Morgengrauen

Hic Rhodus, hic salta!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 26.09.2016

Nichts scheint zu passieren. Ich stehe auf und weiß nicht mehr, welches der falsche Fuß ist, um aufzustehen. Aber den richtigen gibt es auch nicht. Weder falsch noch richtig, das ist die Devise der irrealen Realität. Ich gehe ans Fenster. Draußen ist alles, wie es ist, und irgendwie ist alles zu wenig. Ich drehe mich um, vom Fenster weg, bloß, um in die noch dunkle Küche zu schauen, die jetzt daliegt, als ob es völlig gleichgültig wäre, dass ich gleich das Frühstück zubereiten werde. Und dass ich mir nicht völlig sicher bin, ob es tatsächlich völlig gleichgültig ist, macht die Sache nur unwirklicher. Was ist geschehen?

Gestern sind irgendwelche Kurden in ihren Verstecken aufgestöbert und wie Hasen bei der Treibjagd abgeschossen worden. Ich weiß nicht, warum mir gerade diese Episode einfällt. Denn sie ist eine der üblichen Barbareien auf dem ewigen Schlachtfeld, das sich „Menschheit“ nennt. Dann erinnere ich mich: Mir sind, wegen meines Irrealitätsgefühls, schon vor Tagen meine Realitätstabletten ausgegangen. Seither plagt mich der Horror vor der irrealen Realität. Und dann wache ich auf …

Ich träumte, ich hätte meine Realitätstabletten einzunehmen vergessen, was mich daran erinnert, dass ich nicht vergessen darf, meine Tabletten gegen den Horror vor der realen Realität einzunehmen … Und dann wache ich noch einmal auf und weiß wieder, welches der richtige Fuß ist, um, aus dem Bett springend, mit dem falschen aufzustehen. Hic Rhodus, hic salta!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.