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„Im Vatikan tobt ein Krieg“

von Gianluigi Nuzzi / 12.11.2015

Der Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi schildert in seinem gerade erschienenen Buch die Kämpfe im Vatikan: Reformer gegen Traditionalisten, fehlende Transparenz, Verschleierungen. Er beruft sich dabei auf vertrauliche Dokumente und Protokolle.

Wie haben ein Video-Interview mit dem homosexuellen Priester Krzysztof Charamsa gemacht. Er hat sich kürzlich öffentlich geoutet und damit für Aufregung gesorgt.

Lesen Sie hier einen Auszug aus Gianluigi Nuzzis Enthüllungen – erstmals mit Originalzitaten des Papstes aus einer internen Sitzung im Vatikan.

Die schockierenden Vorwürfe des Papstes

Offiziell steht die Bestätigung des Jahresabschlusses für 2012 auf der Tagesordnung, doch alle wissen, eigentlich geht es um anderes. Von Anfang an hat Papst Franziskus keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Kurie reformieren will. Schon im April 2013, genau einen Monat nach seiner Wahl, rief er eine neue Kommission ins Leben, die ihn bei der Führung der Kirche unterstützen soll: ein Beratungsgremium, dem acht Kardinäle aus fünf Kontinenten angehören und das die zentrale Machtstellung der im Vatikan lebenden Amtsträger brechen soll. Und im Juni 2013, nur wenige Tage vor der vertraulichen Besprechung des Jahresabschlusses des Heiligen Stuhls, schuf der Papst die Päpstliche Kommission zur Berichterstattung über das IOR: eine Maßnahme, mit der die von zahlreichen Skandalen erschütterte Vatikanbank erstmals in ihrer Geschichte unter Aufsicht gestellt wurde. Die bisherige Aufsichtskommission der Bank, der damals Bertone vorstand, reichte dem Papst nicht. „Die Kommission hat die Aufgabe“, so die Pressemitteilung des Vatikan, „Informationen über das Gebaren des IOR zu sammeln und die Ergebnisse dem Heiligen Vater vorzulegen.“ Papst Franziskus möchte klarer sehen und Informationen von einem neuen, unabhängigen Organ erhalten, das direkt an ihn berichtet.

Brisante Neuigkeiten also für die Kurie. Doch bislang weiß noch niemand so recht, welche Tragweite die Veränderungen haben werden. Will Papst Franziskus sich nur vordergründig und öffentlichkeitswirksam mit wortreichen Presseankündigungen zu Wort melden oder die Probleme tatsächlich an der Wurzel packen, die Machtzentren zerschlagen und die Seilschaften bekämpfen? Und wie viel weiß er von den Geheimnissen, die sich hinter den gewaltigen Geldströmen im Vatikan verbergen?

Auf der Sitzung vom 3. Juli 2013 bekommen die anwesenden Kardinäle eine unmittelbare Antwort auf all ihre Fragen. Als sie das namentlich gekennzeichnete, streng vertrauliche Dossier öffnen, das man jedem von ihnen aushändigt, befindet sich unter den Papieren ein zweiseitiges Schreiben, das der Papst eine Woche zuvor, am 27. Juni, von den fünf internationalen Revisoren der Präfektur erhalten hatte. Das Dokument ist dem Papst außerhalb jeden Protokolls zugegangen. Wie sich noch zeigen wird, waren es vor allem zwei Kardinäle, die die Bedenken der Revisoren zur vatikanischen Finanzverwaltung ernst nahmen und dem Papst die Papiere zukommen ließen: der getreue Santos Abril y Castelló und der Chef der Präfektur, Giuseppe Versaldi. Das Schreiben ist für die anwesenden Kardinäle ein Schock. Es listet alle Notfallmaßnahmen auf, die sofort ergriffen werden müssen, um den Bankrott der vatikanischen Finanzen abzuwenden. In dem Schreiben, das noch nie veröffentlicht wurde, heißt es:

