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Die dschihadistische Utopie

Heilsversprechen und Unheil

von David Signer / 21.11.2015

Utopien haben es an sich, dass sie in Realität oft in einer Hölle enden. Diesen menschenfeindlichen Zug teilt der Dschihadismus mit vielen anderen Ideologien. NZZ-Redakteur David Signer über die dschihadistische Utopie.

Es ist seltsam, wie ein rigoroser Moralismus in die totale Unmoral umschlagen kann. Auch dies zeigen die Anschläge von Paris und der Dschihadismus überhaupt. Sie wollten mit ihren blutigen Anschlägen die „Hauptstadt der Unzucht und des Lasters“ treffen, erklärten die selbsternannten Gotteskrieger. Solche Deklarationen sagen im Allgemeinen nicht viel aus, weil sie zu rechtfertigen suchen, was nicht zu rechtfertigen ist. Angebliche Gründe für die eigene Brutalität finden sich immer, aber meist sind sie willkürlich und nachgeschoben. Am Anfang steht nicht die Analyse, sondern der Affekt. Aber immerhin: Dass sich die Dschihadisten als strenge Säuberer, Ordnungshüter und Rächer an den Ungläubigen sehen, ist klar. Und dass diejenigen, die am radikalsten gegen die Sünde und das Böse angehen, am Ende oft das größte Unheil anrichten, ist nichts Neues. So wie die Aufklärung in eine Tyrannei der Vernunft kippen kann, so bergen auch Utopien immer die Gefahr, Prinzipien zu verabsolutieren, notfalls auch auf Kosten des Einzelnen. Der Zweck heiligt dann die Mittel, das Individuum wird dem Ideal geopfert. Wo vom Totalen die Rede ist, sind die Toten meist nicht weit.

Es war nicht zuletzt der französische Philosoph André Glucksmann, gestorben drei Tage vor den Anschlägen, der unermüdlich auf diese Gefahr hinwies. Das Streben nach dem absolut Guten, nach dem gesellschaftlichen Idealzustand droht immer ins Totalitäre zu kippen und menschenfeindlich zu werden. Glucksmann selber, wie viele seiner Generation in jüngeren Jahren radikaler Marxist und Maoist, wusste, wovon er sprach. Es war dann die Lektüre von Solschenizyn, was ihn aus seinen gefährlichen Träumen erweckte. Vielleicht könnte man die jungen Dschihadisten aus den europäischen Banlieues durchaus mit den linksradikalen Jungen vergleichen, die vor wenigen Jahrzehnten davon träumten, die korrupte, verkommene Gesellschaft zu zerstören, um Platz zu machen für etwas ganz Anderes. Dieses Neue konnten sie sich zwar ebenso wenig genau vorstellen wie die heutigen Extremisten. Aber auch sie waren getrieben von einem spätpubertären Hass auf die Welt der Eltern, von diffuser Wut und einem radikalen Eifer, die Welt auf den Kopf zu stellen. Diese Maßlosigkeit kann durchaus zu kreativen Schüben und Innovationen führen. Kriegt sie jedoch Waffen in die Hand, führt sie je nach Umständen und Zeitgeist zur RAF oder in den radikalen Islam.

Wie viele westliche Hitzköpfe träumten vom totalen Umsturz, von einer rücksichtslosen Weltrevolution und schwärmten dabei für Lenin, Stalin, Mao oder Che! Es waren notabene durchaus gebildete Menschen, Akademiker, Philosophen, Soziologen, denen es hundertmal besser ging als denjenigen Muslimen, die sich heute am Rand der Gesellschaft radikalisieren und die wahrscheinlich – was wenig thematisiert wird – vor allem auch durch Neid getrieben werden. Sie würden noch so gerne am „Laster“ in der Innenstadt teilhaben, wenn sie nur könnten. Da ihnen das Kleingeld für den Eintritt fehlt, erklären sie die Discos, Kinos, Fußballstadien und Modeläden zu Teufelswerk.

Man könnte auch noch weiter zurückgehen, zum Beispiel zu den europäischen Religionskriegen. Im 17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges, gingen Katholiken und Protestanten mit erbarmungsloser Brutalität aufeinander los. Selbstverständlich mischten sich auch schon damals religiöse mit politischen und wirtschaftlichen Motiven, und die frommen Bekenntnisse waren oft nichts als Heuchelei. Aber zweifellos war auch damals der Eifer des einzig richtigen Glaubens ein enormer und unheimlicher Antrieb. Die Zerstörung der Tempel in Palmyra erinnert durchaus an den reformatorischen Bildersturm, der sich so wenig um kulturhistorische Werte kümmerte wie die IS-Terroristen heute.

Das alles ist kein Trost und soll die Greueltaten der Islamisten auch nicht relativieren. Aber es zeigt, dass es zu billig ist, einfach von Nihilismus oder dem „Bösen“ zu raunen. Sehr oft sind es gerade die größenwahnsinnigen, besessenen Weltverbesserer, die alles andere und am Ende auch sich selbst einem vermeintlichen Paradies opfern.

Religionshistoriker haben zu Recht bemerkt, dass Monotheismen wie das Christentum oder der Islam immer den Keim von Fanatismus in sich tragen, da sie von einem exklusiven Wahrheitsanspruch ausgehen. Der „einzige Gott“ ist immer auch ein eifersüchtiger Gott, der keine Rivalen neben sich duldet. Aber bekanntlich hat auch eine polytheistische Religion wie der Hinduismus seine gewalttätigen Anhänger. Fast jede Weltanschauung oder Ideologie, sie mag noch so „gut gemeint“ sein, kann verabsolutiert werden und am Ende über Leichen gehen. In letzter Konsequenz träumt der Kämpfer für das Totale von der Apokalypse. Die ganze verkommene Welt soll in Flammen aufgehen; inklusive seiner selbst, als Märtyrer. Der Hass auf die Welt und auf sich selber, grandiose Zerstörungsphantasien und selbstmörderische Todessehnsucht, Hoffnung auf ein nachrevolutionäres Paradies auf Erden und auf ein postumes im Jenseits vermengen sich.

Extreme Heilsversprechen sind gerade für Junge, die sich als Verlierer fühlen, verführerisch. Die Inhalte sind oft austauschbar. Linksradikale werden zu Rechtsextremen, Rocker zu Evangelikalen, Esoteriker zu Antisemiten. Was zählt, ist das Gefühl, besser als die anderen zu sein. Als selbstgerechter Tugendwächter andere hinzurichten, kann einen notorischen Nobody in ein gottähnliches High versetzen, und Schuldgefühle kann er sich sparen, weil er schließlich im Namen des Guten wütet.