Differenzierung

„Islamkritik“ und „Islamophobie“: Pauschalisierungen helfen nicht weiter

von Tilman Seidensticker / 29.06.2016

Extremisten berufen sich im Islam auf die gleiche religiöse Tradition wie Gemäßigte. Das kann aber kein Freibrief sein für Pauschalurteile. Im Gegenteil: Differenzierung ist – nach wie vor – gefragt. Ein Gastkommentar von Tilman SeidenstickerTilman Seidensticker ist Professor für Islamwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die aktualisierte, 4. Auflage seines Buchs „Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen“ (C. H. Beck) ist soeben erschienen. .

Die Auseinandersetzung über weltpolitische Geltungsansprüche des Islams und dessen Integrierbarkeit in westliche Gesellschaften ist schon einige Jahrzehnte alt und wird im Westen in einer immer schrilleren Kakofonie von Wissenschaftlern, Politikern, Journalisten und weiteren Meinungsträgern geführt. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, denn man kann schon über halbwegs klare Sachverhalte höchst unterschiedlicher Meinung sein. Im Zusammenhang mit dem Reizthema Islam ist die Diskussion aber besonders kontrovers, weil sich friedfertige Muslime wie auch Extremisten auf ein und dieselbe Tradition aus Koran und Äußerungen sowie Taten des Propheten Mohammed berufen – und zu völlig unvereinbaren Ergebnissen kommen. Dabei wirken die Bezugnahmen auf die alte Tradition bei den Extremisten mindestens ebenso plausibel wie bei den Gemäßigten.

Dschihad, Umfragen

Dieser auf gleiche Quellen gegründete Dissens lässt sich gut am Beispiel des „heiligen Kampfes“, des Dschihad, beleuchten. Die gegenwärtige Islamdebatte kreist auch um andere Fragen, doch steht die Gewaltthematik ganz oben auf der Liste. Im klassischen islamischen Recht hatte der offensive Dschihad eine merkwürdig unbestimmte Rolle: Er war einerseits nur von einer „hinreichenden Anzahl“ von Kämpfern zu betreiben und somit keine Individualpflicht, und andererseits stellte er für diese „hinreichende Anzahl“ eine religiöse Pflicht dar.

Die historische Realität zeigt indessen, dass das alte Dschihad-Konzept nach Etablierung der muslimischen Herrschaftsgebiete friedlichen Beziehungen mit nichtmuslimischen Staaten nicht im Wege stand. Und auch die entsprechende Norm hat sich in den letzten hundertdreißig Jahren unübersehbar gewandelt. Der Mainstream-Islam der muslimischen Glaubens- und Rechtsgelehrten sagt heute praktisch unisono, dass der Dschihad nur im Fall von äußerer Aggression verpflichtend ist. Nicht minder wichtig ist aber die Frage, welchen Rückhalt diese Entwicklung beim einzelnen Gläubigen hat. Hierzu kann man entweder selbst Muslime befragen, oder man muss auf Umfrageergebnisse vertrauen. Dabei sollte man allerdings umsichtig vorgehen, denn neben methodisch soliden Statistiken kursieren auch nicht wenige dubiose. Bei der Interpretation sollte darüber hinaus bedacht werden, dass das jeweils Gefragte von den Befragten nicht immer so verstanden wird wie vorher von den Fragenden und anschließend von den Deutern in den Medien.

In der 2007 veröffentlichten Studie „Muslime in Deutschland“, noch vom damaligen deutschen Innenminister Otto Schily in Auftrag gegeben und pikanterweise von Kriminologen erarbeitet, wurde neben anderen Gruppen auch eine rund tausend Menschen umfassende Gruppe der „muslimischen Wohnbevölkerung“ interviewt, zu der keine Schüler und Studenten gehörten. Auch in dieser Studie spielen einige schwer zu interpretierende Aussagen eine Rolle, doch ebenso liefert sie Daten zu einigen unzweideutigen Aussagen. Zu der Behauptung „Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Verbreitung und Durchsetzung des Islams geht“ haben sich 94,5 Prozent der Befragten ablehnend oder eher ablehnend geäußert.

Dies ist ein Beleg dafür, dass der Mainstream der Religionsgelehrten, der den defensiven Charakter des Dschihad betont, auch beim einzelnen in Deutschland lebenden Gläubigen seine Entsprechung hat. Zustimmend oder eher zustimmend haben sich 5,5 Prozent geäußert – und das ist keine erfreuliche Zahl. Sie muss aber im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden, was die Autoren der genannten Studie mit deren Beurteilung vor dem Hintergrund rechtspopulistischer Einstellungen bei der deutschen Wohnbevölkerung auch tun. Deren Gewaltbereitschaft unterscheidet sich nicht wesentlich von den Werten aus der Umfrage bei der „muslimischen Wohnbevölkerung“, wie weitere seriöse Studien bestätigen.

Ein anderes wichtiges Ergebnis der Studie ist der Grad der Zurückweisung der Aussage „Muslime, die im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben, kommen ins Paradies“: Dazu haben sich 55 Prozent ablehnend geäußert, obwohl der Koran in diesem Punkt (anders als beim offensiven Dschihad) ganz eindeutig ist. Die Glaubensrealität der Muslime in den Regionen mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung unterscheidet sich nicht dramatisch von diesen Ergebnissen, auch wenn es von Land zu Land einige Unterschiede gibt.