Heiliger Vater,
 […] Der Rechnungslegung des Heiligen Stuhls und des Governatorats mangelt es an jeglicher Transparenz. Die fehlende Transparenz macht es unmöglich, eine Aussage über die tatsächliche finanzielle Situation sowohl des Vatikan insgesamt als auch seiner einzelnen Teile zu treffen. Das impliziert auch, dass niemand wirklich die Verantwortung für die Finanzverwaltung übernehmen kann. […] Wir wissen lediglich, dass die von uns geprüften Zahlen eine sehr ungünstige Entwicklung erkennen lassen, und hegen den starken Verdacht, dass der Vatikan als Ganzes ein ernsthaftes, strukturelles Defizit aufweist. […]
 Die allgemeine Finanzverwaltung im Vatikan kann man bestenfalls als dürftig bezeichnen. Vor allem die Prozesse für Budgetplanung und Budgetfestlegung sind sowohl für den Heiligen Stuhl als auch im Governatorat vollkommen willkürlich, obwohl die geltenden internen Richtlinien klar definierte Mindestanforderungen enthalten. […] Diese Gegebenheiten legen die Vermutung nahe, dass zumindest in Teilen des Vatikan die Einstellung „Die Regeln betreffen uns nicht“ vorherrscht. Die Kosten sind außer Kontrolle geraten. Das gilt insbesondere für die Personalkosten, aber auch für andere Kosten. In vielen Fällen gibt es Überschneidungen, wo eine Zusammenlegung zu erheblichen Einsparungen führen und die Problembehandlung verbessern könnte.

Was die Kapitalanlagen betrifft, ist es uns nicht gelungen, klare Richtlinien auszumachen, nach denen dabei vorgegangen wird. […]
 Dies ist ein schwerer Mangel, der den Anlageverwaltern zu viel Raum lässt, willkürlich zu entscheiden, und so dafür sorgt, dass sich das allgemeine Risiko noch erhöht. Diese Situation betrifft gleichermaßen die Kapitalanlagen des Heiligen Stuhls, des Governatorats, des Pensionsfonds, des Gesundheitsfonds und weitere Geldmittel, die von autonomen Körperschaften verwaltet werden, und bedarf daher dringend einer Verbesserung. […] Die Finanzverwalter der verschiedenen Ämter und Körperschaften müssen eindeutig dafür verantwortlich sein, ein realistisches, leistungsfähiges Budget zu erstellen und einzuhalten. […]

Wir sind uns dessen bewusst, dass unsere Anregungen und Empfehlungen hart und manchmal sehr weitreichend sind. Wir hoffen aber von ganzem Herzen, dass Eure Heiligkeit verstehen möge, dass unser Handeln von unserer Liebe zur Kirche und dem aufrechten Wunsch getragen ist, zu helfen und die weltliche Seite des Vatikan zu verbessern. […] Wir erbitten für uns und unsere Familien Euren päpstlichen Segen und versichern Eure Heiligkeit unsere tiefste Ehrerbietung und Ergebenheit.

Agostino Vallini, von Benedikt XVI. zum Kardinal ernannt und seit 2008 Nachfolger von Camillo Ruini als Kardinalvikar des Bistums Rom, erbleicht. Er hat die Sprengkraft dieser Unterlagen sofort erkannt. Und erinnert an die Vertraulichkeit: Diese Papiere „fallen unter das Segreto pontificio“, die höchste päpstliche Geheimhaltungsstufe, beeilt er sich, an den Papst gewandt zu betonen. „… Hoffentlich wird es bewahrt … nicht, dass wir … aber Ihr wisst schon …“ Vallini befürchtet also vor allem, dass etwas durch die Mauern nach draußen durchsickern könnte. Er weiß nur zu gut, wie die öffentliche Meinung solche Nachrichten aufnimmt. Der betagte Kardinal wendet sich langsam den anderen Anwesenden zu und begegnet: nervösem Schweigen. Man bewahrt Haltung, aber Anspannung, Bestürzung und Befremden lassen sich kaum verbergen.

Die beunruhigende wirtschaftliche Gesamtsituation war den Kardinälen im Detail nicht bekannt. Während der Kongregationen für das Konklave im März desselben Jahres hatte man ihnen Daten, Berichte und Zahlen vorgelegt, die jedoch fragmentarisch und zusammenhanglos geblieben waren. Und es waren gerade die für die einzelnen Dikasterien verantwortlichen Kardinäle gewesen, die beruhigende Nachrichten verbreiteten.

Zudem ist keiner der Kurienkardinäle an eine solche verpflichtende Informationsweitergabe gewöhnt. Was Papst Franziskus vor sich sieht, hat er daher vermutlich genau so erwartet. Und als guter Jesuit wird er die alarmierenden Daten der Revisoren dazu nutzen, um allen klar zu machen, dass von nun an nichts mehr so sein wird wie vorher.

