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Ist der Qualitätsjournalismus von neuen Medien bedroht?

Gastkommentar / von Veit Dengler / 22.02.2016

Was unten tief dem Erdensohne
das wechselnde Verhängnis bringt,
das schlägt an die metallne Krone,
die es erbaulich weiter klingt.

Friedrich Schillers „Das Lied von der Glocke“ gehört zum Kanon der deutschsprachigen Literatur und war viele Jahrzehnte Pflichtlektüre in der Schule. Mein Vater musste es noch auswendig lernen (das ganze Gedicht, behauptete er, woran ich angesichts der 425 Verse zweifle).

Warum konnte ein Gedicht über eine Glocke ein universales Bildungsgut werden? Ein Grund ist wohl, dass die Glocke das wahrscheinlich wichtigste Nachrichtenmedium der europäischen Geschichte ist. Für uns mag sie nur noch ein kulturelles Relikt sein; historisch hat sie Europa ein gutes Jahrtausend lang (nämlich vom 9. bis zum 19. Jahrhundert) geprägt, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass der Wiener Historiker Friedrich Heer als Synonym für „abendländische Kultur“ den Ausdruck „Glockeneuropa“ verwenden konnte.

Glocken wurden als religiöses Instrument in Europa eingeführt, zuerst, um die Mönche zu den Gebeten zu rufen, dann auch in der Weltkirche. Aber bald kamen andere, für die weltliche Gemeinschaft wichtige Funktionen hinzu: Zeitangaben, Ankündigungen von Geburt und Tod, Gemeindeversammlungen und Gerichtsverfahren, Warnungen bei Feuer, Unwetter und Krieg. Es gab Wetter- und Pestglocken, Uhren-, Mord- und Revolutionsglocken, Toten-, Tauf- und Stadtglocken etc. Die Gemeinschaft wurde zusammengehalten durch ein dichtes Netz von Nachrichten aus einem komplexen tönenden Zeichensystem, das sogar – wie eine gesprochene Sprache – erlaubte, Einheimische von Fremden zu unterscheiden: Die Fremden verstanden es nämlich nicht.

Revolutionsglocken

Und dann kam die Französische Revolution. Während der Revolution spielten Glocken eine bedeutende Rolle, zuletzt 1792: Als die Nationalversammlung sich nicht zur Absetzung des Königs entschließen konnte, begannen in der Nacht zum 10. August in ganz Paris die Sturmglocken zu läuten, als mächtiges Zeichen des Volkswillens. Am folgenden Tag wurden die Tuilerien gestürmt, kurz darauf kam es zur Konstituierung des Nationalkonvents.

In gewisser Weise war das jedoch der eigene Abgesang. Während der Revolutionskriege wurden, wie in Kriegen üblich, viele Glocken in Kanonenkugeln umgeschmolzen. Es kam jedoch auch zu einem politischen Kampf gegen Glocken als einem Symbol für das Ancien Régime. Die Glocken wurden systematisch von den Türmen geholt, die Kirchen dem Kult der Vernunft geweiht. Und noch etwas kam hinzu, was das Schicksal der Glocken eigentlich hätte besiegeln können, nämlich ein neues Medium mit durchschlagendem Erfolg: der optische Telegraph.

1792 wurden erste Versuche mit diesem Medium unternommen, 1794 die erste reguläre Telegraphenlinie eingerichtet, die einzelne Zeichen binnen zwei Minuten über eine Strecke von 270 km übertragen konnte. In kurzer Zeit wurde das ganze Land mit einem Telegraphennetz überzogen, von Paris bis ins besetzte Feindesland hinein.

Über dieses Netz erfuhr Napoleon etwa im Frühjahr 1809 binnen weniger Stunden von der österreichischen Blitzoffensive in Bayern. Er eilte aus Paris herbei und fügte den Heeren der Habsburger, die nicht wussten, wie ihnen geschah, eine vernichtende Niederlage zu. Wäre Napoleon auf eine berittene Botenstafette angewiesen gewesen, hätte ihn die Nachricht erst nach Tagen erreicht.

Glockenseligkeit

Was hat das mit den Glocken zu tun? Nun, der rasche Ausbau des Telegraphennetzes war nur deshalb möglich, weil dafür eine bereits bestehende mediale Infrastruktur genutzt wurde, nämlich jene der über das ganze Land verteilten und mittlerweile funktionslosen Kirchtürme.

