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Jetzt wird’s politisch

von Andreas Mink / 24.05.2016

Facebook ist zu einer Macht im Nachrichtengeschäft geworden. Doch in den USA kommen politisch konservative Inhalte auf den Facebook-Seiten angeblich zu kurz. Ist das Absicht?

Es war an einer Hightech-Konferenz im April, als Mark Zuckerberg wieder einmal auf die Politik zu sprechen kam. Er höre Politiker, die Ängste schüren und „Mauern bauen“ wollten, erzählte der Facebook-Gründer dem Publikum. Er nannte zwar keine Namen, aber es war klar, dass er damit Donald Trump meinte. Wie der Technologie-Blog Gizmodo meldet, kamen nach der Ansprache Angestellte zu ihrem Chef und fragten, ob Facebook nicht in den amerikanischen Wahlkampf eingreifen und Trump als Präsidenten verhindern könnte. Laut einer Meldung von Gizmodo vor zwei Wochen arbeitete der Konzern aber bereits in diese Richtung.

Denn angeblich blockiert die Dienstleistung „Trending Topics“ gezielt Inhalte zu konservativen Themen und Persönlichkeiten. „Trending Topics“ listet in einem Fenster auf der Facebook-Seite die wichtigsten Nachrichtenthemen auf, die im Moment im Netzwerk diskutiert werden. Der Dienst ist derzeit in den USA aufgeschaltet, nicht aber in Europa. Doch das Publikum ist riesig. In Nordamerika sehen über 220 Millionen Facebook-Nutzer, was derzeit wichtig sein soll.

Aber wie entschieden wird, was wichtig ist, das ist nicht ganz so klar. Themen schaffen es zwar nur auf „Trending Topics“, wenn sie von überparteilichen oder liberalen Medien wie der New York Times aufgegriffen werden. Allerdings blasen Facebook-Mitarbeiter Beiträge mit linksliberaler Tendenz angeblich zu „Trends“ auf. Der Tech-Blog Gizmodo beruft sich auf anonyme Mitglieder des verantwortlichen Teams. Konservative Politiker protestierten umgehend gegen die angebliche Bevormundung der Öffentlichkeit durch linksliberale Zensoren. Facebook reagierte rasch. Der Leiter von „Trending Topics“ erklärte, er nehme die anonymen Vorwürfe extrem ernst. Sie seien aber haltlos. Dann zog Zuckerberg letzte Woche mit einem Facebook-Eintrag nach: „Wir bauen eine Plattform für alle Ideen. Die Welt wird ein besserer Ort, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund ihre Gedanken und Erfahrungen mit anderen teilen können.“ Zudem kündigte er eine gründliche Untersuchung an. Eine erste Überprüfung habe keine Belege für die Zensur-Vorwürfe ergeben.

Beenden konnte Zuckerberg die Aufregung damit allerdings nicht. Die Vorwürfe sind Gift für die Strategie des Konzerns. Facebook präsentiert sich als unabhängiges Forum für weltweit 1,6 Milliarden Mitglieder. Im laufenden US-Wahlkampf hat der Konzern mitgeholfen, Debatten der Kandidaten auszurichten. Und Zuckerberg will seinen Konzern nicht nur zum globalen Marktführer für Social Media, sondern auch zum führenden Anbieter von Unterhaltung und Information im Internet machen. Kein anderes Unternehmen wäre dann attraktiver für Werbekunden.

Debatten über Pizza

Bereits heute löst Facebook bei Medien in den USA und Europa Panik aus. Indem das soziale Netzwerk mit großem Aufwand produzierte Informationen gratis an Nutzer vermittelt, gräbt es der Presse das Wasser ab. Gegenwärtig erreicht Facebook mit journalistischen Inhalten wöchentlich rund 600 Millionen Menschen. Die jüngste Affäre zeigt jedoch, dass das Nachrichtengeschäft nach eigenen Regeln funktioniert: Wo Menschen am Werk sind, lassen sich Meinungen nicht ausschließen. Deshalb hängt die Glaubwürdigkeit einer seriösen Presse von deren Bereitschaft ab, die eigene Position klar zu definieren.