Und dann ergreift der Heilige Vater das Wort. Ein Akt der Anklage, der sich 16 endlos lange Minuten hinzieht. Noch nie hat ein Papst auf einer Sitzung so harsche Worte geäußert. Und solche Worte müssen unbedingt geheim bleiben, weil sie zu schwer wiegen und weil alle, die diesen Saal betreten haben, absolutes Stillschweigen gelobt haben. Doch es sollte anders kommen. Jemand ahnte, auf welche Hindernisse der völlig neue Stil des Papstes stoßen würde – Sabotage, Manipulation, Diebstahl, Einbruch und Kriminalisierung der Reformanhänger – und schnitt die Vorwürfe des Papstes Wort für Wort mit.

Die Worte des Papstes

Im Saal herrscht absolute Stille. Das Aufnahmegerät schaltet sich ein, ohne dass jemand etwas bemerkt. Der Ton ist perfekt, die Stimme von Papst Franziskus unverkennbar. Der Papst spricht ruhig und sachlich, aber mit Nachdruck und Entschiedenheit. Sein Gesicht verrät Bestürzung und Missbilligung und dann wieder Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit. Er spricht als Bischof von Rom, auf Italienisch, ein wenig zögerlich zunächst, aber stets klar und deutlich. Zwischen den einzelnen Anklagepunkten macht er lange Pausen.

Die Pausen machen seine Worte noch dramatischer. Der Papst möchte, dass wirklich jeder der Kardinäle, selbst wenn er jahrelang alles stillschweigend hingenommen hat, nun begreift, dass der Moment gekommen ist, sich für eine Seite zu entscheiden.

Wir müssen Licht in die Finanzen des Vatikan bringen und sie transparenter machen. Das, was ich jetzt sagen werde, soll eine Hilfe sein; ich möchte ein paar Dinge festhalten, die Euch sicher zum Nachdenken anregen werden. Erster Punkt: Wir haben in den Generalkongregationen anlässlich des Konklaves übereinstimmend festgestellt, dass die Zahl der Beschäftigten im Vatikan viel zu groß geworden ist. Dieser Umstand führt zu einer gewaltigen Geldverschwendung, die vermieden werden kann. Kardinal Calcagno sagte mir, dass die Personalkosten in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen sind. Da stimmt doch etwas nicht! Wir müssen dieses Problem in Angriff nehmen.

Der Papst weiß bereits, dass ein Großteil dieser Personaleinstellungen auf Günstlingswirtschaft beruht. Die Leute werden für neue Projekte mit zweifelhaftem Ausgang oder auf Vorschlag oder Empfehlung von jemandem eingestellt. Nicht zufällig gibt es im Kirchenstaat nicht ein Personalbüro, wie in allen privaten Unternehmen, die mehr als Zehntausende Beschäftigte haben, sondern sage und schreibe 14, entsprechend den Machtzentren des Heiligen Stuhls. Der Ton von Papst Franziskus wird zunehmend schärfer, als er auf die alarmierendsten Punkte hinweist:

Zweiter Punkt: Das Problem der fehlenden Transparenz besteht nach wie vor. Bei manchen Kosten lässt sich nicht nachvollziehen, wie sie zustande gekommen sind. Das sieht man, wie mir meine Gesprächspartner [die Rechnungsprüfer, auf die diese Vorwürfe zurückgehen, und einige Kardinäle] sagen, in den Bilanzen. Zusammenhängend damit glaube ich, dass man bei unserer Aufgabe, Licht in die Ursachen der Ausgaben und in die Art der Zahlung zu bringen, noch einen Schritt weiter gehen muss. Es müssen daher sowohl über die Voranschläge als auch für den letzten Schritt, die Zahlung, genaue Aufzeichnungen geführt werden. Diese Aufzeichnungen müssen sehr diszipliniert geführt werden. Einer der Verantwortlichen meinte zu mir: ,Ja, aber dann bringen sie uns einfach die Rechnung und dann müssen wir sie bezahlen …‘ Nein, müssen wir nicht. Wenn eine Sache ohne Kostenvoranschlag und ohne Genehmigung durchgeführt wurde, dann wird nicht bezahlt. Aber wer soll das dann bezahlen? Wir nicht. Da muss man hart bleiben, angefangen bei den Aufzeichnungen. Auch wenn es für den armen Sachbearbeiter peinlich ist: Wir zahlen nicht! Der Herr möge uns verzeihen, aber wir zahlen nicht.
 T-r-a-n-s-p-a-r-e-n-z. Das macht man in der einfachsten Firma so und das müssen wir auch machen. Die Aufzeichnungen für den Beginn einer Arbeit müssen auch die Aufzeichnungen für deren Bezahlung sein. Vor jeder Anschaffung und vor jeglichen Bauarbeiten müssen mindestens drei verschiedene Angebote eingeholt werden, um das günstigste auswählen zu können. Ich nenne ein Beispiel: die Bibliothek. Der Kostenvoranschlag lautete auf 100 und bezahlt haben wir schließlich 200. Was ist passiert? Ein bisschen mehr? Na gut, aber stand das im Kostenvoranschlag oder nicht? Aber wir müssen das doch zahlen! Nein, das müssen wir nicht. Das sollen sie selbst zahlen. Wir zahlen jedenfalls nicht! Das ist wichtig für mich. Disziplin, bitte!

