Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Kein Ort für Vertraulichkeiten

Gastkommentar / von Peter Strasser / 26.01.2016

Lesefrucht aus Nicholson Bakers Essaysammlung mit dem aufmunternden Titel: So geht’s.

Sonntags sitzt Baker, einer der sympathischsten Autoren auf Gottes US-Boden im Städtchen South Berwick, York County, Maine, am Rande der Müllkippe seiner Community, um dort dem Müllentsorgungstreiben beizuwohnen. Da es keine Müllabfuhr vor Ort gibt, muss der wöchentlich angefallene Mist auf einer Altdeponie im Grünen entsorgt werden.

Dabei gilt es, eine ausgetüftelte Müllentsorgungsetikette zu beachten. Deren Sinn erschließt sich nur teilweise der Vernunft, was indessen dem Gemeinschaftsleben zuträglich scheint: Der Normalmüll ist freizuhalten von Katzenstreu, denn dieser ist in jenem Behältnis zu entsorgen, wo sonst nur noch Matratzen und alte Sofas ihren Platz finden. Es gibt auch einen Extracontainer für Zeitungen und Zeitschriften, und einen anderen für Pappe, worunter Pizzakartons und Frisbees fallen. Frisbees?!? Egal, darüber lässt sich trefflich streiten.

Für Baker ist dieser Platz alles andere als ein gewöhnlicher Drecksort, sondern „ein Ort für Vertraulichkeiten“. Das ist schön, denke ich mir heute Morgen beim Verschnüren meines zart nach Zitrone duftenden Müllsäckchens. Die Mülltonnen unten, vor meinem Haus, sind freilich kein Ort für Vertraulichkeiten. Obwohl sich dort immer mehr Mistkübelstierer einfinden, sind sie an Small Talk weniger interessiert als daran, mit Kind und Kegel zu überleben.

Der Morgen graut, zart nach Zitrone duftend, und ich graue zitronig mit ihm.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.