Folger Shakespeare Library/ flickr

Letzte Worte

„Ich wäre heute lieber angeln gegangen“

von Barbara Kaufmann / 01.11.2015

Die letzten Worte berühmter Persönlichkeiten klingen in der Überlieferung oftmals ebenso grandios wie ihr Werk. Doch viel häufiger sind sie belanglos, alltäglich und manchmal sogar skurril. Eine kleine Auswahl großer Schlusssätze, die vor allem durch ihre Direktheit bestechen. 

Die Schlussworte großer Dichter und Denker am Ende ihres Lebens werden ihnen nicht selten im Nachhinein in den Mund gelegt. Als wäre der letzte Satz der Sterbenden der perfekte Abschluss ihres Lebenswerkes und dürfte demnach keine Banalitäten enthalten. Bestes Beispiel hierfür: „Mehr Licht“. Das soll Altmeister Johann Wolfgang von Goethe in seiner Todesstunde quasi als Teil seiner literarischen Hinterlassenschaft von der Nachwelt gefordert haben. Doch der Harvard Professor Karl S. Guthke begrub vor einigen Jahren in seinem Buch „Letzte Worte“, das spannend wie ein Detektivroman anmutet, diesen Mythos endgültig. Nicht mehr und nicht weniger als den Nachttopf soll Goethe mit seinem letzten Atemzug vom anwesenden Diener Friedrich Krause verlangt haben. Kurz darauf ist er verschieden. Auch Oscar Wildes poetische Abschiedsbemerkung „Ich sterbe wie ich lebe – über meine Verhältnisse“ soll so nie gefallen sein. Guthke würde sich wundern, wenn sie dem englischen Dichter nicht gänzlich von der Nachwelt in den Mund gelegt worden wäre. Laut eines verlässlichen Ohrenzeugen, dessen Aufzeichnungen der Literaturwissenschaftler aufgestöbert hat, war Wilde in seiner Todesstunde nicht mehr ansprechbar, hat keine ganzen Sätze mehr von sich gegeben, sondern nur einzelne Brocken wechselweise auf französisch und englisch gemurmelt.

Wirft man einen Blick in die Sammlung letzter Worte des Literaturkritikers Werner Fuld, die er vor einigen Jahren unter dem sinnigen Titel „Lexikon der letzten Worte“ veröffentlicht hat, bekommt man noch mehr Beispiele für banale, absurde und manchmal sogar skurrile Abschlussworte bekannter und weniger bekannter Verstorbener geliefert.

Die letzten Stunden des Anglers

Der Kleinkriminelle Jimmy L. Glass aus Louisiana bricht im Dezember 1982 gemeinsam mit seinem Zellenkollegen aus dem Gefängnis aus. Nur wenige Tage später, am Morgen des Weihnachtstages, springt der damals 20-Jährige über das Gartentor des Ehepaares Newton und Erlene Brown in der Kleinstadt Minden. Er nimmt einen Ziegelstein, der wahrscheinlich vom Bau des neuen Zaunes übrig geblieben ist, wirft ihn kurzerhand durch die Terrassentür und dringt in das Haus ein. Im Schlafzimmer schrecken die beiden Pensionisten durch den lauten Krach aus ihrem Schlaf auf. Im nächsten Augenblick steht Glass vor ihnen und erschießt sie. Sie waren die Eltern des Schwiegersohnes eines Richters, der Glass in der Vergangenheit mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt hat. In der Neujahrsnacht wird Jimmy Glass von der Polizei gefasst. Er leugnet den Mord nicht und fasst im darauffolgenden Prozess die Höchststrafe aus: Tod durch den elektrischen Stuhl. In seiner Todesstunde ist Glass angeblich gefasst. Ruhig nimmt er am elektrischen Stuhl Platz, seufzt ein letztes Mal und meint zu den Umstehenden: „Ich wäre heute lieber angeln gegangen.“

Wütend bis zum Ende

Weit prosaischer verabschiedet sich der deutsche Schriftsteller Jakob Haringer von dieser Welt. Der 1898 in Dresden geborene Autor, der vorwiegend Gedichte verfasst, fühlt sich sein Leben lang von seiner Umwelt unterschätzt und leidet unter der fehlenden Anerkennung des Literaturbetriebes. Seine Bücher erscheinen meist im Eigenverlag, er lebt von Spenden berühmter Kollegen wie Alfred Döblin und Hermann Hesse, an die er beständig Briefe mit der Bitte um Unterstützung verschickt. Mehrfach wird er wegen kleiner Delikte wie Urkundenfälschung angezeigt, es folgen Zwangseinweisungen in psychiatrische Anstalten wegen Gotteslästerung und Meineid. Haringer hadert mit dem Misserfolg seiner Werke und sein Ärger darüber schlägt sich schließlich auch gesundheitlich nieder. 1943 erkrankt er während eines Besuchs in Zürich und stirbt mit wütenden Worten auf den Lippen, die keinen Zweifel an seinem Befund über seine Umgebung zulassen: „Ich scheiß auf die Welt!“