Papst Franziskus beschreibt einen Zustand, der von völliger Sorglosigkeit in wirtschaftlichen Angelegenheiten geprägt ist. Ein unvorstellbares Szenario. Der Papst ist wütend. Siebenmal wiederholt er „Wir zahlen nicht“. Zu lange schon wurden Millionen bedenkenlos und mit schier unglaublicher Leichtfertigkeit aus dem Fenster geworfen, zur Bezahlung von Arbeiten, für die es weder Kostenvoranschläge noch die erforderlichen Überprüfungen gab, jedoch bis zur Unglaubwürdigkeit aufgeblasene Rechnungen. Viele profitierten davon und steckten das Geld der Gläubigen ein, die Spenden, die eigentlich für die Bedürftigsten gedacht waren. Der Papst wendet sich damit an jene Kardinäle, die den Dikasterien vorstehen und die mit dem Geld der Kirche jahrelang zu sorglos umgegangen und ihren Aufsichtspflichten nicht nachgekommen sind. Es ist eine deutliche Anklage, hart, direkt und unverblümt und durchaus demütigend für die Purpurträger: Der Papst hebt Dinge hervor, die jeder Verwalter, auch der bescheidensten Unternehmen, kennt und bestens versteht.

Dann blickt der Papst Staatssekretär Tarcisio Bertone an. Lange und direkt. Wer in der Nähe des Papstes sitzt, kann darin nichts von der Freundschaft und der Nachsicht erkennen, die Ratzinger mit dem italienischen Kardinal verband, so sehr, dass er seinen alten Weggefährten zu sich an die Spitze der Macht im Vatikan holte. Es ist ein eiskalter Blick: der mahnende Blick eines Jesuiten, der vom „Ende der Welt“ nach Rom gekommen ist. Nachdem sich der Papst in den ersten Monaten seines Pontifikats noch zurückgehalten hat, klagt er Bertone nun an, ehe er ihn dann später entlässt. Die Verwaltung der Ressourcen und die Regierungsgeschäfte obliegen dem Staatssekretariat, das unter dem vorigen Papst und gerade unter der Führung von Bertone eine bis dahin beispiellose Macht auf sich vereinigen konnte. Es war noch mächtiger geworden als schon zur Zeit von Papst Wojtyła, mit dem einflussreichen venezuelischen Kardinal José Castillo Lara an der Spitze der APSA und Kardinal Angelo Sodano als Staatssekretär. Genau jene Jahre, die ich anhand der Geheimdokumente von Monsignore Renato Dardozzi in meinem Buch Vatikan AG rekonstruiert habe.

In der unangenehmen Stille des Saales setzt Papst Franziskus nun zum letzten Schlag an und nennt die schwerwiegendsten Probleme beim Namen:

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass ein großer Teil der Kosten außer Kontrolle geraten sind. Das ist eine Tatsache. Wir müssen größtes Augenmerk darauf legen, dass die Rechtsnatur und die Unmissverständlichkeit unserer Verträge überprüft werden. Verträge haben so viele Fallen, nicht wahr? Der Vertrag ist eindeutig, doch dann findet sich in den Fußnoten, am Ende der Seite, im Kleingedruckten – so sagt man doch? – eine Falle. Prüft genau! Unsere Lieferanten dürfen nur Unternehmen sein, die Ehrlichkeit garantieren und einen fairen, marktüblichen Preis anbieten – das gilt sowohl für Waren als auch für Dienstleistungen. Und einige garantieren das nicht.

