Kampfzone Familie

von Urs Hafner / 16.06.2015

Die Familie gilt als Inbegriff des Privaten. Doch das ist ein Trugschluss. Die Familie war seit je und ist auch heute noch eine politische Kampfzone. Wer die Familie gestaltet, ordnet die Gesellschaft.

Sie ist ein Ort intimer Gefühle, aber auch seit langem ein Kampfplatz des Politischen: Über die Gestaltung der Familie lässt sich die Gesellschaft ordnen. Heute wird vorwiegend unter dem ökonomischen Nutzenaspekt über sie gestritten.

Jeder ist Teil einer Familie, ob er will oder nicht. Vielleicht hat er Kinder, wahrscheinlich Geschwister und Tanten, sicher Eltern. Permanent ist er den emotionalen Strudeln des Familienkosmos ausgesetzt. Dessen Ziel, die große Harmonie, ist immer prekär. Die Mitglieder der Familie kämpfen um Nähe und Distanz, üben sich in Liebe und Hass, gehen sich aus dem Weg und finden sich wieder. Die Familie ist, wie Karl Kraus gesagt hat, ein Eingriff ins Privatleben.

Verbote und Gebote

Die Familie ist aber nicht nur innen, sondern auch außen: In ihr äußern sich Gesellschaft, Staat, Macht. Sie regelt die Allianzen und Filiationen der Menschen, also die Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Generationen. So trägt sie, über die Köpfe der Individuen hinweg, zur „guten“ sozialen Ordnung bei. Die Natur gibt nicht viel vor, mit der Reproduktionsmedizin immer weniger. Meist zeugen eine Frau und ein Mann Nachwuchs, den sie gemeinsam aufzuziehen versuchen. Verbreitet ist der Familientyp, der das monogame und heterosexuelle Ehepaar, dessen selbstständigen Wohnsitz und enge Gefühlsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern vorsieht.

Zwingend aber ist dieser Familientyp nicht. Es gibt und gab viele andere Familienmodelle. Bei den Nayar in Indien füllte der Vater die Rolle eines gelegentlichen, ja sogar heimlichen Besuchers aus, während der Mutter beliebig viele Liebhaber zugestanden wurden. In Australien sind Ethnien bekannt, deren Familien untereinander Frauen tauschten, wodurch die biologische Vaterschaft negiert wurde. Die Kommunen der Achtundsechziger suchten mit freier Liebe und Gemeineigentum eine gemeinschaftliche Großfamilie zu schaffen, deren Mitglieder sich durch emotionale Großzügigkeit statt den „analen Charakter“ des Biedermanns auszeichnen sollten. Den Nationalsozialisten hatte dagegen ein strikt geschlechtergetrennter, durchrationalisierter Zuchtbetrieb im Dienst ihres reinrassigen Volks vorgeschwebt.

Die in Gesellschaft und Staat tonangebenden Gruppen erklären in der Regel das von ihnen favorisierte Familienmodell für allgemeingültig und bekämpfen die davon abweichenden Formen. Die Familie ist seit je ein politischer Kampfplatz. Mag auch meist die pure Lust im Spiel sein, wenn zwei Menschen sich fortpflanzen, so sind sie dabei doch den Geboten und Verboten der Gesellschaft unterworfen. Die bürgerlichen Eliten der Eidgenossenschaft des 19. Jahrhunderts beispielsweise versuchten, die Lebensweise der Fahrenden zu zerstören, um ihr neues Familienmodell zu etablieren.

Dass Menschen wiederholt den Lebens- und Arbeitsort wechselten, im Wald temporäre Lager errichteten und – wenn auch nicht immer freiwillig, sondern oft unter ökonomischem Druck und auf der Flucht – patchworkartige Familienformen ausbildeten, war den Philanthropen und Pfarrern ein Dorn im Auge. Die Obrigkeiten machten Treibjagden auf Jenische, nahmen ihnen die Kinder weg und gaben diesen neue Namen, um das Übel ihrer Herkunft auszumerzen. Nicht nur Fahrenden, sondern Armen generell war das Heiraten verboten.

