Dr. Strangelove

I love you, aber nur mit IQ

von Milosz Matuschek / 22.10.2015

Kann Intelligenz – pardon – geil machen?

Was passiert, wenn Klugheit und Sexualität sich paaren? Nun ja, erst mal ensteht ein ziemlich missratener Neologismus. „Sapiosexualität“ steht als Modewort für die angeblich erotisierende Kraft der Klugheit. Ein US-Datingportal hat diese Kategorie jedenfalls im Angebot. Und plötzlich scheinen Menschen auf ihren sonstigen Profilen immer häufiger zu entdecken, dass sie erregbar sind durch die Intelligenz des anderen – und nur dadurch.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Gib’s zu, du willst nur meine grauen Zellen

Der IQ scheint damit die in den 90ern vielbeschworenen „inneren Werte“ abzulösen, was grundsätzlich keine schlechte Idee ist, wäre da nicht zunächst das Odium des Eigenlobs: der Sapiosexuelle outet ja nicht nur eine sexuelle Präferenz, sondern posaunt ganz nebenbei noch seine ständige geistige Unterforderung in die Welt hinaus. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, was mit „sapere“ in Zusammenhang mit der Erotik tatsächlich gemeint sein soll: Analytische Begabung? Bildung? Oder doch nur ein kleinbürgerliches Statusdenken in den Kategorien akademischer Zertifikate?

So recht will man den Sapios nicht glauben, dass Intelligenz der alleinige Antörner sein soll. Gilt das auch für den Nerd mit speckigen Haaren und Ketchup-Flecken auf dem T-Shirt, der seinen IQ von 145 beim World of Warcraft-Spielen verschwendet? Wenn ja, wäre das mal wirklich ein Trend. Ansonsten ist bekannt, dass eine gewisse Form von emotionaler Intelligenz beim Kennenlernen nicht gänzlich unnütz ist. Ist der Flirt nicht immer auch eine Art Tanz der grauen Zellen? Geistige Anregung als Vorgeschmack auf alles Spätere, quasi das amuse bouche, pardon, amuse brain? Wer sich durch Feinsinnigkeit, Ironie und intelligenten Humor auszeichnet, ist dann vielleicht in der Horizontale auch nicht unbedingt der gröbste Klotz. In dieser Lesart wäre Sapiosexualität nichts weiter als eine Binse. Der gute Flirt ist wohl in der Regel eher klug als plump.

Sexuelle Präferenz oder Statusheroismus?

Schliesslich drängt sich bei aller Intelligenzgeilheit auch noch ein schlimmer soziologischer Verdacht auf: müsste in einer Wissensgesellschaft nicht ganz selbstverständlich Intelligenz eine Ressource der Attraktivität sein? Es muss ja nicht gleich der Turbo-Nerd zum Sexsymbol erhoben werden. Wohl aber gibt es im digitalen Zeitalter eine neue Form des Statusheroismus: nicht mehr Krieger und Eroberer sind die Helden der Stunde, sondern der halbwüchsige Start-Up-Unternehmer, der es schafft, einer Firma vom Schlage Facebook & Co seine Idee für ein paar Milliarden zu verkaufen.

Aus Geschlechtersicht ist Sapiosexualität kein Trend, sondern kalter Kaffee. Auch moderne Frauen orientieren sich in der Partnerwahl immer noch nach oben, behaupten Soziologen wie die Britin Catherine Hakim („Feminist Myths and Magic Medicine“). Sie suchen nach Männern, die besser ausgebildet sind und mehr verdienen. Allerdings wird der Markt kleiner, je höher Frauen auf der Karriereleiter aufsteigen. Mit jedem Karrierschritt gräbt sich die Frau bei der Partnerwahl das Wasser ab. Sapiosexualität könnte hier also auch eine Art Notfalltürchen sein: denn jetzt reicht es wenigstens, wenn der Mann „nur“ intelligent ist. Er muss nicht auch noch aussehen wie eine Mischung aus Matt Damon und Brad Pitt. Sapiosexualität als intelligente Erweiterung der Flirtzone? Das hatten in den 80ern selbst die cleversten Nerds nicht vorprogrammiert.