Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Inbilder Europas

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.03.2016

Als ich neulich gefragt wurde, was ich von Europa für ein „Bild“ hätte, fiel mir auch nichts Besseres ein als jenes Urteil, das lautet: „ein zerstrittener Sauhaufen“.

Und dabei hatte ich in meinem ganzen Leben noch keinen zerstrittenen Sauhaufen gesehen. Ich dachte, und fügte meinem Urteil quasi entschuldigend hinzu, dass es sich dabei um so etwas wie ein „Inbild Europas“ handelte, womit ich eines der Lieblingswörter Peter Handkes verwendete. Für Handke besteht ja die Welt, sofern und soweit vom wahren Dichter wahrgenommen, bekanntlich aus lauter Inbildern.

Während ich nun heute, sonntäglich gestimmt, meinen Morgensparziergang absolviere und mich an dem vorfrühlingshaften Sprießen und Sprossen rund um mich herum erfreue, an den vorösterlichen Tupfen, von denen die kleinen Rasenflächen und Buschecken auf meinem Weg übersät sind, wird mir das Inbild-Gerede zum Ärgernis. Auf das Hier-und-Jetzt kommt’s an!

Aber dann sehe ich rings um mich die am Boden herumstochernden Hundebesitzer, nicht selten in Sonntagskleidung, wie sie den Morgenhaufen ihres Lieblings, abgesetzt zwischen den Schneeglöckchen, Schlüsselblumen und zarten Krokussen, ins Gacksisackerl fingern.

Und plötzlich wandelt mich – so sagt man doch? – ein Inbild jenes Europas an, das kein zerstrittener Sauhaufen sein wird: des zukünftigen „Kerneuropas“ – eines Schrumpfkontinents von Herrchen und Frauchen mit gutem Gacksisackerlsonntagsgewissen, die alle gacksisackerllosen Völker einen zerstrittenen Sauhaufen schimpfen.

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.