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Häusliche Gewalt

Ich liebe dich gewaltig

von Julia Herrnböck / 14.02.2016

Der 14. Februar ist Valentinstag, wir feiern die Liebe. Es ist auch der Geburtstag der bereits verstorbenen Johanna Dohnal, die sich als Politikerin für Frauenrechte starkgemacht und 1978 Österreichs erstes Frauenhaus ermöglicht hat. Wie sieht es heute mit Gewaltprävention und der Finanzierung von Schutzeinrichtungen und Täterarbeit aus? Gebraucht werden sie tausendfach.

Die Abdrücke auf den schmalen Handgelenken waren deutlich zu erkennen. Schwarzblau mit grünlichen Rändern zeichneten sich die Finger auf der Innenseite ihrer Arme ab. Der Ex war überzeugt, sie flirte mit dem Kellner. Rasend vor Eifersucht hatte er sie in der Nacht an die Wand gedrückt und ihr Beschuldigungen ins Ohr gezischt. Am nächsten Morgen verließ sie ihn.

Ein anderes Mal brach ihr ein Mann mit einem einzigen Schlag den Unterkiefer. Die Sterne, die vor ihren Augen tanzten, sehe sie noch heute, sagt sie. Ihr halbes Leben ist seither vergangen. Das Adrenalin fährt ihr immer noch in die Finger, wenn sie an die Nacht denkt: Zurückgedrängt im letzten Winkel des dunklen Zimmers, eingekeilt zwischen Schrank und Wand, und er, der auf sie zustürmt, mit diesem Blick voller Zorn. Lauf!, schreit der Kopf in schrillen Tönen. Sie schließt die Augen.

Der dritte Mann, der sie schlug, war ein Betrunkener an einer Bushaltestelle in England. Der einzige, den sie angezeigt hat. Ein Fremder. Die anderen beiden hat sie geliebt. So einfach ist das. Das ist die Geschichte von Yelena, einer jungen Frau aus Salzburg. Mehr müsse man nicht über sie wissen, sagt sie.

Es ist auch die Geschichte von tausenden anderen Menschen in Österreich: 17.671 sind es, die im Jahr 2015 in den Gewaltschutzzentren um Rat gesucht haben, 95 Prozent davon Frauen. 8.261 Betretungsverbote verhängte die Polizei. Das sind 22,6 pro Tag; fast jede Stunde eines.

Das Trauma im Buch verarbeitet

Es gibt nicht viele Gewaltopfer wie Yelena, die darüber sprechen wollen. Mit vollem Namen wagt das erst recht niemand. Karin Pfolz ist eine Ausnahme: Zehn Jahre lang lebte sie mit einem Mann, der sie bis zur Bewusstlosigkeit prügelte. 2012 erschien ihr Buch Manchmal erdrückt es mich, das Leben. Jetzt ist es in der dritten Auflage herausgegeben und wird ins Englische übersetzt.

Literarisch ist es nicht sehr anspruchsvoll, sagt sie selbst. Das muss es auch nicht sein – die Schilderungen der Schikanen und Boshaftigkeit ihres Mannes sind beklemmend genug.

,Woher kommst du! schreit mein Mann mich sofort an, als ich die Haustüre aufsperre. Kein Licht war im Haus zu sehen und so komme ich völlig unerwartet zu dieser herzlichen Begrüßung. Er verpasst mir einen so festen Schlag, dass ich den Halt verliere und die Stiege in den Keller hinunterfalle. Wie von Sinnen stürmt mein Mann die Stufen zu mir nach unten. Er tritt nach meinem Körper.

Es hat lange gedauert, bis Karin Pfolz diese Sätze aufschreiben konnte. Die Person von damals habe sie in das Buch verbannt. Das Schreiben habe sie geheilt, sie sei jetzt eine andere, sagt sie. Keine, die zurückschlägt, sondern eine, die beim ersten Anzeichen von Gewalt abhaut.

