Leopold-Ungar-Preis

„Ich habe geraucht, werde bald sterben, aber das ist okay“

von Yvonne Widler / 27.03.2015

Wenn wir das Wort Hospiz hören, denken wir an den Tod. Diejenigen, die es von innen kennen, zeichnen ein anderes Bild: Der Arzt sagt, er hat mehr Freiheit. Die Krankenschwester sagt, sie hat mehr Zeit. Und die Patientin sagt, sie kann endlich wieder leben. Zumindest für diese letzten paar Wochen. 

Diese Reportage wurde am 5.11. 2015 mit dem Anerkennungspreis in der Kategorie Online des Prälat-Leopold-Ungar-Preises ausgezeichnet.

Max ist klein und etwas dick. Er lebt schon einige Zeit hier im Hospiz am Rennweg in Wien. Er legt sich heute zum allerersten Mal zu Frau Richter ins Bett. Er ist sonst immer an ihrem Zimmer vorbeigestreift. Aber heute, da macht er es sich auf ihrer Daunendecke gemütlich. Max ist der Hauskater, den die Sterbenden hier lieben.

1. Besuch bei Frau Richter

Beate Richter ist 70 Jahre alt. Die frühere Sozialarbeiterin ist schon vor vielen Jahren zum Buddhismus übergetreten. Ihre arbeitslosen Klienten haben sie gern gehabt. Weil sie ehrlich war und ihnen mit Würde begegnet ist. Nun liegt sie mit Würde im Sterbebett.

Sie trägt eine knallrot gerahmte Brille und gestikuliert wild, wenn sie erzählt. Sie ist eine resolute und quirlige Frau. Auf dem Bett liegen Tageszeitungen, die Sonne scheint zum großen Balkonfenster herein. Auf dem Nachtkästchen steht ein Glas mit eingelegten Birnenspalten. Viel kann sie aber nicht mehr essen.

Frau Richter hat Krebs. Lungenkrebs. Schuld sind die vielen Zigaretten, die sie in ihrem Leben geraucht hat, glaubt sie. „Ich habe sogar während dem Autofahren Tschick gewuzzelt“, sagt Frau Richter und dann lacht sie.

Sie gibt sich große Mühe, fröhlich zu sein. „Ich habe gesehen, wie meine Tochter damit kämpft, wie ich hier liege“, sagt sie. „Wie ihre Augen feucht werden, wenn sie mich ansieht. Deshalb dachte ich mir, ich muss viel lachen, dann ist die Situation für alle erträglicher.“ Das Erstaunliche an Frau Richter ist, dass ihre Fröhlichkeit nicht künstlich wirkt.

Frau Richter lächelt sogar, wenn sie gefragt wird, ob sie manchmal an Sterbehilfe denkt. Es ist eine heikle Frage, selbst hier im Hospiz, wo der Tod allgegenwärtig ist. Es wird eine Ölkerze angezündet, wenn hier ein Mensch stirbt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht brennt.

Sterbehilfe war für Frau Richter nie ein Thema. „Ich habe doch keine Schmerzen“, sagt sie, obwohl sie nur noch im Liegen ausreichend Luft bekommt. „Aufstehen kann ich nicht mehr, aber auch liegend kann man leben.“

Im Juli ist Frau Richter noch auf einen Berg gestiegen. Kurz vor dem Gipfel bekam sie keine Luft mehr. Vor einer der schönsten Kulissen erlebte sie einen ihrer schlimmsten Momente, den sie – wie es ihre Art ist – mit trockenem Humor überspielte. „Ich konnte plötzlich keinen Schritt mehr gehen. Also habe ich mich hingesetzt und die Berge angeschaut. Auch ganz schön.“

Dann folgte die Diagnose

Kurze Zeit später standen ein Radiologe, ein Pathologe und der Onkologe vor dem Röntgenbild von Frau Richters Tumor. Er war groß, aggressiv und saß in der Lunge. Die Ärzte besprachen ihren Plan: viermal Chemotherapie im Abstand von drei Wochen. Frau Richter bekam Angst.

