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Zum Tod von David Bowie

„Heroes“ oder der Kampf gegen die innere Berliner Mauer

von Wolfgang Rössler / 17.01.2016

Mit „Heroes“ hat David Bowie vor fast 40 Jahren den Begriff des Heldentums neu interpretiert. Heute kann sich jeder ein bisschen wie ein Held fühlen – ein Facebook-Klick reicht aus. Echte Heroen muss man hingegen suchen.

Trauen Sie sich, das Bild gequälter rumänischer Straßenhunde zu teilen? Ihr Profilfoto gegen einen Eiffelturm in Form des Friedenszeichens zu tauschen? Oder unter einem provokanten Statement gegen die Deutungshoheit der angeblichen Lügenpresse den „Gefällt mir“-Knopf zu drücken? Aus den sozialen Medien brüllen Apelle an die zu beweisende Zivilcourage. Die Nachfrage scheint gegeben.

Vielleicht verhält es sich so: Je mehr die moderne westliche Gesellschaft mit echten Bewährungsproben geizt, desto mehr giert der Einzelne danach. Das würde den Overkill an Maulheldentum auf Facebook erklären. In der Heldendämmerung kann sich jeder wie ein kleiner Held fühlen.

David Bowie schrieb „Heroes“ lange bevor es das moderne Internet gab. Ende der 1970er Jahre floh der Künstler aus der selbstreferenziellen Musikmetropole Los Angeles in das geteilte Berlin. Was als Schaffenspause gedacht war, wurde zu einer seiner kreativsten Phasen. In einem Studio unweit vom Checkpoint Charly schrieb Bowie „Heroes“, ein Stück über zwei Liebende im Schatten der Mauer. We can be heroes, heißt es darin, just for one day.

Helden? Bowie zauderte offenbar mit der Bedeutungsschwere des Wortes, im Titel setzte er es unter Anführungszeichen. „Heroes“ war kommerziell nicht besonders erfolgreich, erst mit den Jahren wurde das Lied zur Hymne der Desillusionierten. Ausschlaggebend war der Film „Christiane F.“ über ein heroinabhängiges Mädchen am Berliner Bahnhof Zoo. „Heroes“ unterlegt eine Szene, in der die 15-Jährige vor der Polizei davonläuft. Heldin? Was für ein Zufall, dass das englische Wort für Heldin – Heroine – gleich klingt wie Heroin. Immerhin versucht sie später den Entzug. Der entscheidende Kampf: Sie führt ihn ausschließlich mit sich selbst.

Die Berliner Mauer ist in Bowies Lied nur Kulisse. Wirklich getrennt werden die zwei Liebenden durch ihre selbstgebauten Mauern: And you, you can be mean. And I, I drink all the time. Der Versuch, ihre inneren Grenzbefestigungen zu überwinden, macht sie zu Helden. Eine allgemeingültige Aussage.

Die Geschichte von Emin

Wenn ich „Heroes“ höre, muss ich an einen verlebten Endvierziger mit einem ausgewaschenen AC/DC-T-Shirt denken. Seinen Namen habe ich leider vergessen, nennen wir ihn Emin.

Ich traf Emin im Zug von Sarajevo nach Zagreb. Ein Spätseptembernachmittag, ich stand am Gang und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Der Herbst hatte die Bäume blutrot gefärbt, Bosnien war zum Weinen schön. Wie aus dem Nichts stand er neben mir, bot mir eine Zigarette an und radebrechte auf Englisch. Ohne Vorrede erzählte mir Emin die Geschichte seines Lebens.

Ehe der Krieg nach Sarajevo kam, studierte er an der Uni und hörte dieselbe Musik wie Studenten in Wien oder Berlin. David Bowie schrieb in dieser Zeit „Absolute Beginners“, ein verträumtes Stück über junge Liebe, mit einem gleichsam schwebenden Saxofon-Solo gegen Ende. As long as we’re together, the rest can go to hell heißt es darin. Emin hatte eine Freundin, die er auf Händen trug. Auf seine Religion, den Islam, pfiff er. „I no Taliban“, sagte er zu mir. „I like you.“

Immer wieder bat er mich, seine Grammatik zu korrigieren.

