Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Keinbildentzücken

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.03.2016

Meine ältere Enkeltochter E. behauptet, Erwachsenenbücher zu verstehen. Deshalb behauptet auch H., ihre jüngere Schwester, „Wachsenenbücher“ zu verstehen, und zwar immer dann, wenn E. sie ihr vorliest. E. behauptet nämlich außerdem, Erwachsenenbücher nicht nur verstehen, sondern auch lesen zu können.

Zurzeit ackert E. gerade die Bibel durch, eine vorkonziliare Taschenausgabe im ledernen Einband, die sie beim Erwachsenenbücherlesen verkehrt herum hält. Dabei ist E. besonders stolz, dass sich in dieser Edition, die sie aus irgendeinem abgelegten Bücherstapel herausgezogen hat, keine Bilder befinden. „Kein Bild!“, sagt deshalb auch H. stolz und schüttelt das Buch, welches sie E. hinterrücks entwendet hat, sodass die Buchseiten flattern und ich befürchte, es könnte trotz Bilderlosigkeit gleich ein Bild herausfallen.

Dann wäre der Zauber der bilderlosen Schrift zerstört. Und mit dem Zauber wäre auch jene andere Freude verdorben, die darin gründet, dass man ein bilderloses Erwachsenenbuch liest. Kein Wunder also, dass E. ihrer jüngeren Schwester die bereits reichlich zerfledderte Taschenbibel entreißen will. „Da sind keine Bilder drinnen“, schimpft sie H. aus, die sich eine solche rüde Behandlung nicht gefallen lässt und, bibelbeutelnd, lauthals zu schreien beginnt: „Kein Bild! Noch kein Bild! Noch gar kein Bild!“

Jetzt übermannt mich Entzücken: H. schüttelt nicht Bilder aus einem Erwachsenenbuch ohne Bilder, sie schüttelt „Keinebilder“ heraus. Das ist regelrecht biblisch, oder?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.