Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Keksbackliturgie

Gastkommentar / von Peter Strasser / 07.12.2015

Gestern war zweiter Adventsonntag. Ich stehe vor unserem buschigen Adventkranz und betrachte die beiden violetten Kerzen, die weit herunterbrannten, bei einer Adventjause mit Tee, Krapfen und Dörrobst.

Was könnten mir jetzt, an diesem grauen Arbeitsmontagmorgen, jene kleinen wächsernen Zeugen bedeuten? Dass die Welt bald stillstehen wird im Glanz des Sterns überm Stall? Ich wende mich ab, schaue aus dem Fenster, durch das wundersame Gewirr meiner Winterorchideenblüte hindurch. Geistesabwesend registriere ich die Autos, die tief unten auf der Ausfahrtsstraße jeden Tag dieselben zu sein scheinen.

Nervöses Treiben, das ruckelt und zuckelt. Auch gut, oder auch nicht, egal. Ja, „geistesabwesend“ ist das richtige Wort, denn der Geist ist abwesend. Zurück bleiben zerfahrene Dinge ohne inneren Zusammenhang – ohne Telos, ohne Glanz. So geht es hin und her in meinem dummen Morgenphilosophenkopf, bis ich hinter mir die Stimme meiner Frau höre, die überrascht tut, obwohl sie sich einen „Adventfahrplan“ zurechtgelegt hat:

„Herrjeh, nur mehr zwei Kerzen übrig, und ich muss noch ein halbes Dutzend Kekse backen: Kokoskuppeln, Windringerl, Linzer Augen, Vanillekipferl, Rumschnitten, Zimtsterne …“ Und schon ist er wieder da, der Geist, dank der Keksbacklitanei, nein, Keksbackliturgie meiner Frau.

Kein Zweifel, die Welt wird auch heuer wieder stillstehen, im Glanz des Sterns überm Stall nach Keksen duftend, und wenn der ganze elende Globus auseinanderbricht …!

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.