Und das hätte das Ende des ein Jahrtausend alten Glockeneuropas sein können: Das neue Medium hatte eine um vieles größere Reichweite als das alte, konnte deutlich komplexere Nachrichten übertragen und bewies eine damals unüberbietbare Effizienz.

Aber es kam anders. Die Leute forderten ihre Glocken zurück. Nach den napoleonischen Kriegen schafften sich insbesondere die ländlichen Gemeinden wieder Glocken an, oft in einer Qualität und Vielfalt, die alles Bisherige übertraf. Es folgte das romantische Zeitalter der GlockenseligkeitDieses Zeitalter fand zwar dann, ab Ende des 19. Jhs., durch Sirenen, elektrische Klingeln und Gongs etc. nach und nach sein Ende, aber derartige Geräte sind nur bedingt als neues Medium anzusehen. Sie verhalten sich zur Glocke in etwa so, wie die Rotationsdruckmaschine zum Bleisatz. .

Es lässt sich in diesem Fall relativ einfach erklären, warum das so war: Die Leistungsfähigkeit des neuen Mediums überbot zwar das alte bei manchen seiner Funktionen auf beeindruckende Weise. Andere Funktionen, vor allem die strikt lokalen, konnte es hingegen nicht oder nur unzureichend abdecken.

Allgemein ausgedrückt: Ein neues Medium verschiebt immer auch den Leistungsbereich des bisher verwendeten Mediums, und daher kommt es historisch nicht zu einer einfachen Ersetzung.

Von Print ins Digitale

Der Übergang von Print ins Digitale ist nicht der erste mediale Umbruch in der Geschichte; die missglückte mediale Verdrängung der Glocke ein besonders schönes Beispiel. Vor über hundert Jahren formuliert der Altphilologe und damalige Chefredakteur der Nürnberger Zeitung Wolfgang Riepl ein nach ihm benanntes Gesetz, das besagt, dass eingeführte Nachrichtenmedien durch neu erfundene nicht verdrängt werden, sondern eine Neudefinition ihres Aufgabenbereichs durchlaufen. So wie die Glocke.

Das Rieplsche Gesetz ist nicht unumstritten. Nachfolger des optischen Telegraphen sind allenfalls noch bei der Marine in Gebrauch, und berittene Boten findet man, zumindest in Europa, nur noch in Kino und Theater, oder wenn man auch Drahtesel und anderes Gefährt als Fortbewegungsmittel zulässt. Die medialen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts verleihen ihm jedoch eine gewisse Plausibilität.

Als sich das Radio als Nachrichtenmedium durchsetzte, verdrängte es nicht die Zeitungen; diese verlegten sich auf komplexere Berichterstattung, Analysen und lokale Ereignisse – und konnten sich sogar noch beträchtlich weiter ausbreiten.

Ebenso wenig wurde das Radio durch das Fernsehen verdrängt. Das Radio verließ eigentlich nur die gute Stube, die es den TV-Geräten überlassen musste, und fand seinen Platz überall sonst – in Autos, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften, bei der Arbeit. Das Radio entwickelte sich zum Hintergrundmedium, das Aktualität und Unterhaltung ortsunabhängig bieten kann, und bewahrte sich genau dadurch seine Existenz – denn Fernsehkonsum lässt sich außerhalb der guten Stube kaum bewerkstelligen (was sich zur Zeit jedoch rasch ändert).

Qualität und Journalismus

Nun, was würde das Rieplsche Gesetz für die Frage bedeuten, ob die neuen Medien den Qualitätsjournalismus bedrohen? Die Frage lässt sich so nicht beantworten. Es wäre ziemlich naiv zu meinen, es gäbe einen unverrückbaren Kanon an Eigenschaften, die den Qualitätsjournalismus ausmachen und der sich auf die neuen Medien übertragen ließe.

Was wäre der Unterschied zwischen Qualitätsjournalismus und seinem Gegenteil, nennen wir es Quantitätsjournalismus?

  • Der Stil und die Prägnanz des Inhalts?
  • Der Realismus der Darstellung oder die Treffsicherheit der Bewertung von Ereignissen (die man allerdings immer erst im Nachhinein beurteilen kann)?
  • Die Verständlichkeit?
  • Die Publikationsgeschwindigkeit?
  • Der Grad der Veränderung gegenüber der Agenturmeldung?
  • Die Dichte der Vernetzung von Artikeln, der Preis, der Nutzen für den Leser?
  • Oder etwas anderes?