Als die jugoslawische Armee 1992 vor Sarajevo aufmarschierte, gingen Tausende auf die Straße. Muslime, Kroaten und Serben protestierten Seite an Seite gegen einen Krieg, der sie zu Feinden machen würde. Emin und seine Freundin waren aus Überzeugung dabei. Dann schossen Heckenschützen in die Menge und die Demonstranten zerstoben. Emin blieb keine große Wahl. Er nahm ein Gewehr und kämpfte. Seine Tochter wurde im Krieg geboren.

Nach Ende der Belagerung war Emin ein anderer Mensch, und er verachtete sich dafür.

Kokain statt Therapie

Wie viele andere verfolgten ihn die Bilder des Krieges, manchmal glaubte er, er müsste immer noch kämpfen. Krieg hinterlässt ein kollektives Trauma, die Überlebenden können nicht einfach dort weitermachen, wo sie einst aufgehört haben. Emin begann zu trinken. Als bald nach dem Krieg montenegrinische Schmuggler Sarajevo mit harten Drogen überschwemmten, griff er zu. In der Stadt, die nicht vergessen konnte, gab es keine Psychotherapeuten, keine Ärzte für posttraumatische Belastungsstörungen. Also behandelten sich die Kranken selbst mit gestrecktem Kokain und machten damit alles nur noch schlimmer. Emin wurde launisch, auch gegenüber seiner Freundin.

And you, you can be mean. And I, I drink all the time.

Irgendwann begann er zuzuschlagen, wenn sie ihm auf die Nerven ging. Nicht einmal, nicht zweimal. Er konnte nicht mehr sagen, wie oft. Dass sie ihn am Ende verließ, erlebte er mit Erleichterung. Endlich konnte er sich fallen lassen, im Kampf gegen die übermächtige Mauer in seinem Kopf die Waffen strecken.

Seine Frau zog nach Australien, wo sie einen Geschäftsmann heiratete. Sie musste es irgendwie geschafft haben, ihm zu verzeihen. Vielleicht tat er ihr im Nachhinein leid. Hin und wieder kamen Briefe.

„I not understand my daughter“

Emin versuchte ungeschickt, auf die Beine zu kommen. Er fand schlecht bezahlte Hilfsarbeiter-Jobs und verlor sie wieder. Statt Kokain nahm er Antidepressiva, die wenig halfen. Sein Bruder ließ ihn bei sich wohnen, für lau. Eine neue Frau fand er nicht. Die Jahre zogen ins Land, er überlebte.

Dann – einige Monate bevor wir uns trafen – kamen Frau und Kind zum ersten Mal zu Besuch nach Bosnien. Seine Tochter war zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen, sie redete ihren Vater wie selbstverständlich auf Englisch an. Seine Sprache hatte sie nie erlernt.

Emin verstand kein Wort. Er schämte sich.

„I not understand my daughter“, sagte er zu mir.

Da wurde mir klar, warum er mich angesprochen hatte. Emin, der glaubte, dass es für ihn in diesem Leben nichts mehr zu gewinnen gab, hatte begonnen, Englisch zu pauken. Als er mich sah, den Fremden, erkannte er eine Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse zu trainieren. Denn er war beim Lernen auf Bücher und billige CDs angewiesen. Keiner in seinem Umfeld sprach Englisch.

„I do not understand my daughter“, korrigierte ich ihn.

Ein Anti-Held als Held

Wir unterhielten uns noch eine Zeit lang, dann stieg er bei einem kleinen Bahnhof im serbischen Teil des Landes aus. „Fuck the System“ hatte dort jemand an die Mauer geschrieben. Passender wäre vielleicht: „Fuck the Wall“.

Man kann nur erahnen, welche Herausforderung es für einen seelisch zerrütteten, mittellosen Mann darstellt, ohne Hilfe in der zweiten Lebenshälfte eine fremde Sprache zu erlernen.

Emin, der Anti-Held aus Sarajevo hatte den Kampf gegen die Mauern in seinem Kopf aufgenommen. We can beat them, for ever and ever singt Bowie am Ende von „Heroes“. Ein leiser Kampf, den Emin gewonnen hat, wenn er sich mit seiner Tochter das erste Mal unterhalten kann.

Gut möglich, dass er ihr inzwischen schreiben kann. Vielleicht findet er einen Ausdruck für das, was ihn quält. Auf Facebook wird man von seiner Heldentat nichts lesen. Und das ist gut so.