Nach der zweiten Chemo war klar, dass der Tumor sich nicht zurückbildet. Eine Operation war nicht mehr möglich. Die Ärzte drucksten herum, die Schwestern schauten streng, so hat es Frau Richter in Erinnerung behalten. Sie war enttäuscht, aber sie wagte nicht, die Chemotherapie von sich aus abzubrechen, obwohl sie das wollte. „Wissen Sie, ich komme noch aus einer anderen Zeit“, sagt sie. „Ich hatte Angst, dass die mich dann rausschmeißen.“

Ein Palliativmediziner erinnert sie dann an die Hospizbewegung. Sie hat sich geärgert, dass sie nicht gleich daran gedacht hat, war sie doch selbst ehrenamtlich früher im Hospizdienst tätig. „Aber wenn man selbst betroffen ist …“ Sie redet nicht weiter. Frau Richter wusste, dass die Aufnahme im Hospiz nicht selbstverständlich ist. Die zwölf Betten, die auf der Station zur Verfügung stehen, sind immer belegt. Dass die Beratungsstelle den Anrufern Absagen erteilt, ist der Normalfall. Die Menschen am Telefon fragen nach einer Warteliste. Dabei ist Warten oft keine Option mehr.

Doch Frau Richter hatte Glück. Sie breitet die Arme aus, um zu verdeutlichen, wie glücklich sie gewesen ist, als sie die Zusage erhielt.

Selbst, wenn einige Zeit später ein Platz frei wird und der wartende Patient noch lebt, müssen erst einige Dinge abgeklärt werden. Ist der Mensch transportfähig? Ist es sinnvoll, ihn aufzunehmen, ihn dieser Aufregung auszusetzen? Im Rahmen der Begutachtung des Patienten wird dies festgestellt. Frau Richter wurde rasch aufgenommen. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, mit Sack und Pack hier einzuziehen, oberste Prämisse ist es, dem Patienten so alltagsnah wie möglich zu begegnen. Frau Richter kam alleine und hat kaum persönliche Dinge in ihrem Zimmer stehen.

Doch nicht alle kommen alleine wie Frau Richter. Manchmal bringen sie ihre gesamte Familie mit. Erst vor ein paar Monaten ist eine 32-jährige Frau eingezogen, mit ihren beiden Kindern und mit ihrem Mann. Sie lebten alle hier im Hospiz. Bis zum Schluss.

Nur keine Schmerzen

Frau Richter ist ohne Familie hier, aber sie wird sehr oft besucht. Auch eben wieder. Der Doktor ist gerade gekommen. Er hat sich an ihr Bett gesetzt und hält ihre Hand.  „Das ist das Paradies hier“, sagt Frau Richter. „Hier muss ich keine Schmerzen haben.“ Der Arzt nickt.

2. Doktor Wiesinger

Karlheinz Wiesinger ist seit drei Jahren der ärztliche Leiter hier im Hospiz am Rennweg. Früher hat er als Intensivmediziner und Anästhesist im Krankenhaus gearbeitet. Er wurde oft bei ethischen Fragestellungen als Beobachter hinzugezogen. Aber die Entscheidungen trafen die anderen, die Chirurgen. Das störte ihn. Er wollte mehr sein als ein Erfüllungsgehilfe von Dingen, die er nicht beeinflussen konnte. Er wechselte in die Psychotherapie, dann in die Palliativmedizin. Zuerst machte er Hausbesuche, dann kam er auf die Station hier.

Die Ärzte hier tragen keine weißen Kittel, sondern Zivilkleidung. Sie verbringen die meiste Zeit des Tages damit, mit den Sterbenden zu sprechen. Doktor Wiesinger ordnet sich inzwischen gerne unter. Aber eben den Patienten, nicht den Kollegen.

Man könnte in dem Bereich Tag und Nacht arbeiten, weil immer das Gefühl da ist, zu wenig zu tun. Diese Menschen haben nur noch eine kurze Zeit, und da könnte man noch so viel machen.

Es sind oft kleine Dinge, die für die Bewohner einen großen Unterschied machen: kein Fiebermessen um sechs Uhr früh, kein Aufwecken, Frühstück wann immer gewünscht, Vollbäder so viele man möchte oder auch gar keine Dusche mehr, wenn es nicht mehr sein soll. Die Wünsche der Patienten haben hier oberste Priorität.