Sie engagiert sich in der Gewaltprävention, führt auf eigene Kosten Projekte an Schulen durch und unterstützt mit dem Bucherlös den Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser.

Sie selbst hat damals keinen Platz bekommen, als sie anrief. Alle drei Frauenhäuser in Wien waren voll. Das ist zwar Jahre her, aber der Platzmangel exisitiert weiterhin: 80 Frauen wurden im ersten Quartal 2015 in Salzburg abgewiesen. Etwa 400 landen pro Jahr österreichweit auf der Warteliste. Es gibt zu wenig leistbare Übergangswohnungen, in denen sie nach der Trennung mit den Kindern unterkommen können.

Oft werden die Frauen mit der Frage konfrontiert, warum sie nicht früher gegangen sind. Die finanzielle Situation ist ausschlaggebend dafür, wie lange ein Mensch in einer Gewaltbeziehung ausharrt. Die kontrollsüchtigen Partner verbieten ihnen, einer Arbeit nachzugehen, verlangen Belege für jeden ausgegebenen Euro, verbieten ein eigenes Handy. Der permanente Psychoterror vernichtet das Selbstbewusstsein.

Karin Pfolz hat jahrelang nachts im Keller für Freunde und Kollegen genäht und sich so das Geld für ihre Freiheit zusammengespart. Einmal fand ihr Mann den heimlichen Vorrat und kaufte sich davon ein Auto. Sie hat noch einmal ein paar Jahre durchgehalten, sich mit ihrem Sohn nachts im Kinderzimmer eingesperrt, bis sie genügend Geld hatte, um zu gehen. Wohin, wusste sie nicht.

Erst als die Nachbarin das vollgepackte Auto sah und sie darauf ansprach, hat sich Karin Pfolz das erste Mal geöffnet. Die Nachbarin ließ sie in ihrer leeren Zweitwohnung schlafen, ein Kollege überließ ihr einen Schlafsack, immer mehr Hilfe wurde ihr angeboten. Deswegen tritt sie heute so offensiv an die Öffentlichkeit: um anderen Mut zu machen. „Der Moment, in dem ich den Mund aufgemacht habe, war meine Rettung“, sagt sie.

Anzeigenpflicht zum Schutz der Frau

Pfolzs Mann wurde wegen Körperverletzung verurteilt und musste Schmerzensgeld bezahlen. Als sie das erste Mal zur Polizei ging, war ihr Körper übersät von Blutergüssen. Die Anzeige wurde aufgenommen. „Sagen Sie Ihrem Gatten, er soll in den kommenden Tagen zur Einvernahme zu uns kommen“, sagte die Polizistin am Schluss. Da habe sie fast der Schlag getroffen. Wenn ihr Mann von der Anzeige erführe, würde er ausrasten. Das sah die Beamtin ein.

Seither ist auch bei der Exekutive viel geschehen. Das Erkennen und der richtige Umgang mit Gewaltopfern sei fixer Bestandteil der Ausbildung, erzählt Franziska Tkavc. Die Wiener Kriminalbeamtin ist stellvertretende Leiterin der Kinderschutzgruppe und erarbeitet Konzepte zur Gewaltprävention. Und: Sie ist die einzige weibliche Selbstverteidigungstrainerin der gesamten Landespolizeidirektion. „Das sagt schon viel aus, oder?“, sagt sie lächelnd.

Insgesamt sind es etwa 40 Beamte, die in den Bereichen Opfer- und Kinderschutz, Gewalt- Eigentums- und Drogenprävention tätig sind. Wird die Polizei gerufen und stellt sie fest, dass Gefahr besteht, wird ein Betretungsverbot verhängt und bei Körperverletzung automatisch eine Anzeige gemacht – ob die Frau das möchte oder nicht. Offizialprinzip Die Anzeigenpflicht besteht auch für Ärzte, wenn der Verdacht besteht, dass ein Patient schwer verletzt oder getötet wurde. In der Kampagne ,Gewaltfrei leben‘ werden Leitfäden an Krankenhauspersonal und andere Berufsgruppen verteilt, mit denen sie lernen können, Gewaltopfer zu identifizieren. nennt sich dieser Mechanismus. Er soll die Opfer auch davor bewahren, unter Druck gesetzt zu werden, die Anzeige zurückzuziehen.