Schulden am Sterbebett

Im angelsächsischen Raum ist der Jahreswechsel bis heute vielerorts undenkbar, ohne dass von den Feiernden das schottische Volkslied „Auld Lang Syne“ angestimmt wird. Der Verfasser des Textes, der schottische Dichter Robert Burns, ist zeitlebens dem Feiern ebenfalls leidenschaftlich zugetan. In den intellektuellen Kreisen Edinburghs ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Schriftsteller ein beliebter Gast auf Festen jeglicher Art. Doch leider lässt der 1759 geborenen Burns im Umgang mit seinen Finanzen jegliche Vernunft vermissen. Vom Erlös seiner durchaus erfolgreichen Gedichtbände mietet er ein verwahrlostes Landgut, für dessen Renovierung ihm jedoch das Geld fehlt. Ein befreundeter Aristokrat vermittelt ihm eine Stelle als Zollinspektor. Doch der lebenslustige Dichter verlegt sein Büro in das örtliche Wirtshaus und lässt beständig anschreiben. Er ist erst 37 Jahre alt, als ihm aufgrund großer Schmerzen ein Zahn gezogen wird. Die Folgen des Eingriffs sind verheerend. Er erkrankt an einer Sepsis, erhält jedoch selbst noch am Sterbebett eine Rechnung von einem seiner Gläubiger. Wutentbrannt zerknüllt er sie mit letzter Kraft und ruft aus: „Dieses verfluchte Schwein!“ Danach schließt er seine Augen für immer.

Vornehmer und mit dem sprichwörtlich britischen schwarzen Humor verabschiedet sich die englische Schriftstellerin Edith Sitwell von dieser Welt. Die sowohl für ihre Lebenslust als auch für ihre Exzentrik bekannte Autorin empfängt auch mit 77 Jahren, als sie bereits schwer herzkrank ist, täglich Gäste in ihrem Haus im Londoner Stadtteil Hampstead. Als ihr letzter Besucher sich höflich danach erkundigt, wie es ihr denn gehe, antwortet sie schlagfertig: „Ich sterbe gerade, aber sonst ganz gut.“ Nur wenige Minuten später stirbt sie an Herzversagen.

98 und kein bisschen ladylike

Gar nicht ladylike hingegen sind die letzten Worte der Wiener Tänzerin Eva Maria Veigel, die zu den Lieblingsschauspielerinnen von Kaiserin Maria Theresia zählt. Die im Februar 1724 in Wien geborene spätere Ehefrau des britischen Schauspielers David Garrick, ein berühmter Shakespeare-Darsteller, wird stolze 98 Jahre alt. Ein kleines Wunder im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dabei pflegt sie keineswegs einen gesunden Lebensstil. Vielmehr gilt sie als bekennende Hedonistin, die sich weder von ihrer Familie noch von Freunden etwas vorschreiben lässt und die strengen gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit offen verachtet. Als Veigel eines Morgens von ihrer Zofe eine Tasse Tee ans Bett serviert bekommt und diese der zittrigen alten Dame beim Trinken behilflich sein will, fährt Veigel sie empört an: „Stell sie hin, du dumme Gans! Denkst du, ich kann sie nicht selbst nehmen?“ Im nächsten Moment sackt sie in sich zusammen und haucht ihr Leben aus. Die Zofe wagt es laut zeitgenössischer Überlieferung noch eine ganze Weile nicht, sich dem toten Körper der gefürchteten Arbeitgeberin zu nähern.

Ein Volksheld auf dem Schafott

Da muten die Schlussworte von Sir Walter Raleigh, einem englischen Abenteurer, Dichter und Seeräuber, am Ende seines Lebens im Vergleich beinahe ermutigend an. Er richtet sie am Tag seiner Hinrichtung an seinen Henker, der zitternd vor Ehrfurcht neben ihm steht, das Schwert in der Hand, unfähig sich zu bewegen. Raleigh ist eine Art Volksheld vieler Briten. Er kämpft im Auftrag von Elisabeth I. auf See zunächst gegen die Spanier, landet dann jedoch als Opfer einer jener politischen Intrigen, die damals an der Tagesordnung waren und noch heute Stoff für Erfolgsserien wie „The Tudors“ bieten, im Tower. Jakob I. schließt in der Zwischenzeit Frieden mit den Spaniern, doch das ist Raleigh herzlich egal. Sobald er wieder auf freiem Fuß ist, führt er seine Beutezüge in spanischen Gewässern fort. Dafür wird er nach seiner Rückkehr von Jakob zum Tode verurteilt. Am Morgen seiner Hinrichtung, dem 29. Oktober 1618, frühstückt Raleigh noch einmal ausgiebig, raucht eine Pfeife und schreitet gelassen zum Schafott. Die Straßen sind gesäumt von vielen Anhängern, die den Seeräuber verehren. Als dieser seinen Kopf auf den Block legt, zögert der Scharfrichter. Er hat zu viel Respekt vor ihm, um seiner Aufgabe nachzukommen. Da hebt Raleigh angeblich noch einmal seinen Kopf und ruft dem jungen Mann aufmunternd zu: „Was zögerst du? Schlag zu, dir passiert ja nichts!“ Seine Worte zeigen sofort Wirkung. Wenig später ist er tot.