Jung, weiblich, ungebrochen

Gastkommentar / von Christoph Augner / 27.07.2016

Was wir von Anne Frank, Sophie Scholl und Malala Yousafzai lernen können. Im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Terror setzten die drei jungen Frauen auf einen Zaubertrank aus Bildung, Resilienz und Haltung.

Kurz und schmerzvoll – so lässt sich der couragierte wie vergebliche Verteidigungs-Kampf der niederländischen Streitkräfte gegen die im Mai 1940 einfallenden Nazi-Truppen zusammenfassen. Nach wenigen Tagen bricht der Widerstand vor dem übermächtigen Gegner zusammen – mit dem Fall der „Festung Holland“ zerschlagen sich auch die Hoffnungen tausender Exil-deutscher Juden, die im Nachbarland auf ein sicheres Leben gehofft hatten. Wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die deutschen Besatzer hatten sich auch sämtliche Ausreisemöglichkeiten der Familie Frank in Luft aufgelöst. Man saß in der Falle. Um die drohende Deportation doch noch abzuwenden, verschwand die ganze Familie im Hinterhaus der Frank’schen Firma. Der Rest ist der Geschichte ohne Happy End ist mit Anne Franks Tagebuch Teil historischen Allgemeinwissens …

Amsterdam. Unvermittelt stellt sich ein bedrückendes Gefühl ein, wenn man zu jenen engen Räumen hinaufsteigt, in denen Anne Frank und ihre Familie ihre letzten Lebensjahre vor der Entdeckung und Deportation in totaler Isolierung verbrachten. Acht Menschen auf engstem Raum in einem Amsterdamer Hinterhaus: an Privatsphäre war kaum zu denken, tagsüber blieben die Fenster geschlossen und verdunkelt, WC-Spülung und andere Lärmquellen waren tabu. Frischluft oder kurze Momente im Freien blieben über mehr als zwei Jahre – bis zum Tag der Entdeckung – ein Wunschtraum. Kaum auszudenken, wie unerträglich diese Situation für einen freiheitsliebenden Teenager wie Anne Frank sein musste. Im stickigen Schlafraum Annes gleitet der Blick über ihr Bett, den Tisch, auf dem Sie geschrieben hat, ihren Sessel, die Poster an der Wand – alles ist so, als wäre es vor Minuten verlassen worden, als hätte jemand die Zeit angehalten. Unwillkürlich denkt man an die Tagebuch-Eintragungen, die vor allem eines zeigen: Lebensfreude. „Solange du furchtlos den Himmel anschauen kannst, so lange weißt du, dass du rein von innen bist und dass du doch wieder glücklich werden kannst“ – wie ist es möglich, dass ausgerechnet junge Frauen, ja Mädchen wie Anne Frank selbst in widrigsten Verhältnissen Terror, Tyrannei und Gefangenschaft trotzen? Dass sie trotz allem ihre Stärke, ihr inneres Gleichgewicht ihren Optimismus nicht verlieren?

Sophie Scholl, die berühmte Widerstandskämpferin der Weißen Rose, wagte 1943 ihre legendäre und lebensgefährliche Flugblattaktion. Selbst im Gestapo-Verhör wich sie keinen Millimeter von ihrer antifaschistischen Haltung ab, obwohl klar war, dass das ihren Tod bedeuten musste: „Das Gesetz ändert sich, das Gewissen nicht.“ Beschämt über unsere alltäglichen Opportunismen denken wir an Malala Yousafzai, jene Kinderrechtsaktivistin, die unerschrocken für das Recht auf Bildung eintrat und -tritt, dafür von den Taliban angeschossen und schwer verletzt wurde – und dennoch nicht daran denkt, ihr Verhalten zu ändern. Ganz im Gegenteil, sie setzt sich weiterhin intensiv für Schulbildung von Mädchen ein, prangert Verbrechen der radikalen Islamisten an. Woraus beziehen diese Ungebrochenen nur ihre Kraft?

