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Literatur und Kapitalismus

In Romanen sind Kapitalisten immer die Bösen

Meinung / von Björn Hayer / 30.04.2016

Kapital, Gier und Geld geistern heute als Problem durch viele Romane der deutschen Literatur. Was lernen wir daraus über die Verfassung unserer Gegenwart – und was über jene der Literatur?

Der Kapitalismus zählt inzwischen zu den beliebtesten und berüchtigtsten Geistern der Gegenwartsliteratur: Einmal gibt er sich penetrierend und gewaltsam, ein andermal agiert er unfassbar und nimmt Züge eines Kafka’schen Schlosses an – viele Masken, die schließlich nur ein und dieselbe Fratze verdecken, ein Schreckgespenst, auf das mittlerweile alle vergnügt mit Sarkasmus und Wut einhauen. Ob Heuschrecken, Finanzmarkthaie, Banker, Vorstandsvorsitzende, Datenmonopolisten, Spekulanten, Ego-Shooter – irgendwie, so scheint es den Autoren, treffen sie wohl immer die richtigen.

Nachdem eine Wirtschafts-, Banken- und Rettungskrise auf die nächste folgt, ist Kapitalismuskritik zum erfolgversprechenden Gassenhauer avanciert. Alle machen hierbei gern mit, zumal es für die Schriftsteller auf diesem Gebiet wenig zu verlieren gibt. Zumindest kann man sich des Wohlwollens linksintellektueller Milieus sicher sein. Eine Kritik der literarischen Kapitalismuskritik stellt dabei eher ein ungemütliches Geschäft dar, lohnenswert ist dieses Unterfangen jedoch allemal – vor allem wenn man in diesem verworrenen Spiel zwischen Profitsuchern, Politikern, Sparern, Gebeutelten nach Tätern und Opfern fragt. Nicht immer sind sie leicht auszumachen. Nur eines scheint glasklar: Der literarisch dargestellte Kapitalismus wirkt als abstraktes System, in dem der Einzelne vornehmlich als Marionette fungiert.

Die Kehrseite der Ausbeutung

Wie Matthias Nawrats Roman „Unternehmer“ (2014) herausstellt, manifestiert sich die Angst vor dieser Ufo-Ökonomie in deren indoktrinierender Kraft. Selbst die Kinder eines Schrotthändlers, die, statt zur Schule zu gehen, mit ihrem Vater tagtäglich nach alten Elektroteilen Ausschau halten, um diese zu verkaufen, haben das emotionale Credo des Marktes verinnerlicht: „Das echte Unternehmertum fängt im Herzen an und hat mit Mut zu tun.“

Was hier noch positiv anklingt, ist in diesem Text nichts anderes als die euphemistische Kehrseite der Ausbeutung. Der Kapitalismus der Gegenwartsliteratur gründet auf Illusionen, gaukelt den Arbeitenden vor, dass sie autonom seien, obgleich sie de facto von globalen Playern gelenkt werden. Ohne davon wirklich Kenntnis zu haben, ist ein europäischer Vertreter in Terézia Moras Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) für ein US-Unternehmen tätig, das unlängst seine Stelle gestrichen hat. Eine abstruse Farce! Einerseits spiegelt die Autorin brillant in einem nicht greifbaren olympischen Erzähler die Anonymität der Globalisierung und verlagert die Schuld in ein undurchdringliches Beziehungsnetz weltweit agierender Konzerne; andererseits offenbart sie auch die Mittäterschaft ihres Protagonisten, der als Internet-Junkie gefolgstreu die Blase der New Economy anreichert.

Von Raubtierkapitalisten und einseitigen Feindbildern ist immerhin weder bei Nawrat noch bei Mora die Rede. Vielmehr versuchen die Autoren darzulegen, wie die Grenzen zwischen Täter und Opfer eines vermeintlich unmenschlichen Marktes verschwimmen und das System als Ganzes von vielen Stützen getragen wird. Das Kapital erweist sich als Chimäre, als Dämon, der doch nur die Komplexität der Verflechtungen verschleiert. Das Geld, das Finanzgeschäft und der Kapitalismus erscheinen wie ein Virus, das sich ausbreitet. Verursacher und Gegenmittel: unbekannt. Das ist ziemlich deprimierend.

Im wolkigen Kosmos des Kapitals haben althergebrachte Gegensätze ausgedient. Die krassen Pole aus Arbeitern und Arbeitgebern, Industriehallen und Villenvierteln, welche der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts eingeschrieben sind, taugen eher noch für groteske Metaphern, jedoch weniger zur Erfassung des Kapitalismus 2.0. Was die zeitgenössischen Autoren umtreibt, scheint vielmehr eine Ökonomie zu sein, die ihre materielle Basis in (Geld-)Ströme und Bits aufgelöst hat.

Das virtuelle Geld ist in den literarischen Erscheinungen der jüngeren Gegenwart zum geheimen Puls geworden, der beschleunigt über die Seite rauscht. Es bildet die Lebensenergie eines Organismus, bestehend aus Geld, Geld, Geld. Sein einziger Wille: Wachstum. Überall erzählt man uns, wie dieser anonyme Organismus jeden verschlingt. Die Protagonisten all der Kapitalismuskritikerbücher geben sich ausnahmslos als Getriebene fremder Mächte zu erkennen. Letztgenannte saugen sie aus und entführen sie in Höllen und Untotenreiche, ohne Aussicht auf Rückkehr.

