Jean-Luc Bertini/Pasco

Nachruf

Imre Kertész und das Unfassbare

von Andreas Breitenstein / 31.03.2016

Mit dem Tod von Imre Kertész verliert die Weltliteratur einen ihrer ganz Großen. Als Überlebender von Auschwitz hat Kertész radikal wie kein anderer über den „Holocaust als Kultur“ nachgedacht.

Noch einmal ist das 20. Jahrhundert an ein Ende gekommen: Imre Kertész ist tot – der aufrichtige Dichter und präzise Denker, der eminente Zeuge und tapfere Mensch. Er starb am 31. März 86-jährig in Budapest, seiner geliebt-gehassten Geburtsstadt – fernab von Berlin, das er sich 2000 aus Gründen der seelischen Hygiene zur zweiten Heimat erwählt hatte. Es ist dies ein Widerspruch mehr in einem zutiefst von Widersprüchen geprägten Leben.

Der größte war jener, 1944/45 in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Buchenwald den eigenen Tod überlebt zu haben. Und der zweitgrößte der, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht die Freiheit, sondern die Fortsetzung der Lager mit anderen Mitteln erleben zu müssen. Hinzu kam die bitter-ironische Erfahrung, jahrzehntelang ins gesellschaftliche Nichts hineinzuschreiben, um nach der Wende von 1989 schließlich doch zu reüssieren und 2002 gar mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt zu werden .

Jahre der Verzweiflung


Credits: EPA/GEORGIOS KEFALAS

Während der Holocaust im Realsozialismus aus Gründen der Fortschrittsideologie und der Opferkonkurrenz tabu war, schritt im Westen nach Jahren der Verdrängung die Aufarbeitung der NS-Verbrechen voran. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs, dem Ausbruch des Jugoslawienkriegs und der Bewusstwerdung der eigenen zivilisatorischen Gefährdung kam das Thema mit Wucht ins Bewusstsein zurück. „Auschwitz“ als Nullpunkt der Zivilisation, als Schädelstätte des abendländischen Humanismus und als Leerstelle von Kunst und Moral – erst damals setzte sich dieser Gedanke auf breiter Front durch. Eine unüberblickbare Zahl von Erinnerungen und Kunstwerken, Museen und Archiven entwuchs dieser neuen Sensibilität. Absurderweise avancierte der Holocaust zu einem populären Stoff, was eine Trivialisierung, aber auch eine Sakralisierung nach sich zog.

Imre Kertész kämpfte gegen jede Art von Verkitschung entschieden an, kulturindustriell betriebene „Vergangenheitsbewältigung“ war ihm ein Greuel. Das Dunkle in lichte Gedanken zu fassen, sah er im Umgang mit „Auschwitz“ als höchstes Gebot. „Wer aus dem KZ-Stoff literarisch als Sieger hervorgeht, lügt und betrügt todsicher“, so formulierte er seinen fundamentalen Einwand gegen eine Kunst, die angesichts des Unfasslichen nur zu kurz greifen kann. Denn die, welche die ganze Wahrheit von „Auschwitz“ kennen, können nicht mehr sprechen, und die, die sprechen können, kennen die ganze Wahrheit nicht. Am schwarzen Loch des Verstehens kann und darf es nur ein Scheitern geben.

Vielleicht musste Kertész hindurch durch die Jahre der Verzweiflung, die zugleich die bleierne Dekade nach der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1956 waren, um ästhetisches Neuland zu gewinnen und in das Reden über „Auschwitz“ einen neuen Ton bringen zu können. Ohne den Willen zum Widerstand gegen die zweite Diktatur hätte er seinem Leben womöglich ein Ende gesetzt. Seine eigene Höllenfahrt schilderte er in dem 1973 fertiggestellten und nach erheblichen Querelen erst 1975 veröffentlichten „Roman eines Schicksallosen“, an dem er mehr als ein Dutzend Jahre gearbeitet hatte, um am Ende dröhnendes Schweigen zu ernten. „Fiasko“ (1988), der Roman über diesen Roman, erzählt als Parodie und Wiederholung, Parabel und Groteske in der Figur des Alter Egos Steinig davon, wie es war, viele Jahre in einer „feindlichen, hoffnungslos fremden geistigen Umgebung“ an einem Manuskript über ein Thema zu arbeiten, das es offiziell nicht gab. Steinig muss erkennen, dass es Mächte gab, die größer sind und nicht zu begreifen. So dass, was ihm widerfährt, das Schicksal der Schicksallosigkeit ist. Erst die Neuauflage des Erstlings von 1985 in einem liberaleren politischen Klima brachte erste Anerkennung. Die Tür in den Westen zum Ruhm öffnete 1996 die zweite deutsche Übersetzung (die erste, noch halb in der DDR erschienene, verwarf er als mangelhaft).

