Peter Strasser

Morgengrauen

Kein Fenster nach draußen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 30.03.2016

Aufgewacht im Hotelzimmer der Weltstadt, alarmiert mich der erste Morgensatz meiner Frau: „Aber die Fenster lassen sich nicht öffnen!“ Wir logieren im sechsten Stock, und diese Lage gibt immerhin Anlass zu der Befürchtung, der eine oder andere Gast, womöglich, aus reiner Entdeckerlust, auch einmal ein Kind, könnte auf das Fenstersims klettern und in die Tiefe springen.

Unser Fenster besitzt eine ideale Sprunglage, es geht in einen Hinterhof, auf ein weit unten liegendes Zwischendach aus Zement oder Beton. Während ich derart frivolen Gedanken nachgebe, wird mir plötzlich der Hintersinn des Satzes klar, den meine Frau äußerte, freilich bloß, um ihr Missbehagen auszudrücken (sie schlief wegen der Klimaanlage schlecht, ich auch): Gestern Abend, als wir durch die City bummelten, bereits zermürbt durch das Auf- und Abrennen über die steilen Treppen der Untergrundbahn, litt ich unter einem klaustrophoben Gefühl, das sich bei mir zuinnerst festgesetzt hatte.

Hier, in der Metropole der westlichen Welt mit ihren vielen Kulturen, welche sich wechselseitig als die Altbekannten anstarren, die einander noch immer nicht mögen, gibt es keine Fenster nach draußen. Der Beklommene aus der Provinz (ich), der sein Heil in einer der zahlreichen, von Touristen umschwirrten und durchschwärmten Gotteshäuser sucht, wird zwar die Kirchenfenster bewundern, aber ohne jenes Aufatmen, das ihnen einst eingegossen war: Way out … Jedes Nachdraußen ist nun ein Weiterhinein in die Fensterlosigkeit dieser Welt.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.