Psychologen haben schon vor langer Zeit Menschen identifiziert, die grauenhafte Erlebnisse, Kriege, Gewalterfahrungen, Vergewaltigungen, Katastrophen psychisch relativ unbeschadet überstehen. Diese Menschen verfügen über eine überdurchschnittliche Resilienz, was die Fähigkeit bezeichnet schwierige Lebenssituationen erfolgreich zu bewältigen. Psychische Widerstandsfähigkeit beudetet aber nicht einfach besonders „hart“ zu sein und wie ein unterlegener Boxer einfach zwölf Runden stehen zu bleiben. Vielmehr sind resiliente Menschen oft besonders empfindsam. Sie sind nur besser in der Lage, sich Hilfe zu suchen, über eigene Gefühle zu sprechen, Ressourcen aller Art zu aktivieren. So verstanden ist die Resilienz eng verbunden mit dem Kohärenzsinn des Soziologen Aaron Antonovsky, der damit die positive Haltung einer Person gegenüber der Welt und dem eigenen Leben beschrieb. Wesentliche Elemente des Kohärenzsinns sind Verstehbarkeit der Erfahrungen des eigenen Lebens, die Fähigkeit zur Bewältigung schwieriger Situationen sowie Sinnhaftigkeit.

So sagt man Langzeitüberlebenden von schweren Erkrankungen insbesondere Glaube, wenig Angst, und Optimismus nach. Doch Resilienz ist nur die halbe Wahrheit. Betrachtet man die unterschiedlichen Lebensläufe dieser von Grund auf verschiedenen jungen Frauen, dann fallen doch auch Gemeinsamkeiten auf: Anne Frank hatte Zugang zu Schulbildung, war belesen und auf dem besten Weg zu einer Schriftstellerin. Sophie Scholl war ausgebildete Kindergärtnerin und studierte anschließend Biologie und Philosophie. Malala Yousafzais ursprüngliches Berufsziel war Medizin. Alle drei sahen bzw. sehen in Bildung einen wesentlichen Grundpfeiler im Leben. Das ist heute aktuell wie eh und je – in Zeiten, in denen die Statistik nachweist, dass Bildung die ökonomischen Möglichkeiten, den sozialen Status, das Wahlverhalten, das Bindungsverhalten und den Erfolg ganzer Gesellschaften determiniert.

Nicht umsonst sprechen Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz in ihrem neuen Buch „Wer überlebt?“ von einem Kampf der Bildungskulturen. In Ländern, in denen Bildung bekämpft wird, entstehen Fundamentalismus, Nationalismus, Radikalismus und eine Spirale aus Armut und Gewalt. Nur Bildung für breite Massen – insbesondere für Frauen – liefert das Mittel aus diesem Teufelskreis.

Die Botschaft der jungen Frauen geht aber noch weiter: Bildung ist nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern erzeugt Gleichberechtigung, Lebensqualität, Lebenschancen und Selbstbewusstsein. Es ist die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zu Empathie, zum Einfühlen in andere. Es ist die Sicherheit im eigenen Standpunkt, weil er sorgfältig durchdacht ist, weil die eigene Rolle im Leben früh gefunden wurde. Auch das sollte das Ergebnis von Bildung sein: sich eingebettet fühlen in ein größeres Ganzes, über ein Wertefundament zu verfügen, in dem auch Inhalte jenseits des Eigennutzes Platz haben. Gebildet zu sein ist demnach nicht nur ein Privileg, damit verbunden ist auch die Pflicht seine Fähigkeiten dafür einzusetzen das Leben anderer zu verbessern und aus der „Welt einen besseren Ort zu machen“, wie der englische Soziologe Tim Blackman von der Middlesex University in London vor kurzem formulierte.

Bei aller Bedeutung ökonomischer Verwertbarkeit von Bildungsinhalten dürfen wir diese wichtigen Ziele von Bildung nicht aus den Augen verlieren. Willy Hellpachs Vision von einem Bildungssystem, das den jungen Menschen hilft, eine tragende Sinnbasis für ihr Leben zu finden, taugt sicherlich als Leitgedanke. Werte vermitteln als Teil des Bildungszieles – schwerer gesagt als getan: Erst kürzlich schilderte der Cicero-Autor Markus Ziener die Begegnung mit einer libanesischen Journalistin, die über Deutschland sagte: „… ihr verteidigt eure Werte nicht. Weil ihr sie gar nicht kennt.“ Darüber sollten wir bei der nächsten Debatte über Wertekurse für Asylwerber nachdenken. Einen Anhaltspunkt liefert vielleicht die Philosophie mit ihren ihren Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Die meisten interessiert das nicht. Manche reden darüber. Anne Frank, Sophie Scholl und Malala Yousafzais haben danach gehandelt.

Dr. Christoph Augner ist Psychologe und Hochschullehrer. Umfangreiche Forschungstätigkeit in den Bereichen Arbeits- und Organisationspsychologie. Zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, Buchautor.