Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Keine Angst vor Crossover-Phobien!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.02.2016

Ich habe einen Freund, der ist akademischer Lepidopterologe mit Arachnophobie. Ein exzellenzuniversitärer Schmetterlingsforscher, dem vor Spinnen graut, warum nicht in unserer Zeit des Crossover?

Vor einigen Tagen rief mich mein Freund zu nachtschlafender Zeit an, um mir mitzuteilen, dass der Beweis der Existenz von Gravitationswellen erbracht worden sei. Aha. Schlaftrunken fragte ich ihn (dabei flüsternd, um meine Frau nicht zu wecken), ob er wisse, wie spät es gerade eben sei. Er dozierte, wie spät es gerade eben sei, hänge davon ab, wie viele Gravitationswellen gerade eben durch unsere Uhren strömten, was wiederum davon abhänge, wie viele Schwarze Löcher vor so-und-so-vielen Milliarden Lichtjahren „dort draußen“ miteinander verschmolzen seien.

Hm. Ich schaltete mein Handy ab, was meinen Freund nicht daran hinderte, mich gerade eben, bei meinen Frühstückszubereitungsaktivitäten, zu unterbrechen, um mir mitzuteilen, er leide jetzt unter gravitationswellenängstlicher Spinnenangst. Er sei – das Wort habe er in hoher Sprachnot geprägt – ein „Gravitasflucturachnophobiker“.

Scheußlich, was soll ich sagen? Er ist mein Freund, daher sage ich – meinerseits in hoher Sprachnot –, dass, solange er kein „Gravitasflucturachnolepidopterophobiker“ sei, er sich in unserer Zeit des Crossover exzellenzuniversitär keine Sorgen zu machen brauche.

„Super“, freut sich mein Freund, und da kann ich mich angesichts meiner gerade eben goldbraun aufgebackenen Frühstücksbrötchen nur mitfreuen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.