Gespaltene Existenz

Imre Kertész ist fünfzehn Jahre alt, als er 1944 in Budapest seiner jüdischen Bürgerfamilie entrissen und wie Hunderttausende seiner Landsleute in die Vernichtungslager verschleppt wird. Er überlebt in Auschwitz-Birkenau als „arbeitsfähig“ die Selektionen, um später nach Buchenwald und von dort in das Nebenlager Zeitz gebracht zu werden. Geschwächt durch Hunger und Sklavenarbeit, entrinnt er in der Krankenbaracke nur durch Zufall dem Tod.

Es folgt eine Zeit der Euphorie und der Scham des Überlebens. Nach dem Studium wird Kertész 1948 Redakteur bei einer Tageszeitung, die bald zu einem kommunistischen Parteiorgan mutiert, was die Entlassung des utopisch Ernüchterten zur Folge hat. In den fünfziger Jahren schlägt er sich mit publizistischen Gelegenheitsarbeiten durch, auch verfasst er Boulevardstücke. Gleichzeitig beginnt er die ambitionierte Arbeit am „Roman“. Arm und einsam, führt er in seiner Schreibklause eine gespaltene Existenz. Erst die Möglichkeit, deutsche Literatur und Philosophie zu übersetzen, erlöst ihn in den siebziger Jahren von diesem Doppelleben. An existenzialistischen Granden wie Kierkegaard und Camus, Beckett und Cioran, Canetti und Bernhard geht er durch die Schule der Negativität.


Credits: REUTERS/Fabrizio Bensch/Files

Die Provokation und die Faszination des „Romans eines Schicksallosen“ bestehen darin, dass er sich der Konvention von Leidenspathos und Engagement komplett verweigert. Kertész lässt seinen jugendlichen Ich-Erzähler, György Koves, in Auschwitz die Erfahrung des Absurden machen. Gefangen in den „obskuren Schlingen“ erzählerischer Linearität, muss György qualvoll die in den Abgrund führenden Stufen des Lagers durchlaufen. Das Entsetzliche des Horrors sucht der Autor dabei durch eine irrlichternde Ironie und eine lakonisch einfache, hochpräzise Sprache zu fassen, in der sich eine arglos kindliche Weltoffenheit, eine altkluge Vernünftigkeit und stereoskopisch-genaue Beobachtung ausdrücken. Durch die schockierende Zustimmung Györgys zu seiner eigenen Vernichtung wird nicht nur die herkömmliche Opfer-Täter-Mechanik außer Kraft gesetzt, es wird dem Knaben im Lager immer wieder auch das absolut Undenkbare zuteil: eine Art Glück.

Der Roman verweigert den Schmerz und versagt sich dem Trost, er lässt die Moral kalkuliert ins Leere laufen und gibt dem Verstehen keinen Halt. Er verwischt die Demarkationslinie zwischen dem Guten und dem Bösen, spart die Frage nach der Schuld aus und treibt mit alldem den Pfahl tief ins Fleisch von uns allen: Nicht die anderen, wir selbst sind „Auschwitz“. Kein Wunder, stieß das Buch bei der kommunistischen Zensur auf Widerstand, und auch im Westen vermochte es seine Wirkung nur auf der Basis eines entwickelten Sinns für postmoderne Ironie zu entfalten.

Die Umdeutung des Sisyphos

„Schicksallosigkeit“ wurde für Imre Kertész zur Signatur einer Epoche, in welcher der Konnex von Tat und Schuld und Sühne sich aufgelöst hat. Seinesgleichen geschieht in der verwalteten Welt, um mit Musil und Adorno zu sprechen, und es gibt niemanden mehr, auf den es ankäme und der belangbar wäre. Mit „Auschwitz“ ist die „Möglichkeit der Tragödie“ verloren gegangen; was bleibt, ist die Mediokrität des Überlebens.

Darum auch korrigiert „Fiasko“ das heroische Bild vom Glück des gegen die Sinnlosigkeit revoltierenden Menschen, das Camus im „Mythos von Sisyphos“ entworfen hatte. Bei Kertész bemerkt Sisyphos eines Tages, dass er nur noch einen Steinbrocken vor sich her kickt. Der Felsen, den er bergauf wälzte, hat sich abgewetzt, nur ein Kieselstein ist geblieben, den Sisyphos in die Tasche steckt und mit nach Hause nimmt. Und doch ist die Befreiung nur eine scheinbare, denn mit dem Stein in der Hand kehrt in der Stunde der Dämmerung die Reflexion zurück und mit ihr die Erinnerung an die Verzweiflung.

Die Jahre nach Abschluss des Romans stehen im Zeichen von Askese und Wiederholung. Mit desperater Hellsichtigkeit umkreist Kertész die Tatsache seines Überlebens: als Scham und als Schuld, als Auftrag und Aporie. Schreiben ist ihm Fluch und Freiheit – die Chance, in der einzig möglichen Wahrheit der Verzweiflung zu leben. Es bedeutete aber auch immer: den Tod einüben.