Wer über die Heiratsregeln gebietet, bestimmt die Gestaltung der Familie. Im Mittelalter schrieben die adligen Clans nicht nur ihren „Eigenleuten“ vor, unter welchen Bedingungen sie heiraten durften, sondern wählten für ihre Nachkommen die Partner aus, um so den Familienbesitz zu mehren. Ähnlich handelten und handeln die Völker der melanesischen Inseln. Die Heirat dient ihnen als Mittel, um sich vor Feinden und Fremden zu schützen. Indem man mit diesen eine Familie bildet, macht man sie zu Verbündeten und Verwandten.

Die heutigen westlichen Staaten und Gesellschaften stechen im historischen Vergleich durch eine Besonderheit hervor: Nicht nur haben sie sich davon verabschiedet, die Gründung gewisser Familien – fast immer waren Unterschichten und Migranten betroffen – zu verhindern. Im Gegenteil fördern sie die Entstehung von Familien mit einer Reihe familienpolitischer Mittel, unter anderen mit steuerlichen Maßnahmen und mit der familien- und arbeitsrechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau. Dabei trägt der Staat, auch dies ein Novum, dem Pluralismus der Lebensformen Rechnung. Ein gemeinsamer Haushalt wird beispielsweise nicht mehr als Bedingung für die Existenz einer Familie angesehen.

Zwar streiten politische Gruppierungen immer wieder über die ideale Familie: Die Rechte bevorzugt das patriarchalische Modell des „Alleinernährers“, während Linke und neuerdings auch Liberale eine Art Staatsfeminismus favorisieren, der die einheimischen Mütter in den Arbeitsmarkt reintegrieren soll. Die einen versprechen sich davon die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen, die andern die optimale Investition von Arbeitskraft. Breiter Konsens besteht jedoch darüber, dass man für die Bevölkerung Bedingungen schaffen sollte, die sie ermuntern, Familien zu gründen. Die Geburtenziffer sei zu tief, die schweizerische Volkswirtschaft brauche mehr Arbeitskräfte.

Hört die Familie damit nach Jahrhunderten auf, ein Kampfplatz zu sein, auf dem Obrigkeiten, Kirchen und Staaten die „richtige“ Ordnung durchsetzen wollen? Ist sie ein Ort der Auseinandersetzung nur noch für ihre Angehörigen, die mit- und gegeneinander um das Gleichgewicht im emotionalen Haushalt ringen? Nein, um die Familie wird nach wie vor gestritten, nicht nur in der Politik. Jeder kennt die kontroversen Situationen, die entstehen, wenn Leute aufeinandertreffen, die unterschiedliche Familienmodelle bevorzugen.

Der ökonomische Nutzen

Eltern werfen Leuten ohne Kinder vor – oft bloß unterschwellig –, sie seien selbstsüchtig und würden nicht zur Reproduktion der Gesellschaft beitragen. Leute ohne Kinder wiederum finden, Eltern würden am Arbeitsplatz ihren Nachwuchs vorschieben, um daheim bleiben zu können. Es sei ungerecht, dass ein Anspruch auf die Betreuung kranker Kinder bestehe, nicht aber auf die kranker Eltern. Wer seine Kinder daheim aufzieht, schilt Eltern, die ihre Kinder in die Kita schicken, als verantwortungslos. Umgekehrt finden Kita-Eltern, wer sein Kind daheim habe, sei zu dessen Nachteil auf dieses fixiert.

Wenn wir uns bewusst machten, sagt die Historikerin Caroline Arni von der Universität Basel, dass über Ordnungen der Familie die Gesellschaft verfasst werde, könnten wir die heutigen familienpolitischen Kämpfe als Auseinandersetzungen über die Frage erkennen, wie wir zusammenleben wollten. Diese Frage aber werde vom Primat des ökonomischen Nutzens verdeckt. Deswegen verfingen sich die Auseinandersetzungen im Aufrechnen von Leistungen, während es doch darum ginge, die Menschen in ihren Beziehungen zueinander zu denken.

So gesehen bietet sich heute die Chance, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen sich über ihre unterschiedlichen Lebensweisen und Familienformen verständigen. Für einmal nämlich scheint keine Autorität bestimmen zu können, welche Familienform gut und welche schlecht sei.