„Kein Platz für Impf-Skeptiker“

von Yvonne Widler / 09.06.2015

So einig hat man diese Experten schon lange nicht mehr erlebt. Wieder einmal sind die Bioethiker, die dem Bundeskanzler regelmäßig Empfehlungen aussprechen, zusammengesessen und haben diskutiert. Dieses Mal über die ethischen Aspekte des Impfens und die damit zusammenhängenden infektiösen Erkrankungen, solche nämlich, die von Mensch zu Mensch übertragen werden. Masern, Keuchhusten, Kinderlähmung – um nur ein paar zu nennen.

Die Debatte sei hierzulande dringend notwendig, so der Tenor. Besonders Personengruppen, die sich selbst aufgrund ihres Gesundheitszustandes oder Alters keiner Impfung unterziehen können, müssten geschützt werden. Dieser Schutz könne nur durch Herdenimmunität erreicht werden. Das gestalte sich aber schwierig, wenn immer mehr Menschen beschließen, sich oder ihre Kinder nicht impfen zu lassen.

Individualisten oder Egoisten?

Die Impf-Debatte ist eine Diskussion über die Autonomie der Eltern, über Gesundheit als öffentliches Gut, über die Rechte der Patienten, über vulnerable Personengruppen, wie Säuglinge, an Leukämie erkrankte Kinder oder Patienten, die gerade eine Herz-OP hinter sich haben, und die durch nicht geimpftes Gesundheitspersonal höchst gefährdet sind. Es ist eine Diskussion über das Recht auf Selbstbestimmung und auf der anderen Seite das Wohl der Gemeinschaft. Eine Diskussion darüber, ob Impfgegner Individualisten oder Egoisten sind. Kann man die Selbstbestimmung des Einzelnen zum Wohl der Gemeinschaft einschränken? Ja, lautet die einstimmige Meinung der Bioethiker.

Gestern wurden die aktuellen Empfehlungen der Kommission von vier ihrer Mitglieder präsentiert. Die Mediziner Arnold Pollak und Ursula Köller sowie die Juristinnen Christiane Druml und Christiane Wendehorst waren sich einig. Das Motto muss lauten: Einer für alle, alle für einen.

Masernpartys im kaum geimpften Österreich

Grundsätzlich wäre eine gesetzlich angeordnete Impfpflicht gegen Infektionskrankheiten, wie das in den USA der Fall ist, in Österreich verfassungsrechtlich möglich, müsste jedoch einer Einzelfallprüfung unterzogen werden. Man möchte mit dieser aktuellen Empfehlung aber nicht so weit gehen, sondern vorerst an die Vernunft der Menschen appellieren, die Botschaft lautet: Lasst euch und eure Kinder impfen. Im Sinne der Gemeinschaft. Mit dieser Art von Gemeinschaftssinn dürften es die Österreicher nämlich nicht so ernst nehmen, unser Land schneidet merklich schlecht ab in Sachen Durchimpfungsrate. Laut WHO bräuchten wir einen Wert von über 90 Prozent, um sicherzustellen, dass wir beispielsweise nicht mit Masern infiziert werden. In Österreich liege der Wert weit darunter. Laut einer Umfrage des Karl-Landsteiner-Vereins zur Förderung medizinisch-wissenschaftlicher Forschung stehen über 50 Prozent der österreichischen Eltern dem Impfen skeptisch gegenüber.

Unter den Experten herrscht Unverständnis über die enorme Impf-Skepsis. Für Druml ist es sogar ein Paradoxon, suchen wir doch verzweifelt nach Impfungen gegen Malaria und HIV. Aber die, die wir bereits zur Verfügung haben, werden häufig nicht genutzt. Die Expertin spricht von einer absurden Situation. Jedes Entwicklungsland wäre heilfroh über Impfmöglichkeiten, wir hingegen geben uns einer virtuellen Angst hin, für die es keinen Grund gebe. Die Menschen hätten mehr Panik vor den Folgen der Impfung als vor der Krankheit, vor der die Impfung schütze.

Auch angesprochen wurden sogenannte Masernpartys. Eltern, die es ablehnen, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen, bringen sie bewusst in Kontakt mit infizierten Kindern. Sie denken, wenn ihre Kinder diese Krankheit in jungen Jahren bekommen, wären sie lebenslang immun. Für Pollak ist dies eine bewusste körperliche Misshandlung.

