Morgengrauen

Im Trockenen gegen den Strom

Gastkommentar / von Peter Strasser / 31.08.2016

Habe geträumt, ich müsste gegen den Strom schwimmen. Das war ein Albtraum, obwohl es in meiner Branche einfach dazugehört, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Bloß nicht! Kaum wirst du von irgendjemandem als „Intellektueller“ oder gar „Querdenker“ tituliert, schon hast du die kategorische Pflicht, wenigstens ab und zu gegen den Strom zu schwimmen, widrigenfalls droht dir schmählicher Achtungsentzug.

Heute also träumte ich, ich säße an einem Flussbett, mit ausgezogenen Schuhen (unangenehm wegen meiner chronisch kalten Füße), und sei entschlossen, gegen den Strom zu schwimmen. Mit dem Strom zu schwimmen, ist im Traum ohnehin kein gutes Zeichen, vor allem nicht, wenn schon der Morgen graut. Wer im Traum mit dem Strom schwimmt, begibt sich in Gefahr, ein inneres Erleichterungsgefühl zu provozieren, das rechtens nur auftreten sollte, wenn der dringende Weg zum Klosett bereits hurtig beschritten wurde.

Nun saß ich kaltfüßig am Ufer eines Flusses im Irgendwo. Und mein höchstpersönlicher Traumschrecken bestand darin, dass der Fluss kein Wasser führte. Gar keines. Das Flussbett war staubtrocken, da und dort ragte eine bleiche Grätenskulptur aus dem Sand. Wie sollte ich in diesem Fluss gegen den Strom schwimmen?

Die Antwort darauf zeigte sich, unter beträchtlichem Harndruck, gleich nach dem Erwachen: Wo man nicht gegen den Strom schwimmen kann, dort kann man auch nicht mit ihm schwimmen! Dem Gang zum Klosett stand jetzt nichts mehr im Wege.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).