Hier bin ich sowieso

Gastkommentar / von Peter Strasser / 03.05.2016

„Eben, hier bin ich sowieso …“ Aufwachend weiß ich im Moment nicht, wo ich bin (zu Hause). Gestern Abend Podiumsdiskussion mit Experten. Es ging darum, was man tun müsse, um das Leben „qualitativ hochwertig“ zu gestalten, das eigene und das der anderen (in dieser Reihenfolge).

Man debattierte auf hohem Niveau über Lebenskunst, ich glaube, es war sogar von Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen die Rede, die, wenn sie sonst nichts zu tun hätten, sich in der Lebenskunst des Müßiggangs üben könnten. Nachts hatte ich dann Kreuzschmerzen, mir war das Bett zu weich, ich litt am Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom, das alle Gäste hier auf der Kongressnobelalm lebenskünstlerisch zu bewältigen haben. Ja, ich weilte auf einem Nobelkongress für Lebenskunst, man hatte mich eingeladen, ein lebenskünstlerisches „Impulsreferat“ zu halten. Also sprach ich zum Thema „Selbstverwirklichung“. Das war eine glatte Themenverfehlung. Denn es geht, so wurde ich belehrt, nicht mehr darum, sich selbst zu verwirklichen, sondern vielmehr darum, sich laufend selbst neu zu erfinden, Arbeitslose und Flüchtlinge nicht ausgeschlossen – ja, die ganz besonders, darin liege eben die Lebenskunst des Müßiggangs.

Und wegen des vergangenen Wilhelm-Busch-Jahres wird der „ewig aktuelle“ Mister namens Pief zitiert, als „Vorreiter der permanenten Selbstneuerfindung“ – so ein Unsinn! –: Schön ist es auch anderswo. / Und hier bin ich sowieso. Dazu kann ich nur sagen: Eben. Ich will nach Hause, und zwar sofort!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).