Es beginnt der ausgedehnte und vielgestaltige poetische, poetologische und philosophische Komplex zu wachsen, der das Buch umlagert. Statt sich im „Gulaschkommunismus“ zu arrangieren, bleibt Kertész ein Seismograf der eigenen Traumatisierung, weshalb die Tagebücher mit ihren oft ins Aphoristische zugespitzten existenziellen Analysen und literarischen Überlegungen einen integralen Bestandteil des Werkes darstellen.

Melancholie der Erfüllung

Da ist das „Galeerentagebuch“, das Arbeitsjournal der Jahre 1961 bis 1991, in dem sich ein Abgrund an Verzweiflung, Ekel und Depression auftut über alles, was angesichts von „Auschwitz“ als „Schwachsinn“ erscheint. Und da ist die Betrachtung „Ich – ein anderer“, durch die das große Aufatmen im Zuge der Wende geht, endlich der Klaustrophobie des Ostblocks entronnen zu sein, das Glück einer zweiten Liebe zu genießen und die Welt bereisen zu können. Und doch mischen sich in das Glück des Neuaufbruchs die Melancholie der Erfüllung und die Sorge, ohne das System der Angst nicht mehr produktiv sein zu können. In den späten Tagebüchern von 2001 bis 2009, „Letzte Einkehr“, wird sich dieser Horror Vacui noch akzentuieren, zumal das Höchste und Lächerlichste, der Literaturnobelpreis, sich erfüllt hat.

Im Laufe der Jahre wuchs der autofiktionale Werkzyklus, zur „Tetralogie der Schicksallosigkeit“ gehören „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“, ein an Bernhard geschulter, ins Wahnhafte kippender Monolog über die Verweigerung, das Leben weiterzugeben, sowie „Liquidation“, eine Art Fortsetzung, in der Kertész im Horizont der Wende von 1989 sein Leben zum Spielmaterial der Überlegung macht, was vom Verweigerer bleibt, wenn sich die Gründe dafür in Luft aufgelöst haben, und was von Auschwitz, wenn es keine Zeugen mehr gibt, deren Zeugnis verloren ist und sich die Wirklichkeit des Schreckens verflüchtigt hat.

Auch unter den Bedingungen der Freiheit blieb Schreiben nach Auschwitz ein unauflösliches Paradox. „Seine Geschichte war zu Ende, ihn selbst aber gab es noch, und das war ein Problem“, lautet das düstere Fazit des Buchs, und doch stellt die spielerische Verwandlung des eigenen Lebensstoffes in ein Vexierbild von Untergang und Überleben eine Abkehr vom düsteren Pessimismus der schicksallosen Schicksallosigkeit dar. Von der Not und der Lust der aporetischen Existenz ist auch das „Dossier K.“ geprägt, ein selbstironisch-investigatives autobiografisches Kreuzverhör zwischen dem Ich und dem Anderen, als der sich Kertész stets fühlte.

Die Moral der Antimoralisten

Gerade weil er die Skepsis gegenüber dem Schreiben nie verlor und seine Rolle als Autorität verneinte, wurde Imre Kertész zur moralischen Instanz. Breite Wirkung entfalteten seine zahlreichen Essays über den „Holocaust als Kultur“, das totalitäre 20. Jahrhundert und das neue Europa. Kritisch hat sich Kertész immer wieder über das postkommunistische Ungarn geäußert, in dem der neue Nationalismus und Antisemitismus als Ausdruck eines fortlebenden Bedürfnisses nach Autorität, eines tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühls sowie der Angst vor der Leere erscheint. Stets aber führte sein Blick über die Katastrophe hinaus auf das, was er selbst den „großartigsten aller europäischen Werte“ genannt hat: die Freiheit.

Wer das Glück hatte, Imre Kertész persönlich zu kennen, wusste auch um die heitere Seite seiner Person. Sein schallendes Lachen war legendär, groß war sein Witz und überwältigend seine Herzensgüte. Sein Genie, die Ethik ganz in die Ästhetik des Negativen einzusenken und so die Wunde Auschwitz offen zu halten, bleibt Referenzpunkt für alle Literatur, welche die moralischen Aporien des modernen Daseins zum Ereignis machen will. Denn tiefer als alle Erklärung geht die mystische Erfahrung, dass es keine Erkenntnis geben kann.

Nun, da er seinen Posten als Wächter nach langer Krankheit geräumt hat, mag Imre Kertész mehr wissen. Wir Verschonten aber, die wir ihn gelesen und geliebt haben, werden nie sagen können, wir hätten den Schrecken der Lager nicht auch von innen gekannt.