Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Immer wieder dasselbe!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 31.12.2015

Gestern wurde bei mir „angefragt“, ob ich nicht eine Stellungnahme zu der Frage abgeben möchte, worauf ich mich freue, wenn ich ins nächste Jahr vorausblicke. Meine erste Reaktion: professionell abschätziges Zähneknirschen.

Worauf, bitte schön, sollte man sich denn freuen in diesen Zeiten? Hungersnöte und Feuersbrünste, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme, Terrorwellen und Wirtschaftsflauten. Es scheint, das ganze Universum spielt verrückt …

Man erwartet, dass ich mich als public intellectual inszeniere und, düster umflort von Katastrophenahnungen, trotzdem ein Quäntchen Freude absondere. Aber nicht zu viel, bloß nicht! Bloß kein Existenzialkitsch, kein Hummelfigurenhumanismus!!

Und weil ich ein Profi in solch schwindlig-prophetischen Angelegenheiten bin, sage ich zu, jawohl, einige Zeilen Optimismus fürs neue Jahr. Die nächtliche Folge: unruhiger Schlaf, Einfallslosigkeit in Weltangelegenheiten. Doch dann fällt mir ein, dass ich gar nicht zuständig bin für die Welt und ihre Angelegenheiten. Public intellectualism, das bedeutet, Quasi-Zuständigkeit für Dinge, über die man zum Glück keinerlei Macht hat.

Und sonst? Es geht mir gut, und ja, danke schön, ich möchte, dass es mir weiterhin so gut geht. Also ist meine Freudenformel für das nächste Jahr rasch gefunden: „Immer wieder dasselbe und am besten nichts Neues!“ Zugegeben, meine Freudenformel ist eine Schande für jeden public intellectual, daher meine zweite Reaktion: professionell abschätziges Zähneknirschen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.