Es verhält sich mit dem Qualitätsjournalismus ungefähr so wie mit dem Wetter: Solange wir nicht angeben, wann, wo, für wen und zu welchem Zweck ein bestimmtes Wetter gut ist, werden wir bei der Definition nicht weit kommen. Und je stärker wir die Bestimmung einschränken, desto weiter entfernen wir uns von der Möglichkeit einer Definition. Natürlich darf der Ausdruck „Qualitätsjournalismus“ auch weiterhin verwendet werden (vor allem in Zusammenhang mit der NZZ). Wir sollten uns jedoch vor Augen halten, dass er nur ein Kürzel für einen ziemlich komplexen Sachverhalt ist.

In der Praxis geht es nicht um die Frage, Qualitätsjournalismus oder irgendetwas anderes zu produzieren, sondern darum, im Rahmen der bestehenden zeitlichen, wirtschaftlichen und personellen Einschränkungen sowie der Informationslage Inhalte zu erstellen, die den Ansprüchen der jeweiligen Leserschaft möglichst gut entsprechen. Das gilt auch für den sogenannten Boulevard.

Stellen wir also die Frage ohne Einschränkung: Bedrohen die neuen Medien den Journalismus?

Die Antwort lautet: Nein.

Nicht nur die Fülle an neuen Nachrichtenportalen spricht dagegen, auch die Entstehung und der Erfolg neuer journalistischer Formen wie des Blogs, die Tatsache, dass mittlerweile Social-Media-Portale wie LinkedIn und Xing eigene Nachrichten produzieren und vieles mehr. Insgesamt nimmt die journalistische Produktion in den neuen Medien rasant zu.

Journalisten müssen anderes beherrschen

All das ist offensichtlich in der Diskussion um den Qualitätsjournalismus nicht gemeint. Gemeint ist – mehr oder weniger implizit – ob Print-Zeitungen bedroht sind. In der Welt der Printmedien stellt sich diese Entwicklung tatsächlich ganz anders dar: Die Auflagen und Werbeetats gehen seit zwei Jahrzehnten mehr oder minder konstant zurück (auch bei der NZZ), überall werden die Redaktionen verkleinert (da bildet die NZZ eine Ausnahme), Titel verschwinden vom Markt.

Immer mehr Medienhäuser versuchen, sich durch Ausweichen auf andere Branchen abzusichern. Die einen verkaufen Autos. Die anderen vertreiben Uhren, manche sogar Pferde. Die Kreativität der Manager ist nicht zu übersehen. Nur haben diese Lösungen nichts mit Publizistik zu tun.

Wer mit Inhalten Geld verdienen will, muss verstehen, wie sich die Spielregeln verändern. Die Berichterstattung ändert sich in zwei wesentlichen Hinsichten: Der größte Teil der aktuellen Informationen ist für alle zugänglich, und die Leser sind ständig in deren Deutung eingebunden.

Journalisten sind nicht mehr Personen, die für andere unzugängliche Informationskanäle anzapfen und für die Allgemeinheit zu Nachrichten aufbereiten. Sie verfügen im Wesentlichen über dieselben Informationen wie alle, die sich dafür interessieren. Sie können nicht mehr wie bisher einfach „dozieren“, sondern müssen sich ständig auf die Informationsbeurteilung ihrer Leserschaft einstellen – einer Leserschaft, der in unterschiedlichem Maße auch Spezialisten angehören, die ihr jeweiliges Gebiet profunder verstehen als der Berichterstatter, auf die es also klug ist zu hören. Das schafft eine in kommunikativer Hinsicht völlig neue Situation, die den Journalisten andere Qualitäten abverlangt als bisher. Die guten Journalisten der Zukunft müssen anderes beherrschen als der Redakteur im Jahr 1990.

Unterschiede

Die fast noch spannendere Frage, die sich aus dem Rieplschen Gesetz ergibt: Gibt es einen Bereich der traditionellen Printmedien, den die neuen Medien nicht abdecken können? Diese Frage wurde, soweit ich sehe, bisher noch nicht systematisch beantwortet – dazu ist die Faszination der neuen Medien einfach noch zu groß.

Bereiche, in denen Print sicher nicht gegenüber den neuen Medien bestehen kann, sind Geschwindigkeit, Aktualität und Reichweite. In diesen Punkten hat die derzeitige Situation eine gewisse Ähnlichkeit mit der Ausdifferenzierung Radio/Print. Printmedien sind langsamer und aufgrund des nötigen Transports in ihrer Reichweite viel begrenzter.