„Trending Topics“ startete im Januar 2014. Acht Monate später verpasste der Dienst die Proteste über die Erschießung eines schwarzen Teenagers durch einen weißen Polizisten in Ferguson, Missouri. Das offenbarte ein Kernproblem von „Trending Topics“. Der Dienst nimmt nur Themen auf, die bereits innerhalb des Netzwerkes diskutiert werden. Laut einer Studie des Pew-Institutes vermeidet eine starke Mehrheit der Facebook-Nutzer aber die Diskussion kontroverser politischer Fragen. Um wichtige Ereignisse zukünftig nicht mehr zu verpassen, erließ Facebook anschließend neue Regeln für das Team. Die internen Richtlinien werden ständig überarbeitet und umfassen derzeit 28 Seiten. Facebook hat sie nun veröffentlicht.

Demnach identifiziert ein Algorithmus potenziell wichtige und populäre Themen innerhalb des Netzwerkes. Daraus sollen Redakteure aus Fleisch und Blut Doppelungen und Banales wie beispielsweise Debatten über Pizza herausfiltern. Anschließend überprüft das Team anhand einer Datenbank von 1.000 „relevanten Medien“ jeder politischen Richtung den Wahrheitsgehalt der Beiträge. Als letzter Schritt erfolgt die Einstufung eines Ereignisses durch den Abgleich mit zehn führenden Medien. Mit „FoxNews“ und dem Wall Street Journal vertreten jedoch nur zwei der zehn eine eindeutig konservative Haltung. Laut der britischen Tageszeitung The Guardian ist das Trending-Team lediglich zwölf Mitglieder stark. Bei diesen soll es sich meist um junge Journalisten von traditionell linksliberalen Elite-Universitäten an der Ostküste handeln. Wie Gizmodo vermeldet, sind diese „Kuratoren“ gehalten, für wichtig erachtete Ereignisse wie den syrischen Bürgerkrieg auch dann zu Trends zu erheben, wenn das Interesse der Nutzer längst abgeflaut ist. Ein solches Thema war angeblich nach den Schüssen von Ferguson auch die schwarze „Black Lives Matter“-Bewegung, die ebenfalls von Facebook-Kuratoren künstlich zu einem Trend-Thema gemacht worden sein soll.

Auf der Obama-Linie

Auch die Konzernspitze von Facebook hat sich politisch klar positioniert. Gründer und Verwaltungsratspräsident Mark Zuckerberg steht hinter einer Lobby-Gruppe der Hightech-Branche, die hochbegabten Ausländern den Zugang zu amerikanischen Arbeitsplätzen erleichtern und den 11 Millionen papierlosen Migranten in den USA einen Weg zur Staatsbürgerschaft eröffnen will. Damit liegt er klar auf der Linie der Obama-Regierung. Zuckerbergs Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ist seit Jahrzehnten sehr mit den Demokraten vernetzt und hat in ihrem Haus schon Spendenveranstaltungen mit Barack Obama abgehalten. Die Prominenz aus der Tech-Branche zahlte dabei 35.000 Dollar pro Kopf. Donald Trump unterstellt Zuckerberg die Absicht, tüchtige Amerikaner um gutbezahlte Arbeitsplätze zu bringen.

Allerdings benutzen auch Konservative Facebook für ihre Agenda. Kein republikanischer Politiker kommt ohne Facebook-Seite aus, und rechte Medienstars wie Glenn Beck sehen das Netzwerk als unerlässliches Instrument, um ein breites Publikum zu erreichen. Womöglich wurde das eilig einberufene Treffen von 16 prominenten Konservativen mit Zuckerberg diesen Mittwoch deshalb zu einer Schmusestunde. Anschließend vertraute Beck dem Nachrichtenmagazin Time an, Zuckerberg sei über die Vorwürfe betroffen gewesen und habe betont, wie wichtig konservative Nutzer für sein Unternehmen seien. Beck hat das offenbar geglaubt. Die Facebook-Betreiber, sagte er, seien Kapitalisten, denen es vor allem auf Profit ankomme.