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Leben hinter Zäunen

Hinter Gittern

von Barbara Kaufmann / 28.10.2015

Eine Gesellschaft, die andere aussperrt, sperrt sich selbst ein.

Es kam über Nacht. Wochenlang wurde gebohrt und gestemmt, und dann war es plötzlich da. Das elektronische Sicherheitstor, das Zugang und Zufahrt zu unserer Wohnhausanlage versperrt. Fünf Stiegen mit je vier Stockwerken, Altbau, Gründerzeit, ein Innenhof mit Bäumen, der von den Mietern gegen eine Gebühr als Parkplatz genutzt wird. All das konnte man plötzlich nur noch mit Sicherheitskarte betreten. Was nun folgte, war eine Farce, die bis heute noch nicht ausgestanden ist. Die Tore klemmten, gingen nicht oder nur sehr langsam auf. An manchen Tagen kam man nicht raus, dann wieder nicht rein, dann war die Anlage ohnehin wieder wochenlang außer Betrieb.

Seit der Errichtung stapeln sich die Proteste der Bewohner bei der Hausverwaltung. Niemand fühlt sich sicherer. Im Gegenteil. Im Augenblick benötigt das Tor zwischen zehn und 15 Sekunden bis es so weit offen ist, dass man durch den entstandenen Spalt durchschlüpfen kann. Da kann man als Frau nur hoffen, dass man am Heimweg nie in wirkliche Gefahr gerät. Trotz aller Probleme scheint jedoch festzustehen: Das Tor bleibt. Man munkelt, die Hausverwaltung will es unbedingt behalten. Es würde der frisch renovierten Anlage mondäneres Flair verleihen. Wohlstand definiert durch Isolation.

Wer schon einmal in Mexico City zu Besuch war oder in anderen Städten Lateinamerikas, kennt dieses Prinzip der exklusiven Wohngemeinschaften, die für die Außenwelt unzugänglich sind. Gated Communities sind seit den frühen 1980er Jahren in den Vorstädten der USA auf dem Vormarsch. Eine Studie aus dem Jahr 2002 geht gar davon aus, dass ein Sechstel der US-Bevölkerung darin lebt, Tendenz steigend, und das war wie gesagt vor 13 Jahren. In Südafrika gibt es ganze Straßenzüge, die zu den exklusiven Anlagen gehören und mittlerweile nur noch mit Ausweis befahren werden dürfen. In Russland und China steigt das Interesse an den bewachten Wohnvierteln jährlich an. Im 16. Arrondissement von Paris kann man noch heute eine der ältesten Gated Communities, das 1860 errichtete Viertel Villa Montmorency, begutachten. Nur von außen selbstverständlich. Zutritt damals wie heute für Fremde strengstens verboten.

Wohnen hinter Zäunen, flankiert von Wachmännern. Bei der Ausfahrt und vor der Ankunft zu Hause muss man Checkpoints passieren mit Ausweiskontrollen. Alles ist abgesperrt, Gartenfeste im Schatten von Mauern und meterhohen Betonwänden. Golden Ghetto nennt man das in den USA, ein glänzendes Ghetto, ein Vorstadtszenario wie in der TV-Serie Desperate Housewives – nur ohne Stars. Segregation, Ausschluss, Isolation. Wer so lebt, verändert sich, wie die amerikanische Anthropologin Setha Low in ihren zahlreichen Arbeiten über Gated Communities herausgefunden hat. In einer geschlossenen Gemeinschaft wird Individualität als Bedrohung empfunden, Anderssein als Kränkung. In so einem Klima gedeihen Paranoia, Denunziation, Voyeurismus und vor allem Angst.

Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise in Europa wird nun in Österreich das erste Mal seit Jahren wieder laut darüber nachgedacht, Zäune zu bauen. Die Grenzen dicht zu machen, abzuriegeln, sich einzubunkern. Nachdem der Abbau von Zäunen und Mauern innerhalb Europas – das Ende des Eisernen Vorhangs, der Fall der Berliner Mauer – die Kindheit und Jugend meiner Generation geprägt hat, soll nun wieder Metall die Grenzen schützen.

Das Europa der Zukunft als Festung? Als riesige Gated Community, als überdimensionale Wisteria Lane? Was macht so ein Europa mit uns, was mit unserer Gesellschaft?

„Im Binnenland tut man sich schwer, die Ferne zu verstehen. Man lässt nichts rein, man lässt nichts raus und inzüchtig wird man untergehen.“ , singt die Hamburger Band „Goldene Zitronen“.

Die Aussperrenden werden darauf achten müssen, nicht zu Eingesperrten zu werden.