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Social Media

In der Facebook-Filter-Falle

von Stefan Betschon / 19.05.2016

Wir sind umgeben von künstlich-intelligenten Algorithmen, die bei der Informationssuche Wunder vollbringen. Doch wie neutral sind die Trending Topics?

Es gibt ein altes Märchen, aufgeschrieben vom polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem, das sich als Deutungsrahmen für künstliche Intelligenz anbietet. Es geht in dem Märchen um den Krieg zwischen zwei Planeten. Der eine Planet wird von Menschen bewohnt, der andere gehört den Robotern. Die Roboter, so heißt es, seien gefährliche Maschinen, sie wollten alle Menschen, alles Menschliche vernichten.

Die Menschen schicken einen der Ihren als Kundschafter auf den Roboterplaneten, um herauszufinden, was die blechernen Feinde im Schilde führen. Der Kundschafter tarnt sich als Roboter. Doch er wird schon bald entdeckt. Er könne sein Leben retten, so sagt man ihm, wenn er sich weiterhin bemühe, alle menschlichen Regungen zu unterdrücken. Der Gefangene willigt ein und gibt sich Mühe, als Roboter unter Robotern nicht aufzufallen. Er findet dann aber heraus, dass es auf dem Roboterplaneten gar keine Roboter gibt. All die Gestalten, die sich da so maschinenhaft gebärden, sind Menschen, die als Kundschafter hierher kamen, sich als Roboter tarnten, entdeckt wurden und – um das eigene Leben zu retten – einwilligten, sich als Roboter auszugeben. Hinter der Bedrohung, die von den Robotern ausgeht, stehen Menschen.

„Algorithmen, nicht Menschen“

Wir sind umgeben von künstlich-intelligenten Algorithmen, die bei der Informationssuche Wunder vollbringen. Wie kann die Google-Suchmaschine wissen, welche Web-Seiten uns interessieren? Wie kann Facebook wissen, welche News wir mögen, welche Nachrichten gerade im Trend liegen? Die Software beobachtet die Menschen und ahmt sie nach. Es sind die Suchmaschinen-Benutzer, die der Maschine Intelligenz verleihen, der Nachrichtenfluss in Social-Media-Netzwerken wird von Social-Media-Rezipienten gelenkt.

Wichtige Ereignisse, so schrieb vor einer Woche Justin Osofsky, ein hochrangiger Facebook-Manager, seien eines der mächtigsten Mittel, um Menschen zusammenzubringen. Deshalb habe man 2014 mit Trending Topics einen Dienst eingeführt, der Facebook-Benutzer über wichtige Ereignisse informiert. Mit diesem Service, der vorerst nur auf Englisch angeboten wird, geriet Facebook immer wieder in die Kritik. 2014 wurde der Vorwurf laut, dass Facebook Nachrichten über die Unruhen in der amerikanischen Stadt Ferguson unterdrückt habe. Vor einer Woche sorgte ein Facebook-Mitarbeiter für Aufregung, der behauptete, konservative Politiker und konservative Anliegen würden aus den Trending Topics systematisch herausgefiltert. Osofsky widerspricht: Die interessanten Nachrichten würden bei Facebook „durch Algorithmen zutage gefördert, nicht durch Menschen“.

„Algorithmen, nicht Menschen“, ist die Standardantwort, die zu hören bekommt, wer Google oder Facebook kritisiert. Die beiden jungen amerikanischen Firmen sind mächtige, global tätige Medienunternehmen, die aber für ihre Inhalte keine Verantwortung übernehmen möchten. Dafür seien „Algorithmen, nicht Menschen“ zuständig.

Facebook ist nicht links oder rechts, Facebook ist profitorientiert. Die Nachrichten dienen hier nicht der politischen Bildung, sondern sollen als eine Art Hintergrundmusik dafür sorgen, dass die Facebook-Benutzer, die durchschnittlich pro Tag 50 Minuten auf dieser Website verbringen, sich wohlfühlen.

Die Aufregung um die Trending Topics hat jetzt bewirkt, dass die Abläufe bei der Nachrichtenauswahl publik gemacht wurden. Facebook holt sich die News von den Webseiten wichtiger Zeitungen. Als relevant gilt eine Nachricht, die von mindestens fünf der zehn wichtigsten englischsprachigen News Outlets gebracht wurde. Zu dieser Gruppe zählen New York Times, Wall Street Journal und Washington Post.

Journalisten und Algorithmen stehen in einem Wettbewerb zueinander. Die Journalisten sind gut, aber die Algorithmen sind effizienter und effektiver. Sie können es sein, weil sie Menschen für sich arbeiten lassen.