Zoologie des Menschen

Hierin gibt es keine echte Wirklichkeit mehr. Das Kapital, diese Züchtung aus Monster, Krake, Haifisch und Riesenwal, hat sich seine eigene Realität geschaffen. „Das Geld, das Gold zieht an uns, es zerrt uns über uns hinaus […], das Geld ist nicht Mittel, sondern letztlich Endzweck […]. Das Geld geht, es stolpert manchmal […]. Das Geld soll aufhören rumzurennen“, so der ungehörte Appell in Elfriede Jelineks satirisch an Richard Wagners Nibelungen-Tetralogie angelehntem Bühnenessay „Rein Gold“ (2013). Jedes Außerhalb der allmächtigen Ökonomie ist in der Literatur verschwunden. Die Restbestände menschlicher Existenzen befinden sich in einem gewaltigen Flow, einem Strom der Transaktionen auf dem sicheren Kurs zum Kollaps.

Kurzum: Die Globalökonomie 2.0 ist zum Bewusstsein, zu einer Form des Denkens und Handelns, geworden. Sie ist die letzte und einzige Brille, durch die die Welt als ein gigantischer Haufen von Daten, Werten und Preisen betrachtet wird. Am Ende bleibt nur noch wie in Ulrich Peltzers rasantem Roman „Das bessere Leben“ (2015) über eine so skrupellose wie entleerte Finanzmarktkaste eines übrig: „die Wirklichkeit [als] eine Kette von Schnitzern, von Beiläufigkeiten und spontanen Entschlüssen“.

Die Schriftsteller nehmen also ihre klassische Position als Mahner und Wächter der Moral ein. Doch wo sind die Akteure, die sie zu adressieren sich bemühen, in einem nebulösen System noch aufzuspüren? Da zumeist mehr geprügelt und zerschlagen wird, statt dass Ross und Reiter benannt werden, erweist sich manches Gepolter letztlich als epigonal. Ermüdend nimmt der Leser wahr, wie der nächste Kapitalismuskritik-Roman-der-Stunde wieder als neuer Coup beschworen wird. Hervorragende Autoren wie Elfriede Jelinek, Ulrich Peltzer oder Thomas von Steinaecker mit seinem zeitkritischen Angestelltenroman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ (2012) entwickeln raffinierte Formsprachen für unser Zeitalter, durchaus. Sie verharren aber allein in Diagnosen, die Schuldfragen ins Nirgendwo verlagern und das Subjekt zur machtlosen Marionette degradieren.

Ihre Literatur arrangiert sich mit einem gemütlichen Feindbild, das sie weiter aufbläst. Bei Jelinek ist mit schwarzgalliger Verve beispielsweise vom Kapital als „Alleiniger und Freier“, vom „Gottvater von sich selbst“, von der „Mutter Erde. Geld von Geld“ („Rein Gold“) die Rede – eine Größe, die als Religion und wiederum eigene Realität alles überwölbt und überragt. Indem die Autoren alle Register von solcherlei Metaphorik ziehen, von Ungeheuern und omnipotenten Geldgötzen schreiben, verbreitern sie die Kluft zwischen dem Individuum und dem Monstrum des Marktes. Polemische Kritik schlägt dann in Mystifikation um und kann darin erst recht die Ohnmacht des Einzelnen zementieren. Hinzu kommt, dass die einseitige Holzhackerei nicht selten den umfassenderen Rahmen außer acht lässt.

Der Markt als Abstraktum

Ist denn der Kapitalismus, wenn es ihn überhaupt in dieser gottähnlichen Einzahl gibt, nicht vielmehr Symptom als Ursache? Wie sehen die genauen Ursache-Folge-Verhältnisse in diesem verworrenen Marktgeschehen aus? Zugegeben, mehr und mehr gewinnt man den Eindruck, dass die literarische Kapitalismuskritik zu einer Projektionsfläche geworden ist, auf der sämtliche gesellschaftlichen Prozesse – angefangen beim digitalen Wandel, bei der Verstädterung, dem demografischen Wandel bis hin zur Veränderung von Geschlechterbildern – verhandelt werden. Da es nur allzu leicht ist, den Markt als Abstraktum und anonymes Über-Ich zu inszenieren, erspart man sich zumindest intensive Diskussionen zu Verantwortlichkeiten.

Obgleich die Komplexität der Gemengelage, wie sich zeigt, keine einfachen Antworten zulässt, dient die Ökonomie des Marktes zu allerlei Stellvertreterkriegen, worin vermeintlich schnell die Verantwortlichen auszumachen sind. Dass klare Fronten den Blick verengen, zeigt sich an einer Literatur, die sich in ihrem selbstzirkulären Habitus genügt und den Sinn für Alternativen verloren hat.

Wie könnte eine nachhaltige, um den Einklang zwischen Ökologie und Technologie bemühte Realwirtschaft aussehen? Lohnen nicht wieder Perspektiven auf die Region und ihre Akteure, wie sie etwa Andrzej Stasiuk in seinem „glokalistischen“ Ansatz als Gegenpol zur Globalisierung entwirft? Könnte nicht die verlorene Nähe wieder ein Ausweg sein aus der anonymen Entfremdung?

Es mangelt an einem liberalen Geist, der nicht einem grenzenlosen Markt huldigt, sondern den Mut zu neuen Möglichkeiten aufbringt; einem Denken jenseits von Extremen, jenseits von merkantilem Radikalismus und Marxismus – und wo könnte eine solche Leistung eher erbracht werden als in einer Literatur, die sich zu Kritik und Kreativität gleichermaßen bekennt?