Auch wenn das nicht immer einfach ist für Doktor Wiesinger und seine Leute. Die Gefahr auszubrennen ist groß. Es ist schwierig, medizinisches Personal für den Hospiz- und Palliativbereich zu finden. Kein weißer Mantel, kein Stethoskop, kein Renommee – so denken viele. Dazu kommt die Tabuisierung. Wenn Wiesinger und seine Mitarbeiter einen mobilen Einsatz haben, werden sie oft gefragt, ob sie den Dienstwagen nicht woanders parken können, weil Hospiz draufsteht.

Es ist so viel Zeit hier

Aber jene Mitarbeiter, die sich dafür entscheiden, bleiben auch sehr lange. Diesen Menschen fällt es sehr schwer, wieder in den Regelbetrieb eines Krankenhauses zurückzukehren. „Der größte Vorteil, hier im Hospiz zu arbeiten, ist, dass man so viel Zeit hat.“ Es klingt paradox, wenn Doktor Wiesinger das sagt, aber es liegt am Betreuungsschlüssel: Im Hospiz hat jede Krankenschwester vier Patienten zu betreuen, im Krankenhaus zehn.

Bisher hat erst ein Patient Doktor Wiesinger gebeten, sein Leben vorzeitig zu beenden. In einem langen Gespräch konnte ihm der Arzt viele Sorgen nehmen, der Patient fragte nicht noch einmal.

Hohe Dosis und Dauerschlaf

Reden reicht jedoch nicht immer. Doktor Wiesinger verabreicht manchen Patienten Substanzen in derart hohen Dosen, die gesunde Menschen nicht überleben würden. Hier wird bewusst ein früherer Tod in Kauf genommen. Den Betroffenen Schmerzen zu ersparen, hat für ihn Vorrang. Eine andere Technik für Menschen mit enormen Qualen ist die palliative Sedierung, die der Arzt allerdings nur in Absprache mit dem Patienten und nicht mit den Angehörigen vornimmt. Wiesinger erinnert sich noch genau an die Worte eines Sterbenden.

Ich kann meinen Zustand nicht mehr aushalten. So wie ich jetzt hier verfaule, wie meine Wunden stinken, wie ich ausschaue, wie ich entstellt bin, ich will mich nicht mehr sehen. Ich möchte das verschlafen. So lange, bis ich tot bin.

Die palliative Sedierung wird regelmäßig, also jeden Tag, von Doktor Wiesinger und seinem Team neu eingestellt. Es handelt sich um sehr starke Schlafmittel, die so angepasst werden, dass der Patient am nächsten Tag einen Zustand der Wachheit erreicht. Und dann fragt Doktor Wiesinger, ob er weiter sedieren soll, oder ob der Patient wach bleiben möchte. Von Tag zu Tag.

Herzstück um 4.000 Euro

Das Hospiz am Rennweg benötigt eine Million Euro pro Jahr. Jeder vierte Euro kommt aus Spenden. Neben den Personalkosten ist vor allem ein Gerät zur Schmerzlinderung sehr teuer, die Schmerzpumpe. Sie kostet zwischen 4.000 und 4.500 Euro. Ansonsten werden hier keine teuren Medikamente wie Chemotherapeutika oder Antibiotika verwendet, nur Schmerzmittel oder Schlafmittel.

Schmerzpumpe

Die Schmerzpumpe wird nicht nur auf der Station eingesetzt, sondern auch in der mobilen Pflege. Sie sieht aus wie ein alter Walkman, die Kassette ist eine Plastikkassette, in die unterschiedliche Schmerzmittel eingefüllt werden. Die Pumpe wird über einen Zugang an den Patienten angeschlossen, und er hängt sie sich dann um. Sie gibt kontinuierlich Schmerzmittel an die Menschen ab. Erhöhen sich die Schmerzen, kann der Patient durch einen Knopfdruck die Dosis erhöhen – oder die Schwester darum bitten.

