Karin Hofer / NZZ

Replik auf Cora Stephan

Ist der Streit nicht laut genug?

von Patrick Bahners / 24.08.2016

Eine Replik auf Cora Stephans Kritik an der Zahmheit gegenwärtig in Deutschland geführter Debatten. Ein Gastbeitrag von Patrick BahnersPatrick Bahners ist Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in München. .

Ein Jahr sogenannte Flüchtlingskrise. Ein Jahr Dauerdebatte in Deutschland. Was ist zum Thema noch nicht gesagt worden? Man nehme nur den Satz „Wir schaffen das“. Für meine Begriffe eine Formel aus dem normalen Sprachgebrauch der Regierungschefs, das Triviale streifend, eine Versicherung, die appellativ gemeint ist und das Selbstvertrauen beschwört, das für Demokraten Ehrensache ist. Jedes Wort des Satzes ist unter der diskursanalytischen Lupe hin und her gewendet worden, Subjekt, Prädikat und Objekt. Wie konnte Frau Merkel es wagen, die erste Person Plural zu verwenden? Auf moralisches Kidnapping lautete der in seriösen Blättern erhobene Vorwurf.

Cora Stephan meint, der Streit sei noch nicht heftig genug. Dem will ich nicht widersprechen. In Gemeinschaftsdingen ist es immer besser zu streiten, als nicht zu streiten, wenn man nicht gerade dabei ist, ein brennendes Haus zu evakuieren. Seltsam finde ich Cora Stephans Meinung trotzdem. Sie bestimmt den Debatten-Geräuschpegel als Friedhofsruhe, ich nehme Ausschläge wahr, wie ich sie aus der Zeit der Friedensbewegung in Erinnerung habe. Wie erklärt man solche Messunterschiede?

Vielleicht kann die Hamburger Media School auch einmal zählen lassen, wie viele Beiträge zur Debatte Beiträge über die Debatte waren. Diese Meta-Beiträge führten Klage darüber, dass regierungskritische Standpunkte totgeschwiegen würden: Standpunkte, die in Zeitungen verschiedenster Couleur von angesehenen Gelehrten vorgetragen und von grüblerischen Feuilletonisten verteidigt wurden und über Monate die Fernseh-Talkshows mit suggestiven Titelfragen zum immergleichen Tagesthema versorgten.

Diese Debattenkritik, zu der Cora Stephan schon mehrere Beiträge geliefert hat, läuft auf den Vorwurf der Zensur hinaus und verharmlost die Zensur, die es in Ländern wie Russland und der Türkei wirklich gibt. Die Beschreibung der angeblich de facto tyrannischen Meinung bleibt typischerweise diffus und bleibt Fundstellen schuldig. „Dass insbesondere Menschen aus dem arabischen Raum zu fanatischem Judenhass neigen, wird als ‹kulturelle Eigenart› abgehakt.“ Von wem? Was bezeichnen die Anführungszeichen hier? Ein wörtliches Zitat oder die Umschreibung eines gängigen Redemusters? Egal: Das Gerücht, derlei sei charakteristisch für den Hauptstrom der öffentlichen Meinung, passt zu der Parole, die Diskussion über den Islam kranke am liberalen Wertrelativismus. Aber wer der Warnung vor dem Import des arabischen Judenhasses ernsthaft den von Cora Stephan angeführten Euphemismus entgegensetzen würde, hätte wirklich den Ausschluss aus dem Gespräch zu befürchten, den Cora Stephan bei den Propagandisten der militärischen Grenzschliessung und moralischen Grenzüberschreitung schon darin sehen möchte, dass sie „in die rechte Ecke gestellt“ werden.

Wie Cora Stephan konzediert, gibt es diese Ecke. In ihr befindet sich die AfD. Zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte gibt es eine Rechtspartei bürgerlichen Zuschnitts. Es ist normal, im politischen Streit der Gegenseite vorzuwerfen, dass ihre Position zu unerträglichen Konsequenzen führe. Dazu gehört auch, dass man dem Gegner vorhält, in wessen Gesellschaft er sich begibt. Das Argument, jemand verlasse den Diskurs, ist Teil des Diskurses, nicht Waffe einer Diskurspolizei. Ralf Dahrendorf vermisste bei den Bürgern der Bundesrepublik den Sinn für das polemische Wesen der demokratischen Auseinandersetzung. Unfreiwillig bestätigt Cora Stephan die Aktualität dieser Diagnose. Sie beklagt sich in Wahrheit darüber, dass der Streit zu laut ist.