Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Kein Untergang vor dem Frühstück!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.11.2015

Ein Gespenst geht um in Europa. Seit Oswald Spengler ist ein Teil der intellektuellen Klasse, trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse, ohnehin davon überzeugt, dass das Abendland untergeht. Es ist alt geworden, müde. Es ist seiner selbst überdrüssig.

Dieses ganze Riesentheater, wonach unsere Bestimmung in der Freiheit, der Demokratie, gar dem kollektiven Glück läge – war das, der Aufgeklärtenzirkus samt und sonders, nicht bereits Symptom eines unaufhaltsamen Niedergangs? Hatten wir uns nicht schon längst von unseren Blut-und-Boden-Wurzeln entfremdet? Von unserem Eingesockeltsein ins Erdige und unserem Geruchssinn fürs Göttliche?

Jawohl, wir haben uns, zerbrechlich und substanzlos, vor dem Absoluten in die Gespinste unserer Menschlichkeit geflüchtet. Unser Zustand war der Ausnahmezustand, aller vitalen Welt ein ständiges Ärgernis. Und so sehnen wir uns heimlich zurück zu Gaia, unserer Urmutter, und bewundern klammheimlich die Gotteskrieger. Ihr Ziel ist der ewige Friede des Anorganischen, den sie mit ihren Sprengstoffen, Kalaschnikows und Krummschwertern erkämpfen.

Und ja, jawohl, wir sind aus dem dunklen Drang unseres Herzens dankbar dafür, dass uns endlich einer von uns selbst erlöst! – Dieses broschürte Bekenntnis, mir als Morgengabe einer Denktruppe namens Neue Gaia unter der Türe durchgeschoben, macht mich desperat. Denn ich möchte nicht von mir selbst erlöst werden, bevor ich gefrühstückt habe. Und ehrlich gesagt, später auch nicht.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.