Gabi Kopp

Ich distanziere mich vom christlichen Mörder

Gastkommentar / von Thomas Maissen / 06.12.2015

Viele Gewalttäter geben vor, im Namen einer Religion zu handeln. Wie sollen Glaubensbrüder und -schwestern auf solche Taten reagieren? Ein Gastkommentar von Thomas MaissenThomas Maissen ist Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris. .

Vergangene Woche hat ein Baptist in einer Abtreibungsklinik in Colorado Springs drei Menschen erschossen. Der Mörder beruft sich wohl auf die Heilige Schrift, so Exodus, 21, 22–24, hier nach der Lutherbibel von 1984: „Wenn Männer miteinander streiten und stoßen dabei eine schwangere Frau, sodass ihr die Frucht abgeht, ihr aber sonst kein Schaden widerfährt, so soll man ihn um Geld strafen, wie viel ihr Ehemann ihm auferlegt, und er soll’s geben durch die Hand der Richter. Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.“ Christliche Fundamentalisten deuten diese interpretationsbedürftige Stelle so, dass Gott Abtreibungen als Mord ansieht und dafür die Todesstrafe vorsieht.

Als getaufter Christ bin ich tief betroffen von dieser Gewalttat. Ich distanziere mich von dieser Verirrung und bitte die Opfer um Verzeihung für das, was ein Christ ihnen angetan hat. – Liebe Leserinnen und Leser, vergessen Sie diese zwei letzten Sätze. Sie sind Unsinn. Kein Christ muss sich distanzieren von einem Mörder, nur weil dieser sich auf die Heilige Schrift beruft. Es sind Menschen, die morden, nicht Bücher, und schon gar nicht komplexe Bücher, die nicht nur „Auge um Auge“ lehren, sondern auch wollen, dass wir die andere Wange hinhalten. In einer Demokratie kann man mit legitimen Gründen für oder gegen die Abtreibung sein; und das gilt für andere Sachfragen auch. Solange wir nicht Gewalt legitimieren, provozieren oder selbst ausüben, haften wir wegen des gemeinsamen Glaubens nicht für Mörder, die ihre Untaten mit ihrem Glauben rechtfertigen wollen, selbst wenn er auch unserer ist.

Umgekehrt dürfen wir unseren anderen Mitmenschen keinen Bekenntniszwang zumuten, damit sie sich von einer Gewalt lossagen, der sie nie zugesagt haben. Kein Muslim muss sich vom Terrorismus distanzieren, nur weil er Muslim ist. Distanznahme setzt Nähe voraus. Der Islam steht per se der Gewalt so fern oder nahe wie das Christentum oder andere Religionen. Die weitaus meisten Opfer von Terror auf dieser Welt sind Muslime. Zudem gibt es den Islam nicht: Ein Schiit ist ebenso wenig ein Sunnit wie ich ein Baptist oder ein Methodist. Keines dieser Bekenntnisse bewahrt davor, Mörder zu werden – oder Mordopfer. In einer Methodistenkirche in Charleston hat im Juni ein Rassist neun schwarze Gläubige erschossen. Soll ich mich von ihm distanzieren, weil ich die weiße Hautfarbe habe, die er zu verteidigen vorgab?

Selbstverständlich liefert der Koran Sätze, die als Aufforderung zum Morden gelesen werden können, wenn man denn morden will und dafür eine Legitimation sucht; die Bibel ebenso. Die moderne Welt mit ihrem Wertepluralismus ist schwer auszuhalten, weil er Lebensziele relativiert und die volle Verantwortung für die Auswahl unter Optionen dem Individuum überantwortet. Das ist tendenziell immer eine Überforderung. Alle Lehren, alle -ismen, nicht nur die religiösen Fundamentalismen, versprechen Abhilfe durch eine klare, binäre Formulierung von wahrem und falschem Weg. Selbst wenn wir von heute auf morgen alle Religionen abschaffen könnten, würde es weiterhin fanatisierte Mörder geben; zum Beispiel, wie in den guten alten Zeiten, im Namen von Faschismus und Kommunismus. Nur die Abschaffung unserer Freiheit bewahrt uns vor der Bedrohung durch Mörder. Aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Gefängniswärter uns umbringen.

Ich distanziere mich also nicht als Christ oder Schweizer oder Blondhaariger von Mördern, weil diese Christen, Schweizer oder Blonde sind. Ich will mit ihnen nichts zu tun haben, weil sie Mörder sind.