Das Essenzialismusproblem

Umfragen sind bei allen Unwägbarkeiten deshalb besonders aufschlussreich, weil die Diskussion über „den“ Islam ohne die Berücksichtigung der Einstellungen moderner Muslime nicht sinnvoll zu führen ist. Es ist richtig gesagt worden, dass der Islamismus einschließlich seiner radikalen Ausprägungen mit der klassischen islamischen Tradition kompatibel ist. Aber versetzt uns diese Erkenntnis in die Lage, Urteile über ein von der Historie und den gegenwärtigen Einstellungen der Muslime abgelöstes „Wesen“ des Islams zu fällen?

Diese Frage führt zum sogenannten Essenzialismusproblem. Eine überzeitliche Essenz des Islams an der – ohne Zweifel aus heutiger Sicht inakzeptablen – normativen Tradition aus Koran, Prophetenworten, frühislamischer Geschichte und klassischem Recht erkennen zu wollen, ist ein Unterfangen, das an den Realitäten in Geschichte und Gegenwart vorbeigeht. Versuche, nur innerhalb des deutschen Protestantismus das „Wesen des Christentums“ festzumachen, sind jedenfalls gescheitert. Ein wichtiger Unterschied des Islams zum Christentum besteht in den detaillierten Regularien des Ersteren, die Recht, Kult und Alltagsorganisation betreffen. Aber diese Vorschriften wurden und werden teilweise schlicht ignoriert, teilweise unterschiedlich ausgelegt.

Auch innerhalb des Salafismus, einer in ihrer Fixierung auf die Prophetentradition noch halbwegs homogenen Gruppierung, werden erbitterte Fehden darüber geführt, wie man am besten dem Vorbild Mohammeds und seiner Gefährten in der heutigen Welt nachlebt. Am Salafismus insgesamt und auch an anderen Strömungen, an einzelnen Gemeinden und Predigern wird mit guten Gründen scharfe Kritik geübt – von westlicher Seite wie auch von muslimischer. Diese kritische Auseinandersetzung sollte man als „Islamauslegungskritik“ verstehen. Das wird schon daraus deutlich, dass die Salafisten – die Strömung, die gegenwärtig die größte Besorgnis erregt – etwa in Deutschland nur eine kleine fünfstellige Zahl von Personen ausmachen und damit ungefähr ein halbes Prozent der Muslime insgesamt.

Zu einem Teil mag sich der Hang zur Pauschalisierung bezüglich des Islams aus einer Überbewertung der medialen Berichterstattung in Kombination mit unzureichender Information über den real gelebten Islam speisen. Dem lässt sich inzwischen durch eine ausreichende Zahl von allgemeinverständlichen islamkundlichen Büchern abhelfen. Wer sich darüber hinaus informieren möchte, sollte einen Blick in die einschlägige politik- und sozialwissenschaftliche Literatur werfen. Dort spielen ideengeschichtliche Ansätze nur noch eine untergeordnete Rolle für die Erklärung von Radikalisierung und islamischem Traditionalismus; eine weit größere Wirkung wird dagegen ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren zugeschrieben. Diese Ansätze erscheinen mir etwas einseitig, da sie die Macht von Ideologien verkennen, aber sie sind ein bedenkenswertes Korrektiv zur „Schriftgläubigkeit“ westlicher Auseinandersetzung mit dem Thema Islam.

Es gibt indes auch „meinungsstarke“ Experten, die alle Argumente für eine differenzierte Sicht gar nicht zur Kenntnis nehmen mögen. Ihr negatives Urteil macht sich an der alten normativen Tradition und an einigen – in der Tat abzulehnenden – gegenwärtigen Islamauslegungen fest, und es wird sodann verallgemeinert; heraus kommt „Islamkritik“. Aber wer die Differenzierungen und Schattierungen des gegenwärtigen Islams ignoriert, ignoriert schlichtweg die Realität. Darüber hinaus trägt ein Generalverdacht gegenüber den Muslimen auch zu Solidarisierungseffekten bei, an denen die westlichen Gesellschaften kein Interesse haben können. Pauschale Zweifel sind wohlfeil – aber auf die Frage, welche praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind, erntet man meistens nicht mehr als verdutzte Gesichter.

Politisches Geschäftsmodell

Die nächste Eskalationsstufe der Verallgemeinerung wird oft als „Islamophobie“ bezeichnet. Die Absichten, die mit der Verwendung dieses Begriffs verfolgt werden, liegen irgendwo zwischen Spott und Diffamierung. Die als islamophob gebrandmarkten Einstellungen mögen teilweise auf wirkliche Sorge zurückgehen, aber in vielen Fällen hat man eher den Eindruck, dass es sich um ein recht gut funktionierendes publizistisches und politisches Geschäftsmodell handelt. Die zugrunde liegende Annahme eines unveränderlichen Wesenskerns von Religionen ist empirisch vielfach widerlegt. Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Islam erkennt man daran, dass sie ebendiese Tatsache berücksichtigt.