Katharina König, Krankenschwester

3. Krankenschwester Katharina König

Eine von ihnen ist Katharina König, gebürtige Schweizerin, aber schon fast 30 Jahre in Österreich. Sie arbeitet seit 13 Jahren als Krankenschwester hier am Rennweg. „Diese 13 Jahre waren beruflich meine beste Zeit.“

Sie spricht bereits in der Vergangenheit, denn es ist ihr letzter Arbeitstag, Schwester Katharina geht jetzt in Pension. Aber noch ist sie mitten in ihrem allerletzten Dienst. „Hier ist noch so viel zu tun, Sie können sich das nicht vorstellen.“

Schwester Katharina meint nicht nur die ganz kleinen Dinge. Patienten, die von der Schulmedizin kommen und trotzdem nicht ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt sind, seien kein Einzelfall, sondern die Mehrheit. „Die Angst vor diesen starken Medikamenten ist immer noch weit verbreitet. Wir erleben oft enorm deprimierte Sterbende und Angehörige, die denken, das muss jetzt so furchtbar sein. Schmerzen, Atemnot, Schluckbeschwerden – das sind Symptome, die vielfach nicht ausreichend in den Krankenhäusern behandelt werden.“

Wir sollen jetzt leben

Für Schwester Katharina wurde es über die Jahre hinweg immer schwieriger, irgendwelche banalen Gespräche zu führen. „Wenn mich Leute fragen, was ich arbeite, dann sind sie zuerst auf eine voyeuristische Art neugierig. Wenn ich dann aber konkreter werden möchte, interessiert es sie nicht mehr.“ Auf die Frage, was sie von ihren Patienten gelernt haben, erklären Schwester Katharina und Doktor Wiesinger unisono: Das Leben ist jetzt. Schiebe nichts auf, sondern lebe jetzt. Und tu Dinge, die dir Freude bereiten.

Doktor Wiesinger hält immer noch Frau Richters Hand. Kater Max ist eingeschlafen. Sie muss sich nun um nichts mehr kümmern. Manchmal genießt sie ihr Leben sogar, sagt sie. Wenn sie eine Zeitung liest. Oder wenn ihr die Schwester saftige Orangen aufs Nachtkästchen stellt. „Ich vermisse gar nichts, was ich nicht mehr tun kann, weil ich die Energie ja gar nicht mehr habe, diese Dinge zu tun. Ich habe geraucht, werde bald sterben, aber das ist okay.“

4. Der Abschied

Es ist ein Zweibettzimmer, in dem Frau Richter hier liegt. Das Bett nebenan ist leer. Auch ihr Bett wird bald frei werden. Ein paar Wochen noch, schätzt sie selbst. Sie will ihre Tochter noch oft sehen und bloß keine Schmerzen haben. Ab und zu noch etwas gutes essen, wenn es der Magen verträgt, und noch ganz viel lachen. „Ein Stückchen noch vom Frühling mitnehmen.“ Sie blickt zum Fenster hinaus.

Frau Richter wird in ihrem Zimmer sterben, das ist eine feste Regel hier. Liegt dann schon eine zweite Person im Raum, wird diese umquartiert. Der tote Körper von Frau Richter wird dann in den Abschiedsraum geschoben.

Der Raum ist kühler als die anderen. Hier gibt es eine spezielle Klimaanlage, damit die Toten hier im Notfall auch ein paar Tage liegen können, falls Angehörige länger brauchen, um herzukommen. Frau Richters Tochter wird dann in diesem Raum das erste Mal von ihrer Mutter Abschied nehmen. Es gibt verschieden Utensilien für Rituale.

Er bleibt bei ihr

Frau Richter wird langsam schwächer, sie gestikuliert nun nicht mehr mit den dünnen Armen. Ihre Stimme wird leiser und sie pfaucht etwas beim Reden, aber sie hört nicht auf. Sie genießt die Aufmerksamkeit. Doktor Wiesinger steht auf und verabschiedet sich. Kater Max bleibt bei ihr. Sie lächelt und streichelt ihn.

Kurz bevor Menschen sterben, verändern sich ihr Geruch, ihr Herzschlag und die Atmung. Es heißt, Katzen spüren das.

 

Am 26. März war der 6. Wiener Hospiztag, wo unter anderen auch Doktor Wiesinger einen Vortrag über das Hospiz am Rennweg gehalten hat. 

Der Name „Beate Richter“ wurde von der Autorin geändert.