Der Vorwurf des Papstes:
 „Sämtliche Kosten sind außer Kontrolle“

Die wirtschaftliche Lage, die die Revisoren beschreiben und die Papst Franziskus von Ratzinger geerbt hat, ist ausweglos und kommt einer Insolvenz nahe. Auf der einen Seite herrscht völlige Anarchie bei der Verwaltung von Ressourcen und Ausgaben, die unkontrolliert wachsen, auf der anderen Seite lähmen undurchsichtige Finanzgeschäfte und Günstlingswirtschaft jede Veränderung und ersticken im Keim die Entscheidungen, die bereits der frühere Papst aus Deutschland getroffen hatte. Und das war vielleicht auch der unausgesprochene Grund, warum Ratzinger sich zum Rücktritt entschloss: Er wollte das Ruder des Schiffs Petri einem anderen anvertrauen, der besser als er in der Lage wäre, die Nahtstellen der Macht aufzubrechen und den Sturm zu überstehen, in dem das wirtschaftliche Schicksal der Kirche und damit auch die Zukunft ihrer Heilsbotschaft, auf dem Spiel stehen. Papst Franziskus setzt in seiner Anklage nicht zufällig bei den dramatischen Tagen vor dem Konklave an und bei den Unregelmäßigkeiten und Befürchtungen, die in den Versammlungen vor der Papstwahl deutlich wurden. Unregelmäßigkeiten und Befürchtungen, die ihn letztlich vielleicht dazu bewogen haben, als erster Papst überhaupt den Namen des heiligen Franz von Assisi, des Heiligen der Armen, anzunehmen.

Die Kosten sind also „außer Kontrolle“, die Verträge voller „Fallen“, die Lieferanten unehrlich und ihre Waren überteuert. Bis gestern war es unvorstellbar, dass ein Papst eine solche Aussage trifft. Doch das ist noch nicht alles. Die Ausgabenseite mag zu missbilligen sein, aber die Verwaltung der Einnahmen, das heißt der Spenden und der Erbschaften, die die Gläubigen der Kirche hinterlassen, stellt für den Heiligen Vater das vielleicht noch viel größere Problem dar. Es fehle jegliche „Aufsicht über unsere Geldanlagen“. Und hier stellt sich, wie das nächste Kapitel noch zeigen wird, eine ganz einfache Frage: Enden die von den Gläubigen überlassenen Gelder in wohltätigen Werken, oder werden sie von den schwarzen Löchern der verschwendungssüchtigen Verwaltung des Heiligen Stuhls verschlungen? Diese Frage ist entscheidend und auf sie wird noch näher einzugehen sein.

Der Papst ist höchst besorgt und stellt noch einen anderen beunruhigenden Bezug her. Die Situation, die die Revisoren zeichnen, erinnere ihn, so sagt er, an die dunklen Jahre der argentinischen Militärdiktatur und der desparecidos, der Verschwundenen, als die Kirche in Buenos Aires geradezu frevelhafte Investitionen tätigte:

Als ich Provinzial war, sprach der Generalökonom mit uns darüber, wie wir uns bei Investitionen verhalten sollten. Er erzählte uns, dass die Provinz der Jesuiten im Land zahlreiche Seminare unterhielt und ihre Gelder bei einer seriösen und ehrlichen Bank anlegte. Dann kam ein neuer Ökonom und suchte die Bank für eine Kontrolle auf. Er erkundigte sich, wo das Geld angelegt worden sei, und musste feststellen, dass über 60 Prozent in die Waffenproduktion geflossen waren!
 Augen auf beim Anlegen von Geldern, schaut auf Moral und Risiko, wenn es heißt: Hier gibt es hohe Zinsen, also was soll’s … Verlasst euch nicht darauf! Wir brauchen hierfür geschulte Berater. Wir brauchen klare Richtlinien darüber, wie und worin wir unser Geld anlegen dürfen. Alle Investitionen müssen mit Besonnenheit, Weitsicht und größtem Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken getätigt werden. Jemand von Euch hat mich daran erinnert, dass wir in der Schweiz 10 Millionen Euro verloren haben, weil das Geld schlecht angelegt war, und jetzt ist es weg. Außerdem kursiert das Gerücht, es gäbe Parallelverwaltungen, Geld, das nicht in den Bilanzen auftaucht. Und es gibt Dikasterien, die Gelder auf eigene Rechnung innehaben und privat verwalten: Die Kasse wird nicht ordnungsgemäß geführt; wir müssen die Kasse in Ordnung bringen. Ich könnte noch mehr Beispiele nennen, die uns ebenso viel Sorgen machen, aber wir sind hier, meine Brüder, um diese Probleme zu lösen. Zum Wohle der Kirche. Mir kommt dazu in den Sinn, was einmal ein alter, weiser Priester in Buenos Aires sagte, der in finanziellen Dingen sehr umsichtig war: ,Wenn wir nicht einmal auf unser Geld aufpassen können, das man sehen kann, wie sollen wir dann die Seelen der Gläubigen hüten, die man nicht sehen kann?‘“