Patrice Normand/Opale/Leemage

Autobiografische Stories von Etgar Keret

Herrn Kerets Gespür für das Paradox

von Angela Schader / 13.05.2016

Erstmals gewährt der Schriftsteller Etgar Keret Einblicke in sein Leben – aber nur für Leser jenseits der Grenze seiner Heimat Israel. Dies ist nicht das einzige Paradox in der neuen Erzählsammlung.

Hängt der PC mal wieder? Ist der Liebste sauer? Hat die Konkurrenz den Auftrag eingesackt, den man selbst im Auge hatte? Alles nichts; wir haben ja keine Ahnung, was echter Frust ist. „Es gibt nichts, was so frustrierend ist wie ein Atombombentreffer, während man Seife ins Waschwasser gießt.“ So.

Affinität zum Absurden

So jedenfalls spricht die Gattin des israelischen Schriftstellers Etgar Keret in „Die sieben guten Jahre“; einem Buch, dem – ganz nach der Art des Autors – das eine und andere Paradox eingeschrieben ist. Die Affinität zum Widersprüchlichen, Absurden wundert nicht, wenn Kerets Schriftstellerkarriere denn tatsächlich so begonnen haben sollte, wie er es hier erzählt: Als er seinen ersten literarischen Versuch dem bewunderten älteren Bruder zu lesen gab, verschlang der den Text begeistert, tat seine Anerkennung kund – und benutzte dann das bedruckte Papier, um einen Haufen seines Hundes aufzuheben. Gerade diese Geste aber lehrt den angehenden Schriftsteller, dass das, was er geschaffen hat, mehr ist als „das zerknitterte, mit Scheiße beschmierte Blatt, das jetzt auf dem Boden eines Mülleimers lag“.

Gegen den Strich gebürstet werden auch die „guten“ Jahre, die der stark autobiografisch geprägten Textsammlung den Titel geben: Sie beginnen mit einem Terroranschlag, der die Geburt von Kerets Sohn überschattet, und enden mit einem Luftalarm; dazwischen liegen zwei Kriege (gegen Libanon und Gaza), die Krebserkrankung und der Tod des Vaters, eine Fehlgeburt und ein Unfall. Allerdings ist es nicht Kerets Art, das Dramatische, Tragische auszureizen; sein Duktus ist jenes ironische Understatement, das auch im Moment der totalen Vernichtung das Spülwasser im Auge behält. Solches Verhalten mag auch ein Stück realer Überlebensstrategie sein in einem Land, das sich in seiner Existenz permanent bedroht fühlt.

Paradox mutet schließlich die Tatsache an, dass von dem Buch keine hebräische Edition existiert, dafür nebst der englischen Erstausgabe eine deutsche Übersetzung und eine ins Farsi. Aber warum ausgerechnet die beiden Sprachen, die aus israelischer Sicht besonders negativ befrachtet sind?

Als erstes autobiografisches Werk in seiner 25 Jahre überspannenden literarischen Karriere sei ihm „Die sieben guten Jahre“ besonders wichtig, schreibt Keret im Nachwort; doch weil es darin um die Menschen gehe, die ihm die liebsten seien, schaffe es eine Intimität, eine Verletzlichkeit, die er als „furchterregend“ empfinde und die er nur mit Fremden teilen möge. Deshalb habe er von der Publikation in seiner Heimat abgesehen und das Buch auf Englisch veröffentlicht. Die Übertragung ins Deutsche, die der Schriftsteller Daniel Kehlmann besorgt hat, war fast selbstverständlich, denn Keret hat hier ein treues Publikum. Dass er das Werk aber auch in die Sprache des selbsternannten Erzfeindes des Staates Israel übersetzen und auf geheimen Wegen nach Iran schmuggeln ließ, sorgte im vergangenen Herbst für Aufsehen. Den Schriftsteller trieb dabei die Hoffnung an, dass iranische Leser in dem Buch einer israelischen Familie begegnen könnten, die „genau dieselben Hoffnungen und Ängste hat wie andere Familien auf dieser Welt“.

Ohne Weichzeichner

Die Sammlung aspiriert dabei nicht auf einen flächendeckenden Ansatz: Familiengeschichte, israelischer Alltag, Kerets Schriftstellerleben werden diskontinuierlich in kurzen Streiflichtern erhellt. Jedem Jahr sind zwischen vier und sieben Geschichten zugeordnet; mehrheitlich liegt der Schwerpunkt in Israel, einzig das zweite Jahr fokussiert auf die Leiden und Freuden eines Reisenden in Sachen Literatur.

Der Untertitel „Mein Leben als Vater und Sohn“ weist auf die Ereignisse, welche die Klammer um die gewählte Zeitspanne setzen: die Geburt des kleinen Lev, dessen Gedeihen Keret dann ohne Weichzeichner und gelegentlich ironisch-entrüstet über den robusten Materialismus des Sohnemanns rapportiert; und der Abschied vom Vater – einem Mann, dessen Mutterwitz und Lebenstüchtigkeit in köstlichen Reminiszenzen beschworen werden. Die Texte leuchten auch über den Familienkreis hinaus: Die Penetranz von Telefonverkäuferinnen und die Unfreundlichkeit, die zum Rüstzeug jedes israelischen Taxifahrers zu gehören scheint, kommen ebenso zur Sprache wie die Diskussionen der auf dem Spielplatz versammelten Mütter darüber, ob ihre zufrieden im Sandkasten buddelnden Dreijährigen dereinst Militärdienst leisten sollen oder nicht.

Die Kerets sind alles andere als abgehobene Betrachter ihrer Landsleute: Die Militär-Debatte fetzt auch über ihren Mittagstisch, das Computerspiel „Angry Birds“ bringt die Mutter des Schriftstellers auf die Barrikaden, während seine Gattin verschämt eingesteht, dass das Feuern und Zerstören halt Spaß mache. Kerets Schwester, die sich dem orthodoxen Glauben zuwandte, ist damit nicht etwa „gestorben“, wie es ein refrainartig wiederkehrender Satz in der ihr gewidmeten Story behauptet; vielmehr begegnet sie einem als glückliche Mutter einer zwar etwas unübersichtlichen, aber charmanten Kinderschar. Die Grenzen zwischen ihr und dem liberalen Bruder sind subtil, können aber schneidend scharf sein: Nie wird die Schwester Kerets Bücher lesen, und sogar die extra für ihre Sprösslinge gefertigte „koschere“ Variante eines von ihm verfassten Kinderbuches findet vor den Augen ihres Rabbis keine Gnade.

Bekenntnis zum Leben

Als bei Kerets Vater Zungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird, stellen die Ärzte ihn vor die Wahl der Qual: gar nichts unternehmen, Chemotherapie, Bestrahlung oder die operative Entfernung von Zunge und Kehlkopf. Der Normalverbraucher würde kopfscheu ob solchen Alternativen; nicht so dieser noch im Alter aktive, vife Geschäftsmann, der ohne Zaudern die letzte Option packt. „Ich treffe gern Entscheidungen, wenn die Dinge auf dem Tiefpunkt sind“, vertraut er dem Sohn an. „Und die Situation ist so ein Dreck, dass ich nur als Gewinner daraus hervorgehen kann.“

In diesem heiteren Trotz liegt vielleicht auch der Kern von Etgar Kerets literarischem Selbstverständnis. Wenn er – als Sohn einer Holocaustüberlebenden, als kritischer Bürger einer zerrissenen, komplexen Nation – auf den leichten Ton besteht: Dann legt er damit genau das pathosfreie, uneitle Bekenntnis zum Leben ab, an dem der Vater auch im Angesicht des Todes festhält.