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Höflichkeit, eine bedrohte Tugend: Der kleine Frieden

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.09.2016

Höflichkeit war eine adelige Tugend, die vom Bürgertum übernommen wurde. Sie umfasste das Ideal, dass alle Menschen gleich an Würde seien. Heute, wo tatsächlich alle gleich sind, wird sie gern vernachlässigt.

Gerne wird in besorgten Zeitkommentaren ein Verfall der Sitten konstatiert, während man nicht verabsäumt, jene Sittendiktatur zu geißeln, welche die Frauen unter das Kopftuch oder gar hinter den Schleier und drei Schritte hinter ihre Männer zwingt. Der Verfall unserer eigenen Sitten zeigt sich demnach – im Kontext liberaler Freizügigkeiten und narzisstischer Verengungen – vor allem darin, dass die überkommenen Formen der Höflichkeit und Anteilnahme schwinden, ohne dass neue in Sicht wären. Ereilen uns etwa nicht immer wieder alarmierende Berichte über Menschen, die auf vielbelebten Straßen zusammenbrechen, ohne dass die Vorübergehenden davon Notiz nehmen möchten?

Würde des Standes

Derlei generalisierenden Befunden sollte man mit Vorsicht begegnen. Beispielsweise ergeben repräsentative Umfragen seit der Jahrtausendwende, dass der elterliche Erziehungsstil in steigendem Maße auf das Erlernen und Trainieren von „guten Manieren“ abstellt. Man könnte also erwarten, dass, nach dem Ende des pädagogischen Laissez-faire, eine Generation höflicher junger Leute heranwächst, zumindest in den sozial gehobenen, eher gebildeten Schichten. Und diese Erwartung ist wohl zutreffend unter der Voraussetzung, dass man die Rolle der – wie ich sagen möchte – postmodernen Höflichkeit richtig einschätzt.

Rainer Erlingers jüngst erschienenes Buch „Höflichkeit“ (S. Fischer) trägt den vordergründig rätselhaften Untertitel: „Vom Wert einer wertlosen Tugend“. Warum dieses Spiel mit dem Paradox angesichts der Auffädelung einer Fülle, ja Überfülle von Höflichkeitsperlen für fast alle Lebenslagen? Hier der Versuch einer kurzen Antwort zu einer langen Geschichte.

Untersuchungen an verschiedenen amerikanischen Universitäten zeigten, dass es sich auszahlt, höflich zu sein.

Höflichkeit zählte zu den typisch „adeligen“ Tugenden. Im höflichen Umgang bekräftigte man eine Wertschätzung, die primär nicht dem Menschen an sich galt, sondern der Würde des Standes, dem das jeweilige Gegenüber zugehörte. Die krisenhafte Seite dieses Verhaltens beleuchtet der Romancier Marcel Proust in seinem monumentalen Zeitgemälde „A la recherche du temps perdu“. Bei Begegnungen mit bürgerlichem Volk macht sich die Herzogin von Guermantes, eine Vertreterin des Hochadels, durch Höflichkeitsbekundungen regelrecht klein. Dadurch wird der soziale Abstand betont, indem er auf outrierte Weise überspielt wird; zugleich wird darin ein Eingeständnis fühlbar: Die Arroganz des Adels ist im Grunde eine Anmaßung.

Wir befinden uns hier an der Schwelle zu jener Verbürgerlichung der Höflichkeitsetikette, worin sich das universalistische Menschenbild des aufgeklärten Geistes ausdrückt: Alle Menschen sind gleich an Würde. Freilich die – wie Norbert Elias darlegte – bürgerliche Nachahmung der feinen adeligen Sitten wird rasch formalistisch. Sie wird zur leeren Konvention angesichts der Festschreibung des Gleichheitsgrundsatzes in den demokratischen Verfassungen Europas. Die Höflichkeit als Tugend erscheint damit als „wertlos“.

Hass-Lava in den Netzwerken

Unter einem postmodernen Gesichtspunkt signalisiert höfliches Verhalten nicht pathetisch, dass man im anderen den Menschen und im Menschen dessen Würde achtet. Der Wert der Höflichkeit liegt nun in ihrer Funktionalität. Sie gehört zu den Soft Skills. Untersuchungen an verschiedenen amerikanischen Universitäten zeigten – wenig überraschend –, dass es sich auszahlt, höflich zu sein. Höfliche Menschen haben größere Chancen, einen Job zu erhalten, befördert zu werden, besser zu verdienen und sexuell erfolgreich zu sein („the key of getting laid – be nice and polite“). Ferner setzen kundenorientierte Berufssparten auf ein professionelles Freundlichkeits- und Anteilnahmegebaren. Derart bekommt die wertlose Tugend einen handfesten „Wert“, nämlich Nutzen- oder Geldwert.

Wir sollten höflich sein, damit wir entdecken, dass der jeweils andere eine Würde hat.

Doch daraus lässt sich keine „allgemeinmenschliche“ Einstellung mehr ableiten. Außerhalb des Funktionsbereichs postmoderner Höflichkeit wird der andere, zumal der Kulturfremde, leicht zum Repräsentanten des „Nicht-Wir“. Der zivilisatorisch ungezähmte Anteil unseres Selbst übernimmt in der digitalen Anonymität die Führung – zuerst virtuell, affektiv übersteuert, und dann real, durch die Mobilisierung latenter Feindbilder. Hass-Lava sickert aus den sozialen Netzwerken und gebiert eine Welt, worin der Mensch wieder des Menschen Wolf und Schlimmeres geworden ist.

Erst im Rückblick, im Anblick von Terrortoten und brennenden Flüchtlingsheimen, mag uns klarwerden, was wir alles verloren haben, nachdem uns bereits schien, wir hätten die Menschheit als kantischen „Zweck an sich“ vor uns: als den erreichten ewigen Frieden. Aber schon bei Kant war „Zum Ewigen Frieden“ der Name eines Gasthauses, hinter dem sich ein Friedhof erstreckte. Man sollte unter Sterblichen nicht zu viel wollen.

Fazit: Nicht weil uns die Würde des jeweils anderen von vornherein einleuchtet, sollten wir höflich sein. Wir sollten höflich sein, damit wir entdecken, dass der jeweils andere eine Würde hat. Friede kommt von Höflichkeit – das ist der wahre Wert der wertlosen Tugend.

 

Peter Strasser, Jahrgang 1950, ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Universität Graz. Kürzlich ist aus seiner Feder im Verlag Wilhelm Fink erschienen: „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“.