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Ist Thomas Glavinic der Andreas Gabalier der Literatur?

Meinung / von Wolfgang Rössler / 12.07.2016

Das Verhalten des Autors gegenüber Kritikern und anderen Künstlern ist indiskutabel. Das sagt über die Qualität seiner Bücher aber nichts aus. 

In seinem Langessay „Verratene Vermächtnisse“ hat sich der tschechische Schriftsteller Milan Kundera mit der Verbindung der Person eines Künstlers zu seinem Werk beschäftigt. Kundera plädiert dafür, das eine vom anderen zu lösen. Man sollte einen Roman so lesen, als ob man nicht wüsste, von wem er stammt.

Die These hat viel für sich, und Kunderas Biografie belegt sie. Viele Protagonisten seiner früheren Bücher waren Oppositionelle in der kommunistischen Tschechoslowakei. Sie haben Entbehrungen und Bestrafungen auf sich genommen, um sich selbst und ihren Überzeugungen treu zu bleiben. In einem System, das Menschen klein und niederträchtig machen will, entscheiden sie sich für den aufrechten Gang. Man kann Kunderas Romane als moralischen Kompass im Umgang mit Totalitarismus lesen. Auch der Romancier selbst hat in der ČSSR zeitweilig für seine Prinzipien gekämpft. Dennoch liegt über ihm ein Schatten: Als junger Student hat er einen Kommilitonen aus opportunistischen Gründen bei der Geheimpolizei denunziert. Der junge Mann verbrachte viele Jahre in einem Straflager, weil ihm vorgeworfen wurde, ein schlechter Kommunist zu sein.

Das ändert nichts an der Qualität von Kunderas Büchern. Man muss sie so lesen, als ob sie ein Unbekannter verfasst hätte.

Thomas Glavinic ist kein Milan Kundera. Aber er hat gute Bücher geschrieben, die zu Recht im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen und in andere Sprachen übersetzt werden. Manche, die seine Romane in ihrer Bibliothek stehen haben, genieren sich inzwischen ein bisschen dafür. Denn als öffentliche Person wird Glavinic langsam zu jemandem, mit dem halbwegs zivilisierte Menschen nichts zu tun haben möchten. Auf Facebook inszeniert er sich als Proll, der Kritikern wie dem Falter-Feuilletonisten Klaus Nüchtern sexuelle Frustration unterstellt. Als Hauptgegnerin hat er sich derzeit die junge Autorin Stefanie Sargnagel ausgesucht, die durch deixhaft verdichtete Facebook-Einträge bekannt wurde und unlängst den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Bewerb in Klagenfurt gewonnen hat.

Glavinic nannte sie erst auf Facebook eine „talentfreie Krawallnudel“. Als sie sich dagegen verwahrte, legte er nach: „Wieso kann ein sprechender Rollmops meine Seiten verschweinen?“

Es geht hier nicht um Stefanie Sargnagel, die sich – wie im Übrigen Glavinic auch – als trinkfreudige Bewohnerin der randständigeren Gebiete des Lebens präsentiert und die über Dinge schreibt, von denen manch zartbesaiteter Bürgerlicher lieber nichts erfährt. Es geht auch nicht um die Qualität ihrer Texte. Es geht darum, dass Glavinic eine Grenze überschritten hat, die Leute mit Anstand nicht überschreiten. Man verhöhnt andere Menschen nicht aufgrund von Äußerlichkeiten.

Moralisch begibt sich Glavinic damit auf eine Stufe mit professionellen Verächtlichmachern vom Schlage eines Jörg Haider, der politische Kritik am Wiener Bürgermeister Michael Häupl gerne mit Spott über dessen Körperumfang verbunden hat. Oder unter den noch Lebenden von FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl, aus dessen Feder einige der miesesten Haider-Sager stammen. Der Applaus der FPÖ – die sich auf Sargnagel eingeschossen hat – ist Glavinic gewiss. Er wird zunehmend zum Andreas Gabalier der Literatur: einer jener wenigen Künstler, deren Sprache die Rechtspopulisten verstehen.

Der Vergleich hinkt zugegebenermaßen. Denn Glavinic hat im Vergleich zum steirischen Schlagersänger außergewöhnliches Talent und Originalität. Man soll seine Bücher lesen. Wer einen Hang zur Küchenpsychologie hat, könnte versucht sein, darin nach Hinweisen auf die charakterliche Verfasstheit des Autors zu suchen (der Versuch wird scheitern, denn Glavinic ist ein guter Autor, der seine Leser genau damit verwirrt). Alle anderen sind gut beraten, beim Lesen der Romane zu vergessen, von wem sie stammen. Die Kunst ist größer als der Künstler.

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