Morgengrauen

Jetzt fehlt schon wieder was!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.05.2016

Männer leiden unter kalten Morgenfüßen. Oder sind es die Frauen? Egal. Ich laufe mit nackten Füßen in der Wohnung herum, nachdem ich beim Aufstehen meine Morgensocken nicht finden konnte. Und jetzt suche ich nach den Filtertüten für den Morgenkaffee. Die sollte man morgens auch immer dabei haben, denke ich unwirsch, und während ich so hin und her denke (die Filtertüten sind mittlerweile aufgetaucht), kommt aus dem Radio eine morgenmuntere Stimme, um vom Regen Kunde zu geben, der uns heute nass machen wird.

Man sollte also, falls man eine Wanderung vorhat (habe ich nicht), wetterfeste Kleidung dabeihaben. Inzwischen sind meine Morgensocken aufgetaucht, und zwar in der Sockenlade des Kleiderkastens, genau dort, wo sie liegen sollten. Ich weiß nicht, wie sie dorthin gekommen sind. Egal. Eine andere morgenmuntere Stimme aus dem Radio berichtet gerade darüber, dass noch immer – oder schon wieder? – zehntausende Flüchtlinge im Freien schlafen mussten. Ich hingegen habe alles und doch fehlt mir immer irgendetwas, was da sein sollte, sofort, unbedingt …

Europa mag unter der „Flüchtlingsfrage“ zerbrechen (und wenn Europa darunter zerbricht, dann ist es nicht schade um diesen schandfleckigen Nationenfleckerlteppich der scheinheilig händeringenden Welt); das Abendland, mein Abendland, wird bestehen, solange am Morgen schon wieder etwas fehlt. Denn die Hoffnung auf das Fehlende, das sich finden, einfinden wird – dies ist der Morgen des Abendlandes nach seinem Untergang.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).