flickr/ Clemens v Vogelsang

Ostern

Karfreitagskinder

Meinung / von Barbara Kaufmann / 25.03.2016

Ostern als Kind in einer südösterreichischen Stadt. Mutproben, Fastenbrechen und die Ökumene. 

Als Kind war Konfession ein goldenes Kettchen mit einem schmalen Kreuz, das man nur an Feiertagen umhängen durfte. Geburtstag, Weihnachten, Ostern. Den Rest des Jahres lag es sicher verstaut in der Schmuckkassette der Mutter, in ihrem Schlafzimmer am obersten Fach des Bücherregals. Wenn die Nachbarskinder beim Greißler gegenüber ein paar Trauben stahlen, gingen sie danach zur Beichte in die Kirche und alles war wieder gut. Du bist evangelisch, da gibt es keine Beichte, sagte die Mutter dann. Wenn du etwas stiehlst, dann wird es nie mehr gut. Das saß. Also ließ man die Mutproben besser aus.

Bei der Einschulung wurde man in der Aula nach der Glaubensrichtung aussortiert. Evangelische und Kinder ohne Bekenntnis nach links. Elf Schüler standen dort am Ende des Vormittages, die allesamt in die A-Klasse gesteckt wurden. Aus praktischen Gründen, um den Religionsunterricht zu ermöglichen. Der überwiegende Rest der Erstklässler war katholisch und durfte sich die Klasse aussuchen. A, B oder C.

Die evangelische Religionslehrerin war eine hagere, große Frau mit raspelkurzem Haar und hochgeschlossenem, dunklen Kleid mit gestärktem Kragen, der nach Kampfer roch. Sie schminkte sich nie und trug an manchen Tagen eine rahmenlose Brille, hinter der ihre großen blauen Augen unwirklich riesig wirkten. Jeden Montag vor der Religionsstunde kam sie bereits in der Pause in die Klasse und holte ihre Schüler ab, um sie in den Werkraum zum Unterricht zu führen. Sie war keine Anhängerin von Pausen für Schulkinder. Im Leben werdet ihr noch oft genug Pause machen, orakelte sie düster vor sich hin. Und neidvoll betrachtete man die katholischen Mitschüler, die mit ihrem Kakao ins Freie liefen und durch den Garten tobten, während man in den Werkraum trottete, der immer ein wenig überheizt war.

Kommunion und Schokolade

In der zweiten Klasse Volksschule kam ein Tag, an dem endgültig klar war, worin sich die beiden christlichen Glaubensrichtungen unterschieden. Die katholischen Kinder trugen chice weiße Kommunionskleidchen und festliche dunkle Anzüge, sie tollten mit Blumenkränzen durch die Gänge und bekamen zur Feier des Tages Unmengen an Schokolade. Ihre evangelischen Mitschüler saßen währenddessen im Werkraum und lasen in der Bibel. Denn Luther, sagte die Lehrerin mit vor Stolz zitternder Stimme, hat uns das Lesen beigebracht. Das hieß es also, Protestantin zu sein, dachte man sich in diesem Moment niedergeschlagen. In einem engen, stickigen Zimmer zu sitzen, in dem es nach Kampfer roch und in einem Buch zu lesen. Während die Katholikinnen lachend und mit schokoverschmierten Mund durch die Gänge liefen und Fangen spielten. Und irgendwie hatte man mit seinen sieben Jahren die Ahnung, dass der Protestantismus eine recht freudlose Angelegenheit sein dürfte.

Zu Ostern wurde es jedes Jahr noch ungemütlicher. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern war es in Kärnten ein Fest, das sehr ausgiebig und geradezu ausschweifend gefeiert wurde. Jede Familie hütete ihr eigenes Reindlingrezept, das von Generation an Generation weitergegeben wurde wie ein Familienschatz. Zu kiloweise Aufschnitt aus geweihtem Schinken, Würsten und Zunge wurden verschiedene Kren-Varianten gereicht, die je nach Gegend variierten. Am Ende des Osterwochenendes hatte man gut zwei Kilo zugenommen und eine Magenverstimmung, die trotz diverser Verdauungsschnäpse noch ein paar Tage anhalten sollte. Der Karfreitag, mahnte die Religionslehrerin jedes Jahr aufs Neue, ist unser wichtigster Feiertag. Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, weil er uns geliebt hat. Wenn man liebt, dann bringt man Opfer.

Karfreitag und Fastensuppe

Der Tag selbst war verlässlich deprimierend. Man traf sich bei einer der evangelischen Familien aus der Klasse, starrte im Wohnzimmer auf das Kreuz mit dem sterbenden Jesus, löffelte Fastensuppe und fühlte sich elend. Um 17 Uhr ging es zum traditionellen Karfreitagsgottesdienst, bei dem man trotz zwei Paar Socken fror und abends fiel man ins Bett und konnte die Auferstehung kaum noch erwarten.

An einem dieser Nachmittage, kurz vor dem Kirchgang, stahlen sich alle Kinder davon. Raus aus dem Haus, weg vom Kreuz und von den schweren Gedanken, auf den Acker hinter dem Parkplatz und in den angrenzenden Wald. Man lief gemeinsam durchs Unterholz und kletterte trotz schwarzer Hosen und weißer, dünner Strümpfe auf die Bäume. Man wettete gegeneinander. Wer sich höher hinauf wagte. Wer weiter hinaus kletterte. Wer am höchsten käme. Plötzlich wurde es laut unter ihnen. Eine kleine Gruppe Nachbarskinder erschien auf der Lichtung, versammelte sich unter den Bäumen und blickte nach oben. Sie waren zwischen acht und zehn Jahren alt, trugen Jeans, Pullis und Anoraks und hatten den Mund voll mit Bonbons, die sie aus ihren Taschen fischten und ununterbrochen in sich hinein stopften. Die Kinder kletterten langsam nach unten. Sie putzten ihre Anzüge und Kleider ab und betrachteten die Bande argwöhnisch. Eines der Nachbarskinder zog einen Schokoladeosterhasen aus seiner Parka, brach sein Ohr ab und steckte es in den Mund. Genüsslich kaute der Junge daran. Unter den Kindern sah man sich wissend an. Katholiken.

Der Geschmack der Ökumene

Da streckte er ihnen den Rest des Hasen entgegen. Wollt ihr? Man betrachtete das Schokoladetier mit gemischten Gefühlen. Im Magen war nicht viel außer die Reste der geschmacklosen Fastensuppe. Viel mehr hatten sie an diesem Abend auch nicht mehr zu erwarten. Der Hase sah süß aus und verführerisch wie er sie so anlächelte mit seinem verbliebenem Ohr. Ein anderes Nachbarskind offerierte in diesem Augenblick eine Handvoll Bonbons, deren Schokoladenhülle zwar zum Teil an seiner Handfläche klebte, aber trotzdem wirkten sie auf die ausgehungerten Mägen appetitlich. Innerhalb weniger Minuten saß man zusammen auf dem Waldboden unter den Baumkronen und aß gemeinsam den süßen Proviant der Eindringlinge. Schokohasen, Bonbons und glasierte Nüsse. Sie waren sehr süß, schon etwas abgestanden, aber versöhnlich. So schmeckt die Ökumene.