Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Himmel, mit einem Morgenkuss drauf

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.12.2015

Gestern Nacht ein Blick aus dem Fenster. Der Himmel war der Himmel war der Himmel, mit Sternsplittern drauf. Keine einzige Sternschnuppe.

Schade, aber was soll’s? Ich hätte mir sowieso nichts gewünscht. Bei der letzten Sternschnuppeninvasion schrieb nämlich unsere Lokalzeitung: „Am Himmel ist die Hölle los.“

Die Hölle? Da spitzte ich sozusagen meine metaphysischen Ohren. Aber dann hieß es weiter: „Ob Gott Perseus Sterne fallen lässt oder Staubteile eines Kometen verglühen, ist eigentlich egal.“ Weg war er, der Himmel der Sternseherin Lise, die bei Matthias Claudius sagen darf: „Es gibt was Bessers in der Welt als all ihr Lust und Leid.“

Perseus oder der Komet? Egal. Lichter am Himmel waren einst Vorboten apokalyptischer Ereignisse, man konnte den Geschichten lauschen und wusste: Etwas Unaussprechliches ist im Gange, ob gut oder schlecht, ob Lust oder Leid – etwas, das unsereinen, den Schöpfungswinzling, mit dem Ganzen verbindet.

Die Bedeutung der Geschichten lag darin, worüber sie schwiegen. Missgestimmt drücke ich mein Frühstücksbrötchen, bis es bröselt. Ich starre die Brösel an, sie starren zurück: blicklos. Soll ich mich umdrehen und weggehen?

Da geht die Wohnzimmertüre auf: „Guten Morgen!“ Meine Frau gibt mir einen Gutenmorgenkuss. Und plötzlich kommt mir vor, das Gebrösel habe eine Bedeutung – eine Gutenmorgenkussbedeutung.

Ein wenig geniert wische ich die Bröselschar vom Tisch. Perseus oder der Komet? Egal, der Himmel ist der Himmel, mit einem Morgenkuss drauf.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.