Lewy-Körper-Demenz

Im Schatten von Alzheimer

von Theres Lüthi / 07.12.2015

Die Lewy-Körper-Demenz ist eine häufige Form der Demenz, doch kaum jemand kennt sie. Ein typisches Symptom sind Halluzinationen.

Als der amerikanische Schauspieler Robin Williams sich vor einem Jahr mit 63 das Leben nahm, waren die Gründe schnell gefunden. Williams, so ließen seine Pressevertreter ausrichten, habe in letzter Zeit mit schweren Depressionen gekämpft. Vor wenigen Wochen aber trat seine Witwe Susan Schneider Williams an die Medien und stellte klar: „Es waren nicht Depressionen, die Robin umbrachten. Es war die Lewy-Körper-Demenz.“

Den wenigsten Menschen dürfte diese Krankheit ein Begriff sein, dabei stellt sie nach Alzheimer die zweithäufigste Form einer Demenz dar. Von jener unterscheidet sie sich aber klar. „Die Alzheimerdemenz beginnt typischerweise mit einer Gedächtnisstörung“, sagt Urs Mosimann, Direktor der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee. Bei der Lewy-Körper-Demenz dagegen ist das Gedächtnis zu Beginn der Erkrankung relativ gut erhalten. Die Probleme äußern sich auf andere Art. Vor allem drei Symptomkomplexe stehen im Vordergrund: parkinsonähnliche Störungen der Motorik, starke Schwankungen der geistigen Leistungsfähigkeit und visuelle Halluzinationen. „Je nachdem, welches Symptom zuerst auftritt, werden die Patienten unterschiedlichen Spezialisten zugewiesen“, sagt Mosimann. „Die Leute mit Parkinsonbeschwerden werden von einem Neurologen untersucht, jene mit Halluzinationen zum Beispiel vom Psychiater.“

Wie bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen ist das Alter ein erheblicher Risikofaktor. Meist beginnt die Krankheit ab einem Alter von etwa 60, danach steigt das Risiko exponentiell an. Genau wie das Erstsymptom kann auch die Verlaufsgeschwindigkeit unterschiedlich sein. Treten Parkinsonsymptome auf, führt dies generell zu einer schnelleren Beeinträchtigung im Alltag. Typisch sind aber auch große Schwankungen der geistigen Schärfe. So können Patienten an manchen Tagen klar sein, in anderen Momenten aber sind sie verwirrt, können keiner Konversation folgen und geben inkohärente Gedanken von sich. Hinzu kommt eine Änderung der Schlafgewohnheiten mit ausgeprägter Tagesschläfrigkeit. „Die Patienten wirken zuweilen apathisch, und das kann schnell mit einer Depression verwechselt werden“, schreibt Ian McKeith von der Newcastle University, ein weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet.

Das vielleicht eindrücklichste Symptom der Krankheit sind jedoch die visuellen Halluzinationen. Treten sie früh in der Erkrankung auf, ist das meist ein untrügliches Zeichen einer Lewy-Körper-Demenz. „Wiederkehrende Halluzinationen im Alter kommen eigentlich nur bei zwei Erkrankungen vor“, sagt Mosimann, „bei Personen mit einer altersbedingten Sehbeeinträchtigung und eben bei der Lewy-Körper-Demenz.“

Die Kranken berichten wenig über ihre Halluzinationen. „Viele behalten sie für sich, weil sie Angst haben, an einer psychischen Krankheit zu leiden“, sagt Mosimann. „Erst wenn man sie danach fragt, erzählen sie davon.“ Halluzinationen treten zu allen Tageszeiten auf, sie tauchen vor allem in Räumen auf, in denen sich der Betroffene lange aufhält und wenn nur wenig äußere Stimulation vorhanden ist. Halluziniert wird von Kindern, Menschen und Gegenständen, die Episoden dauern einige Sekunden bis Minuten. „Kinder sind ein Thema, das häufiger bei Frauen vorkommt. Männer halluzinieren eher von Personen, die sie nicht kennen“, sagt Mosimann. Ein Teil der Patienten erlebt die Halluzinationen als belustigend und unterhaltend, ein anderer Teil erlebt sie als bedrohlich. Vor allem für die Angehörigen können solche Episoden jedoch besorgniserregend sein, insbesondere wenn sie nachts auftreten und ein Patient um 2 Uhr morgens aus dem Haus will, um die halluzinierten Kinder zu holen.

Zur Behandlung der Halluzinationen müssen Antipsychotika sehr zurückhaltend eingesetzt werden, weil viele Erkrankte mit Lewy-Körper-Demenz Nebenwirkungen entwickeln. Gute Erfahrungen hat man dagegen mit Cholinesterase-Hemmern gemacht, die man gewöhnlich bei Alzheimer verwendet. Gegen die motorischen Störungen wiederum helfen manchmal Parkinsonmedikamente. Doch ein klares Behandlungsschema gibt es nicht. Das liegt auch daran, dass die Krankheit selbst vielen Ärzten noch zu wenig bekannt ist und die Abgrenzung zur Parkinsonkrankheit nicht immer klar ist. Denn auch bei Parkinsonpatienten können im Laufe der Zeit Halluzinationen und kognitive Fluktuationen auftreten. „Parkinson und die Lewy-Körper-Demenz sind wahrscheinlich zwei verschiedene Verlaufsformen ein und derselben neurodegenerativen Erkrankung, doch dazu sind die Bücher noch nicht geschlossen“, sagt Mosimann.

In diesen Tagen findet in Florida die vierte Konsensus-Konferenz statt, an der Experten aus aller Welt ihre Erfahrungen mit dieser schwer fassbaren Krankheit austauschen. Dabei soll die Symptomliste überarbeitet und ein einfacheres Diagnoseraster entwickelt werden. Vor allem aber geht es darum, den Bekanntheitsgrad der Krankheit zu erhöhen. „Die Lewy-Körper-Demenz ist eingeklemmt zwischen der Parkinsonkrankheit und der Alzheimerdemenz“, schreibt McKeith. „Es ist höchste Zeit, dass die Krankheit ins Rampenlicht kommt.“