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Katzenvideos: Die erstaunlichen Talente der Tiere

von Ueli Bernays / 10.09.2016

Jeder kennt Sie, Katzenvideos im Internet. Was die Verächter dieser Videos missachten: Von den Tieren können wir etwas lernen.

Katzenvideos? Sind Katzenvideos wirklich so schlimm? Sie sollen den Intellekt aufweichen, behaupten Kritiker schon lange. Und sie warnen vor dem Internet, vor den sozialen Netzwerken insbesondere, wo die dummen und gefährlichen Videos allenthalben zu sehen seien. Auch in meinem Netzwerk laufen mir immer wieder Katzen über den Weg. Und nicht nur das: Ich zähle prompt zur Risikogruppe der Gefährdeten. Denn wo immer ein Kater oder ein Kätzchen gezeigt wird, das gerade Verrenkungen macht vor einem Spiegel, Handstände aufführt oder gar die Notdurft auf einer Toilette verrichtet, muss ich sofort und fasziniert hinschauen.

Wobei der Primat der Katzen nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass einem etwa auf Facebook auch ganz andere Tierarten präsentiert werden: Elefanten, die mit blauen Bändern spielen; Köter auf Skateboards; in Kokosnussschalen hausende Tintenfische; singende Pudel. Und so weiter.

Das Internet ist auch ein digitales Bestiarium, eine Art zeitgenössische Kunstkammer sogar, die mit mannigfachen erheiternden und inspirierenden tierischen Talenten aufwartet. Und ich möchte den Warnern deshalb Folgendes entgegenhalten: Wir lernen die Tierwelt heute von einer neuen Seite kennen. Und es scheint fast, als sei auch im Tierreich ein Quantum Genialität verteilt worden, das wie eine Saat allmählich aufgeht. Die evolutionäre Avantgarde, die animalische Elite auf alle Fälle lässt einen Trend Richtung Zivilisierung, ja Kultivierung erkennen.

Was man von unsereins ja nicht behaupten kann. Mitunter scheint die Entwicklung reziprok. Der Mensch setzt sich im Netz gerne auch bestialisch und schweinisch in Szene, wie der digitale Abschaum von Bashing und Shitstorms zeigt. Und selbst wenn er streitet, diskutiert und argumentiert, sucht er Orientierung im Schwarm oder in der Herde. Deshalb werden Statements in den sozialen Netzwerken mit Likes belohnt, auch wenn sie sich eigentlich als vereinfacht oder zu simpel, unoriginell oder epigonal erweisen.

Von solcher Kritik ausnehmen möchte ich allerdings meine eigenen Freunde und Followers. Unter ihnen finden sich nämlich grossartige Kreaturen: Musiker, die mich dank Videomitschnitten an Konzerten teilhaben lassen, die ich verpasst habe. Köche, die mich nie einladen, zeigen sich auf Selfies immerhin lachend neben dampfenden Nudeln oder krossen Filets. Die Eltern hochbegabter Tänzerinnen und Oboisten wiederum bringen ihre Kameras an Bühnenrändern in Stellung. Abenteurer dokumentieren Kletterpartien auf dem Kleinen Mythen. Last, but not least bin ich stolz auf die philosophischen Köpfe in meinem Netzwerk, die auch zum Thema Katzenvideos viel Wichtiges beizutragen wüssten.

Trotzdem muss ich gestehen, dass mir jene Freunde am liebsten sind, die Tiervideos posten. Dabei denke ich weniger an Zeugnisse zirzensischer Dressur als an zufälligen Footage: die Sequenz eines Schweinchens, das eine Katze an der Leine führt, die Aufnahmen eines Pinschers, der wie sein Herrchen tanzt, oder der Clip eines Gorillas, der Elektrobass zu spielen versucht.

Vielleicht sind meine Sinne bereits beeinträchtigt durch die vielen Katzenvideos. Mir scheint nämlich, als lasse sich im artistischen oder künstlerischen Auftreten begabter Viecher oft eine gewisse Verschämtheit, eine Art Lampenfieber erkennen. Nicht selten bin ich gerührt und fühle mich an Zeiten erinnert, als auch wir Menschen noch etwas bescheidener waren. Na ja! Sicher ist jedenfalls, dass Tiere nicht zwanghaft in die Kamera grinsen.