TIBOR BOGNÁR / PRISMA

Homosexuellen-Ehe

Italiener streiten um die wahre Familie

von Patricia Arnold / 07.02.2016

Italiens Regierung will die Homo-Ehe anerkennen. Dagegen regt sich heftiger Protest. Dabei ist die Familie längst keine heile Welt mehr.

Hunderttausende demonstrieren in Italien für die Unantastbarkeit der traditionellen Familie: Vater, Mutter, Kinder. So als wäre sie der letzte Hort einer heilen Welt. In Wahrheit ist Gewalt in der Familie weit verbreitet. Im jährlichen Durchschnitt wird 184-mal im Familienkreis gemordet, und die Gewalt gegen Kinder ist innerhalb von zehn Jahren um 56 Prozent gestiegen. In der öffentlichen Diskussion spielen diese Probleme keine Rolle. Seit Jahrzehnten würden sie unter den Teppich gekehrt, klagen die Vertreter von privaten Hilfseinrichtungen.

Mitunter bizarr wirkt deshalb die erbitterte Debatte über Homo-Familien. In den meisten europäischen Ländern machen diese längst kein Aufheben mehr. Im katholischen Italien aber wenden sich überall im Land Bürger gegen einen Gesetzentwurf der sozialdemokratischen Regierung von Matteo Renzi, der gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit allen Rechten und Pflichten anerkennen soll.

Die Kritiker wollen vor allem verhindern, dass schwule und lesbische Paare Kinder aus vorangegangenen Beziehungen adoptieren können. Sie befürchten nämlich, dass dann auch Leihmütter im Ausland Homosexuelle zu Vätern machen. In Italien ist Leihmutterschaft verboten. Vor einem „besorgniserregenden Kulturwandel“ warnen die Bischöfe. Für viele Katholiken ist schon der Gedanke unerträglich, dass Söhne und Töchter mit der Vorstellung von unterschiedlichen Familienmodellen aufwachsen könnten. Kinder hätten ein Recht auf Vater und Mutter, sagt der Arzt Massimo Gandolfini vom Komitee „Difendiamo i nostri figli“, das auch von christlichdemokratischen Kabinettsmitgliedern wie dem Innenminister Angelino Alfano unterstützt wird.

Umstritten ist das Gesetz sogar im sozialdemokratischen Partito Democratico von Ministerpräsident Renzi. Vor Beginn der Parlamentsdebatte in dieser Woche forderten ihn 30 Senatoren seiner Partei auf, den Entwurf fallenzulassen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Vorstoß für die Gleichstellung homosexueller Paare am öffentlichen Protest scheitert. Noch 2007 sprach sich Renzi selbst, der damals Provinzpolitiker war, gegen eine ähnliche Regierungsinitiative aus. Nicht ohne Häme erinnern ihn jetzt Gegner an seine damalige Haltung. Bei Amtsantritt vor zwei Jahren hatte Renzi allerdings versprochen, das heiße Eisen anzupacken. Zudem rügte der Europäische Gerichtshof Italien letzten Sommer, weil das Land noch keinen Rechtsrahmen für die Homo-Ehe geschaffen hat.

Die Debatte ist voller Widersprüche. Die Gegner schwören eine Familienidylle herauf, die es in Italien schon längst nicht mehr gibt. Als eine „wahre Schlangengrube“ bezeichnet die Bestsellerautorin Dacia Maraini das traditionelle Zusammenleben zwischen Mann, Frau und Kindern. In ihren Romanen prangert sie seit Jahrzehnten Gewalt in der Familie an. Opfer dieser Brutalität sind meist Frauen und Kinder. Der Aufruf von Hilfsorganisationen, über Gewalt in Familien endlich öffentlich zu diskutieren, verhallt bei den Politikern.

Nach einer offiziellen Erhebung wird jede dritte Frau in Italien einmal in ihrem Leben misshandelt. Der Täter ist in mehr als 60 Prozent der Fälle der Lebenspartner. Die Ursachen seien vielfältig, sagen Soziologen und Psychologen. Sie sprechen ganz einfach von Strukturproblemen innerhalb der italienischen Gesellschaft, die sich mit Gleichberechtigung trotz vielen Gesetzen nach wie vor schwertue und in der es verpönt sei, familiäre Probleme nach außen zu tragen.

Die Gegner neuer Familienmodelle übersehen jedoch, dass die junge Generation schon längst anders tickt: Sie heiratet immer seltener. Die Zahl der Eheschließungen ist seit 2008 um 22 Prozent zurückgegangen, und die Geburtenrate ist mit 1,39 Kindern pro Frau eine der niedrigsten in Europa. Fragt man junge Italiener, was sie von der hitzigen Debatte um die Homo-Ehe halten, kontern viele: „Hat das Land keine anderen Probleme?“