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Hey, Hure!

von Barbara Kaufmann / 20.02.2015

Ein 22-Jähriger blickt in die Kamera. Das Bild wackelt. Er hält sie selbst. Er hat Mühe, sie gerade zu halten. Seine Haut glänzt. Auf Stirn und Nase sind Aknespuren zu erkennen. Er ist nicht Mann und nicht mehr Junge. Ein Zwischenstadium. Seine Stimme hat unsichere Höhen, wenn er spricht. Weinerlich, ein wenig wie ein quengelndes Kind auf dem Spielplatz, das unglücklich ist, weil es die anderen nicht mitspielen lassen. Er beklagt sich darüber, dass Frauen sich nicht für ihn interessieren. Dass ihn keine mag. Dass sie ihn immer nur ausgelacht haben. Im Hintergrund sind Palmen zu erkennen, ein Golfplatz, eine schöne Kitschpostkarte. Die kalifornische Sonne blendet ihn. Seine Augen sind glasig. Weint er? Man kann es nicht mit Sicherheit sagen.

Eine 14-Jährige lächelt strahlend in die Kameralinse ihres Handys. Sie trägt ein weites Shirt, knappe Shorts dazu. In ihrer Nase blitzt ein Silberring. Ihre großen Augen sind stark geschminkt. Ihre Nägel hellblau lackiert. Der Lack ist an den vorderen Stellen abgeblättert. Vielleicht hat sie bei ihrer letzten Schularbeit daran herumgenagt, während sie über die Lösung nachdachte. Vielleicht auch nur gedankenlos Nägel gebissen, während sie im Unterricht aus dem Fenster in den Schulhof geblickt und sich in eine andere Welt geträumt hat. Eine, in der Jungs in weiten Hosen zusammenstehen und harte, wilde Typen sind. In der ihr Ruf auf der Straße wichtiger ist als Schulnoten oder der Kontostand ihrer Eltern. Eine, in der Kurvendiskussionen nur zählen, wenn es sich um die Rundungen einer Frau dreht. Die 14-Jährige gibt jeden Cent ihres Taschengelds für die Musik aus, die man in dieser Szene hört. Sie ist Hip-Hop-Fan, ihr Foto ein sogenanntes Fan-Selfie.

Die beiden haben einander nie kennengelernt. Sie hätten sich vielleicht gut verstanden. Sie hätten gemeinsam in ein Café gehen können oder einen Spaziergang rund um den Golfplatz machen. Unter den Palmen sitzen, plaudern, einander näher kennenlernen. Sich gegenseitig ihre liebsten YouTube-Videos vorspielen und am Schluss ein Selfie schießen. Eines mit ihrem Handy, eines mit seinem. Vielleicht wären sie Freunde geworden. Vielleicht mehr. Stattdessen wird die junge Frau am nächsten Tag in einer vollen Konzerthalle stehen und im Chor Lieder eines Künstlers mitsingen, die Zeilen haben wie „Sie gibt mir Kopf“, „lutscht an meinem Blasrohr“, „ich geb ihr, was sie braucht“.

Der junge Mann wird ein Messer nehmen und eine vorbereitete Pistole und wird ein Blutbad anrichten. Danach wird er sich selbst eine Kugel in den Kopf schießen. Sein Name ist Elliot Rodger. Sieben Studenten sterben am 23. Mai 2014 durch seine Hand. Das Motiv: Frauenhass. 25 Jahre zuvor dringt in Montreal Marc Lépine, 25, in eine Hochschule ein, kommt in einen Klassenraum, schickt die männlichen Schüler hinaus und tötet 14 Frauen. Das Motiv: Frauenhass. Im Jahr 2009 stürmt der 17-jährige Tim Kretschmer in die Albertville-Realschule von Winnenden und tötet 15 Menschen gezielt mit Kopfschuss. Die überwiegende Mehrheit davon waren Frauen. Bei der Suche nach einem Motiv für die Gräueltat tippen die Ermittler auf: Frauenhass.

Misogynie, wie der Fachbegriff dafür lautet, ist nicht nur gefährlich, sondern tödlich. Die Herabsetzung von Frauen, ihre Degradierung zum Sexualobjekt, der Hass auf Feminismus sind Phänomene, die nicht am Rand der Gesellschaft stattfinden. Frauenverachtung ist fixer Bestandteil der Unterhaltungskultur. Ob in den nachmittäglichen Doku-Soaps des Privatfernsehens, in denen Frauen von ihren Partnern als Schlampen bezeichnet und vor laufender Kamera misshandelt werden oder in einem abendlichen Faschingsspektakel im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in dem Frauen in den einzelnen Revuenummern wahlweise die Rolle der Xanthippe oder der leicht zu erobernden, schönen Nachbarin besetzen. Zwischen Viagra-Witzen und Pointen, die sich zum Beispiel daraus nähren, dass gendern und das Kärntner Dialektwort tschenschen (sich beklagen) nicht aus Zufall ähnlich klingen, wird aufs Publikum geschnitten. Die Männer johlen, darunter der ehemalige Frauenminister Herbert Haupt. Ihre Begleiterinnen amüsieren sich scheinbar auch. Den Schenkelklopfer nimmt mancher Mann zu wörtlich. Doch wer nicht lacht, der hat verloren. Die Einschaltzahlen lügen nicht. 1,3 Millionen Menschen wollten in diesem Jahr die Faschingssitzung aus Villach sehen. Zoten mit Quoten.

