, die nun auch auf der Bühne ihren Platz erobert haben.