Viele Frauen schrecken wegen der Konsequenzen davor zurück, die Behörden einzuschalten. Eine Möglichkeit, sich anonym zu informieren, ist die Frauenhelpline. Es sei wichtig, eine neutrale Person einzuweihen, sagt Tkavc. Mit der sollte ein Notfallplan erstellt werden, dazu gehört, eine kleine Tasche mit dem Nötigsten bereit zu haben und zu wissen, wo man hingehen kann, wenn die Situation eskaliert. Auch mitten in der Nacht.

Die Familie ist nicht immer eine große Hilfe: Karin Pfolz hat sich ihren Schwiegereltern anvertraut. Doch auch dort beherrschte Gewalt den Alltag, eine Frau habe das zu ertragen, bekam sie zu hören.

Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser Österreich, kennt das. Gerade erst vor wenigen Tagen war eine 70-Jährige in eine Schutzeinrichtung geflohen. Jahrzehntelang habe der Mann sie geschlagen, erst jetzt habe sie den Schritt geschafft, ihn zu verlassen. Die eigenen Kinder überzeugten sie mit aller Kraft, zurückzukehren – sie bringe Schmach über die Familie. Rösslhumer, eine zarte Frau mit feiner ruhiger Stimme, wirkt aufgebracht, wenn sie davon erzählt. „Der Fall hat mich betroffen gemacht. Der Druck der Familie war dramatisch.“

Konservativer Gegenwind

Als die Frauenrechtskämpferin Johanna Dohnal (SPÖ) sich in den 1980er Jahren für das erste Frauenhaus starkmachte, gab es auch parteiintern Gegner, erzählt Sonja Ablinger. Die ehemalige Nationalratsabgeordnete ist seit 1998 Vorsitzende des Gewaltschutzzentrums in Oberösterreich und seit 2015 Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings. 1999 war es der damalige Familienminister Martin Bartenstein (ÖVP), der in den Frauenhäusern die Zerstörung der Familie witterte und Förderanträge von 21 Einrichtungen ablehnte. In Niederösterreich wettert noch heute eine FPÖ-Politikerin mit ähnlichen Argumenten.

Zumindest sei es heute fast undenkbar, sich öffentlich gegen Gewaltschutzeinrichtungen auszusprechen, meint Ablinger. Was jedoch in den vergangenen Monaten gefordert wurde, kam von FPÖ-Seite: Wenn schon Frauenhäuser, dann nur „für unsere“. Tatsächlich ist es so, dass Asylwerberinnen – eine besonders gefährdete Gruppe – in sieben Bundesländern nicht aufgenommen werden dürfen. Salzburg und Tirol bilden die Ausnahme.

Die Finanzierung ist überhaupt ein Fleckerlteppich: In manchen Ländern ist sie im Sozialhilfegesetz geregelt, in anderen über Tagsatz- oder Sockelfinanzierung, wieder andere verhandeln auf Tagsatzbasis mit Gemeinden, Bund und Ländern. In Kärnten ist nicht klar, wie es ab 2017 weitergeht. Gelebter Föderalismus.

Dabei ist in Österreich 2014 die Istanbul-Konvention in Kraft getreten. Das europaweite Übereinkommen weist die Mitgliedstaaten an, umfassende Maßnahmen zur Gewaltprävention auf allen Ebenen umzusetzen. Sagen wir so: Es könnte besser sein. Mit 30 Frauenhäusern ist Österreich auf den ersten Blick zwar gut ausgestattet. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl fehlen jedoch dauerhaft mindestens 80 Plätze. Vor allem auf dem Land gibt es kaum Hilfe.