Dabei veröffentlicht die EU jährlich neue Zahlen über Gewalt gegenüber Frauen und mit jedem Jahr klingen sie alarmierender. 2014 gibt in einer groß angelegten Studie im EU-Raum jede dritte Frau an, dass sie Erfahrungen mit körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt gemacht hat. Manche von ihnen bereits mehrfach. Vier Jahre davor, 2010, spricht eine Untersuchung in Russland von 14.000 weiblichen Todesopfern durch Gewalt. In einem Jahr. 2013 stirbt in Italien statistisch gesehen jeden zweiten Tag eine Frau an den Folgen von Gewaltausübung durch einen männlichen Partner, Bekannten oder Familienangehörigen. Die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie schätzt auf ihrer Website, dass in Österreich pro Jahr ca. 30 Frauen durch die Hand ihres (Ex-)Partners zu Tode kommen.

Der Zusammenhang zwischen einer frauenverachtenden Mainstream-Kultur und Gewaltanwendungen gegen Frauen wird nicht hergestellt. Medial wird Frauenhass nämlich nur in feministischen Publikationen Aufmerksamkeit geschenkt. Sonst bleibt es ein Nischenthema. Allenfalls hervorgeholt, wenn der Weltfrauentag ansteht. Oder ein Aktionstag gegen Gewalt in der Familie.

Im vergangenen Oktober musste ein Vortrag der feministischen Medienkritikerin Anita Sarkeesian an der Utah State University abgesagt werden. Die bereits im Vorfeld massiv angefeindete Videobloggerin, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Videogames beschäftigt, wurde mit dem Tod bedroht. Mehr noch. In einem anonymen Schreiben kündigte man an, es werde im Falle ihres Auftritts ein Schul-Massaker ungeahnten Ausmaßes stattfinden. Kaum auszumalen, was geschehen würde, wenn dasselbe Szenario in einem völlig anderen Setting über die Bühne gegangen wäre. Oder eben nicht. Wenn der Vortragende männlich gewesen wäre, ein Soziologe, Philosoph oder Journalist, der sich beispielsweise kritisch mit dem Islam auseinandersetzen würde. Und die Drohungen von einem islamistischen Absender gekommen wären. Meinungsfreiheit bedroht! Westliche Werte in Gefahr! Qualitätspresse und Boulevard hätten sich tagelang empört. Im Falle von Anita Sarkeesian blieb es hingegen still in den Kommentarspalten und den Fülltexten der bildgewaltigen Gratiszeitungen. Unheimlich still. Sarkeesian, so liest man stattdessen in einschlägigen Blogs, sei eben verbissen, hätte den Bogen überspannt, eine frustrierte Feministin. Humorlos.

In der Zwischenzeit wird ein erfolgreicher deutscher Rapper für ein großes deutsches Hip-Hop-Magazin bei seinen Tourvorbereitungen mit der Kamera begleitet. Und wie er da so durch den großzügig dimensionierten Tourbus schlendert in seinen weiten Hosen und launig über den Alltag on the Road spricht, fällt nebenbei auf die Frage nach weiblichen Fans folgender Satz: Nee, im Tourbus herrscht Hurenverbot.

Der nicht mehr ganz junge Mann Anfang 40 will damit ausdrücken, dass weiblichen Anhängerinnen seiner Kunst und seines Werkes der Zutritt zu den mobilen Räumlichkeiten nicht gestattet ist. Der Moderator, ein Mann Mitte 40, stellt ihn nicht zur Rede. Huren, das ist eine akzeptierte Bezeichnung für Frauen in dieser Szene.

Und während im deutschen Hip-Hop in den letzten Jahren kritisch über Rassismus diskutiert wird und neuerdings auch über Antisemitismus, über das gegenseitige Beschimpfen (Dissen) zu Werbezwecken und die Zunahme von Gewalt in den Texten, wird das Thema Frauenverachtung nicht einmal gestreift. Spricht man es doch an, offenbart man sich als jemand, der die Kultur nicht versteht. Der nicht relaxed genug ist, nicht chillt, der das Kokettieren mit Vergewaltigungsfantasien nicht als das sehen will, als das es gerne verkauft wird: als Gag. Schmäh, würden die Wiener sagen. Misogynie is Part of the Game. Millionen Fans können nicht irren.

Da darf man sich eben auch nicht wundern, wenn sich die Grußworte junger Männer, die altersmäßig die eigenen Kinder sein könnten, drastisch verändern. Hey, Hure! rufen sie an der Straßenbahnhaltestelle, wenn man abends von der Arbeit nach Hause kommt. Dabei spiegelt sich die Straßenbeleuchtung in ihren Brillen und bringt ihre pickelige Haut zum Glänzen.