Anders liegen die Dinge etwa, wenn man sich den Öffentlichkeitscharakter der beiden Medientypen ansieht: Der Leser eines Printmediums kann sich auf eine Parkbank oder in ein Kaffeehaus setzen, wo ihm jederzeit jemand über die Schulter sehen kann, oder er kann die Zeitung im stillen Kämmerlein lesen. Ein Internetbenutzer hingegen ist immer in der Situation eines Kaffeehausbesuchers, d.h. in einer Öffentlichkeit, an der andere teilnehmen und wo grundsätzlich jeder seiner Schritte überwachbar ist. Ich weiß nicht, ob dieser Unterschied relevant ist, aber er besteht.

Deutlicher ist der Unterschied des Leseverhaltens: Wenn Sie eine Print-Ausgabe der NZZ aufschlagen, haben Sie ca. 28.000 Zeichen im Blick, auf einem üblichen Laptop- oder PC-Bildschirm sind es maximal etwa 4.000 Zeichen, auf dem Bildschirm eines Smartphones weniger als 800, also ungefähr ein Dreißigstel davon. Das Scrollen am Bildschirm gleicht das auch nicht aus, denn es entspricht als Aktion dem Umblättern – und da haben Sie schon die nächsten 28.000 Zeichen im Blick, oder eben nur 800. Dass dieser Unterschied sich auf den Leseprozess auswirkt, ist offensichtlich.

Die neuen Medien kompensieren diese Differenz durch die Hypertextualisierung: Zu jeder Meldung gehören normalerweise weiterführende Links, und Sie haben immer mindestens ein Menü am Bildschirm, über das Sie die Artikel bzw. Sparten wechseln können (was aber wiederum die Zeichenanzahl des gelesenen Texts reduziert). Das Leseverhalten eines Bildschirmnutzers entspricht ungefähr dem eines TV-Zusehers, der mit der Fernbedienung in der Hand ständig von einem Kanal zu einem anderen zappt. Auf diese Weise erhalten Sie einen ziemlich guten Überblick über das, was gerade gesendet wird, aber Sie bekommen keine dieser Sendungen wirklich mit.

Diese beiden Unterschiede – nämlich bei Öffentlichkeit und Leseverhalten – würden dafür sprechen, dass Texte, die größere Konzentration erfordern, über Printmedien besser vermittelt werden können, als über einen Bildschirm.

Von Geschwindigkeit zu Fachkompetenz

Ich kenne versierte Computernutzer, die am Bildschirm, sobald die Texte komplizierter werden, die Wörter mit dem Zeigefinder nachfahren, wie Schulanfänger. Das wirkt etwas komisch, ist aber genau genommen nur ein Zeichen dafür, dass die Komplexitätsgrenze für Bildschirme relativ niedrig liegt. Gut möglich, dass sich das für Generationen ändert, die nur noch mit Bildschirmen aufwachsen. Heute ist der Unterschied real.

Auf jeden Fall verschieben sich dagegen die für gute Journalisten erforderlichen Qualitäten, nämlich weg von Geschwindigkeit und Universalität hin zu stärkerer Schwerpunktbildung und vertiefter Fachkompetenz.

Und es würde dafür sprechen, dass Wochenzeitungen, die weniger auf die Tagesaktualität, sondern auf umfangreichere Berichte und Analysen ausgerichtet sind, wesentlich häufiger gedruckt erscheinen werden als Tageszeitungen.Dazu würde passen, dass die Auflagen von Tageszeitungen seit 1990 konstant schrumpfen und zur Zeit bei etwas mehr als der Hälfte des Jahres 1990 liegen, während die Auflagen von Wochenzeitungen kaum kleiner geworden sind (heute 95 Prozent der Auflagen von 1990).

Auf jeden Fall würden sich die Qualitätskriterien für schnellen und langsamen Journalismus auseinanderentwickeln. Bei der NZZ nennen wir das die drei Geschwindigkeiten: die schnelle Aktualität, die Analyse und der Hintergrund. Die schnelle Aktualität ist Massenware und ökonomisch wertlos. Die Analyse und der Hintergrund sind das, wofür Kunden auch in Zukunft zahlen werden – je nach Kundengruppe, Kaufkraft und Thema unterschiedlich, aber eben doch. Das war schon beim Print so, nur war da das Geschäftsmodell noch viel einfacher. Online ist es schwieriger, weil es kaum Quersubventionen durch Klein- oder sonstige Anzeigen gibt.

Die Antwort lautet daher: Die neuen Medien bedrohen den Qualitätsjournalismus nicht. Sie fordern lediglich eine viel höhere Qualität ein. Das ist unsere Herausforderung.