Selbstverteidigungskurse werden Opfern nicht bezahlt, ebenso wenig wie Therapie. Diejenigen, die Gewalt ausüben, müssen sich wiederum gar nicht mit ihrem Verhalten auseinandersetzen. Will ein Mann freiwillig lernen, ohne Schläge auszukommen, bekommt er kaum einen Platz. Die Männerberatungen, die solche Programme anbieten, sind chronisch unterfinanziert, die Wartelisten lang.

Dabei zeigt die Auswertung der Gewaltschutzzentren, dass sich im Laufe der Jahre viele Frauen melden, die vom gleichen Täter misshandelt wurden.

Kaum Angebote für Täter

Sobald die Polizei ein Betretungsverbot verhängt, wird das regionale Gewaltschutzzentrum informiert und nimmt mit der Frau Kontakt auf. Um den Täter kümmert sich eigentlich niemand. Es wäre eine Chance, wenn der Mann im gleichen Moment angesprochen wird, meinen sowohl Ablinger als auch die Kriminalbeamtin Tkavc. Rösslhumer könne sich auch eine verpflichtende Therapie für Täter vorstellen; ein Wunsch, den Karin Pfolz im Gespräch mehrfach äußert. Ein Bankräuber könne sich auch nicht aussuchen, ob er ins Gefängnis gehen will oder nicht.

Warum das wichtig sein könnte, zeigen die wenig verfügbaren Daten: Von 2.000 Gewalttätern, die 2014 kontaktiert wurden, nahmen nur 611 an einem Anti-Gewalt-Training teil. Der Großteil von ihnen war gerichtlich dazu angewiesen worden. Elf Einrichtungen gibt es in ganz Österreich, einzig der Verein Neustart wird direkt vom Justizministerium im Rahmen der Bewährungshilfe unterstützt.

Rund fünf Prozent der erfassten Opfer sind Männer. Die Art der Gewalt ist eine andere, Todesangst spielt aufgrund der körperlichen Unterschiede selten eine Rolle. Frauen peinigen ihre Partner eher auf psychischer Ebene, kommen öfter in der Statistik der Stalking-Fälle als Täterinnen vor.

Egal ob Frau oder Mann, der Schritt, den gewalttätigen Partner zu verlassen, muss gut geplant sein. Wer geht, verliert möglicherweise alles; den Arbeitsplatz, wo der Partner nach der Trennung auflauert, die Wohnung, den Unterhalt für die Kinder, bis alles geklärt ist. Wie ein Flüchtling im eigenen Land habe sie sich gefühlt, sagt Karin Pfolz. Diese Zeit kann jahrelang dauern. Dazu kommt die Gefahr, das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren, wenn es keinen fixen Wohnsitz gibt. Die Angst vor der Zukunft kann stärker sein als die Angst vor dem nächsten Schlag.

→ Mehr dazu auf NZZ.at: Ein Veilchen zum Valentinstag

Wunschliste: Gefragt nach Verbesserungen wünschten sich die vier GesprächspartnerinnenSonja Ablinger – Vorsitzende der Gewaltschutzzentren Oberösterreich, Maria Rösslhumer – Geschäftsführerin Verein Autonome Frauenhäuser Österreich, Karin Pfolz – Autorin, Franziska Tkavc – Kriminalbeamtin für Gewaltprävention Folgendes:

  • Ausbau der Gewaltschutzeinrichtungen, mehr Plätze in Frauenhäusern
  • Möglicher Transfer der Opfer zwischen den Bundesländern
  • Leistbare Übergangswohnungen
  • Werbegeld, um Frauenhelpline bekannt zu machen: 0800 222 555
  • Leistbare Therapie für Opfer
  • Verpflichtende Therapieangebote für Täter
  • Leistbare Angebote für Selbstverteidigungskurse
  • Flächendeckende Präventions- und Aufklärungsarbeit an Schulen
  • Training für betroffene Berufsgruppen (Krankenhauspersonal, Justizbeamte, Lehrer, …)
  • Verbesserter Zugang zum Arbeitsmarkt für Gewaltopfer