Gesundheitspersonal und Eltern

Doch die Empfehlungen der Kommission zielen auf unterschiedliche Personengruppen ab. Die Debatte um die Impfnotwendigkeit bei Gesundheitspersonal scheint der Mehrheit der Bevölkerung einleuchtender als jene über den Impfschutz bei gesunden Kindern. Die Empfehlung der Bioethiker hierzu:

Überprüfung und Durchführung des Impfschutzes von Personal im Gesundheitswesen gemäß den Empfehlungen des Bundesministeriums für Gesundheit oder des Nationalen Impfgremiums und gegebenenfalls das Erlassen einer begründeten Impfpflicht für Personal im Gesundheitswesen im Sinne des Nicht-Schadens-Prinzips.

Die zweite Empfehlung der Kommission lautet:

Schulimpfprogramme auf Kindergärten ausweiten und anlässlich der Aufnahme in Kindergärten und Schulen den Impfschutz der Kinder zu prüfen und bei nicht ausreichendem Schutz aktiv das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Das könnte der Schularzt machen. Im Falle einer verweigerten Kooperation ist mit Sensibilität vorzugehen, um einerseits das Grundrecht auf Privatsphäre, andererseits auch die Notwendigkeit des besonderen Schutzes vulnerabler Personen zu gewährleisten.

Könnte es nun so weit kommen, dass einem nicht geimpften Kind untersagt wird, einen öffentlichen Kindergarten oder eine öffentliche Schule zu besuchen? Darauf gaben die Ethiker keine konkreten Antworten. Nun ja, zuerst wolle man den Menschen verifizierte und transparente Information zur Verfügung stellen und darauf hoffen, dass die vernünftigen Entscheidungen dann folgen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Haftungsfrage diskutiert. Wer kann verantwortlich gemacht werden, wenn das eigene Kind angesteckt wird oder ein anderes Kind ansteckt? Momentan sehe die österreichische Rechtslage keine Haftung von Eltern für ihr eigenes Kind, und schon gar nicht für ein anderes vor. Allerdings könne sich durch eine breite Aufklärungswelle auch ein Anstoß der Haftungsdebatte ergeben, so viel Spielraum sei im Gesetz vorhanden. Eine Schlüsselrolle in der Aufklärung käme hier beispielsweise Schulärzten zu. Eltern sollen dazu bewegt werden, ihre Kinder impfen zu lassen. Ob die Frage der Haftung je kommen wird? „Sie soll“, meint Pollak.

Böse Pharmalobby?

Die Kommission strebt unter dem Motto „Information, Motivation, Transparanz“ eine Ankurbelung der Debatte an. Es handle sich bei vielen Krankheiten nicht um harmlose Infektionen, sondern um sehr gefährliche. Wenn sich ein Säugling an Pertussis, besser bekannt als Keuchhusten, ansteckt, so hört er auf zu atmen, berichtet Pollak aus der Praxis. Es wolle keine Ängste schüren, aber diese Dinge passierten tatsächlich.

Die Argumente, die Impfskeptiker entwickelt haben, richten sich – neben den Ängsten vor Impfreaktionen – auch gegen die Pharmalobby. „Man verkauft sich doch nicht an die Pharmabranche, weil man sich impfen lässt“, so Pollak. „Mir kann übrigens jeder ins Konto schauen, ob ich gesponsert werde.“

Eines haben die Bioethiker jedenfalls klar gemacht: Impfskepsis hat in der Bioethikkommission keinen Platz. „Weil wir aufgeklärt sind“, so Pollak weiter. Apropos aufgeklärt: Erstaunlich ist auch, dass besser gebildete Menschen eher dazu neigen, aus dem Impfschutz auszusteigen.

2008 kam es zu einem Masernausbruch in einer Waldorfschule in Salzburg, 394 Personen waren erkrankt. Die Impfrate unter den Erkrankten der Schule belief sich auf bloß 0,6 Prozent. Kollege Moritz Gottsauner-Wolf hat über die falsche Angst geschrieben. 

Kollegin Julia Herrnböck hat in einem Kommentar die Für und Wider in Sachen Impfdebatte schon einmal zusammengefasst.

Die ausführlichen Empfehlungen der Kommission finden Sie hier.