flickr/Esther Vargas

Ranking-Stress

Journalisten im digitalen Hamsterrad

von Rainer Stadler / 06.02.2016

Bis zur Jahrtausendwende lebte der Zeitungsjournalist gleichsam in einer geschützten Werkstatt. Er konnte schreiben und redigieren, ohne von kommerziellen Fragen belästigt zu werden. Daten zum Markterfolg seiner Arbeit gab es fast keine.

Ein- oder zweimal pro Jahr erschienen Listen mit den Auflage- und Leserzahlen. Ab und zu testete ein Verlag ein paar Zeitungsausgaben bei einer ausgewählten Publikumsgruppe; allerdings nur selten, denn eine solche Forschung kostet viel Geld. Die Verkäufe auf dem Werbemarkt wiederum vermittelten allenfalls einen Eindruck davon, in welchem redaktionellen Umfeld die Wirtschaft ihre Botschaften am liebsten placierte.

Für die alltägliche journalistische Arbeit hatten diese Zahlen kaum eine Bedeutung. Die Redaktion folgte ihren Berufsregeln und berücksichtigte manchmal intuitiv allgemeine Weisheiten zum Verhalten der Leserschaft. Kommerziell gesehen, operierte man im Blindflug. Aus erhabener Höhe konnten die Zeitungsleute das kurzfristige Denken von Fernsehjournalisten tadeln, die auf die Einschaltquoten starren, welche seit 30 Jahren den hiesigen TV-Alltag prägen.

Die allgemeine Elektrifizierung des Journalismus hat die Spielregeln gründlich verändert. Nun stehen im Minutentakt fast beliebig viele Daten zur Verfügung, um die Wirkung eines redaktionellen Erzeugnisses zu deuten. Wie bei Börsenkursen kann man in den Medienwerkstätten in Echtzeit beobachten, wie die Zugriffe auf einen Online-Artikel in die Höhe schießen, hinuntersausen oder gar nie in Fahrt kommen.

Seither sind auch die Informationsvermittler dem Ranking-Stress ausgesetzt. Sie, die bisher Ranglisten der reichsten Schweizer, der schönsten Frauen, der mächtigsten Männer, der meistverkauften Musikstücke oder der steuergünstigsten Gemeinden inszenierten, werden nun selber zum Objekt von Vergleichsdiensten. Im Umfeld der digitalisierten Redaktionen hat sich ein neues Gewerbe angesiedelt, das zur Selbstvermarktung Listen erstellt, welche die Zahlengläubigen und Eitlen umschmeicheln. So publiziert der Online-Kiosk Blendle regelmäßig die „Top Ten“ der meistverkauften Artikel. Die Website „10.000 Flies“ wiederum erstellt laufend Charts zum Erfolg deutschsprachiger Medien in den sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, Google+). Selbst die Wirkung der einzelnen Journalisten wird nun öffentlich registriert. Die Firma Kuble etwa führt eine Rangliste jener Journalisten, welche auf Twitter einflussreich sein sollen. Mit weiteren ähnlichen Erfindungen ist zu rechnen.

Die Aussagekraft von Hitlisten kann man mit gutem Grund bezweifeln. In der Regel wächst die Anerkennung, je weiter oben man placiert ist. Und wer einmal nach vorne gerutscht ist, wird sich die Frage stellen, wie er diese Position halten oder gar verbessern kann. Der Selbstbewusste mag über solches Gebaren lachen; angesichts sinkender Arbeitsplatzsicherheit scheint es indessen durchaus naheliegend, zur Absicherung der eigenen Position im Wettbewerbskampf solche Ranglisten und die persönliche quantitative Performance ins Kalkül der täglichen Arbeit einzubeziehen. Zwar wird kein halbwegs vernünftiger Medienanbieter oder Journalist sein Tun allein auf den kurzfristigen Zahlenerfolg ausrichten. Dieser wird aber unweigerlich Rückwirkungen auf die journalistische Produktion haben.