Solidargemeinschaft

Kleiner Bummel durch das Warenhaus der Gesundheit

von Wulf Rössler / 13.03.2016

Konkurrenz belebt das Geschäft. Eigentlich. Im Gesundheitswesen stößt das Marktprinzip jedoch schnell an seine Grenzen.

Stellen Sie sich vor, das Gesundheitswesen wäre ein Warenhaus, in dem Sie einkaufen gehen wollen. In jeder Abteilung stehen medizinische Leistungen und Produkte im Regal. Können Sie frei aus dem Angebot wählen? Nein. Sie brauchen zuerst einmal eine Mitgliedskarte zu dem Gesundheitswarenhaus, und die erhalten Sie nur, wenn Sie Ihre Krankenkassenbeiträge bezahlt haben. Jetzt dürfen Sie durch das Warenhaus spazieren und Ihre Wünsche anmelden. Potenziell stehen Ihnen alle Angebote offen. Allerdings erhalten Sie das Gewünschte nur, wenn Sie es wirklich brauchen. Und hier wird der Unterschied zur freien Wirtschaft offensichtlich. Wenn Sie ein neues Auto kaufen wollen, können Sie das tun, egal, ob Sie es brauchen oder nicht. Sie entscheiden selbst, sofern Sie das nötige Kleingeld dafür haben.

Im Gesundheitswesen nennt man das „Bedarfsprüfung“, was eigentlich eine der vornehmsten Aufgaben der Ärzte sein sollte. Leider haben das viele Ärzte vergessen, wenn sie den Wünschen ihrer Patienten sofort nachgeben. Eine Krankschreibung? Oder gleich einmal eine Computertomografie, wenn der Schädel brummt? Warum auch nicht, wenn der Patient das will? Sonst geht er nämlich zum nächsten Arzt.

Und da liegt auch der wesentliche Grund für die Bedarfsprüfung. Weil alle Angebote im großen Warenhaus des Gesundheitswesens letztlich von einer Solidargemeinschaft bezahlt werden, zu der Sie selbst auch einen winzigen Teil beitragen. Die Solidargemeinschaft garantiert Ihnen, dass Sie immer alles medizinisch Notwendige erhalten, selbst wenn die Kosten dafür Ihren persönlichen Beitrag weit überschreiten. Und seien Sie versichert, dass im Gesundheitswarenhaus nur das weltweit Beste angeboten wird. Das heißt aber nicht, dass Sie immer das Beste brauchen. Manchmal ist der Zugewinn an Gesundheit vom Zweitbesten zum Besten marginal und steht in keinem Verhältnis zu den Zusatzkosten.

Das alles ist eigentlich ziemlich großzügig von der Solidargemeinschaft. Funktionieren tut das, weil die meisten Leute gesund sind und keine großen Kosten verursachen. Im Gegenzug darf die Solidargemeinschaft von Ihnen erwarten, dass Sie das Warenhaus nicht plündern.

Außerdem wird erwartet, dass Sie Ihre Gesundheit nicht unnötig gefährden. Persönliche Konsequenzen hat das aber nicht. Bezahlt wird trotzdem, was so manchen Politiker in Wallung bringt. So wollte kürzlich die SVP die Rauschtrinker für die Behandlungskosten zur Kasse bitten. Das Parlament lehnte es ab, weil das eine Schraube ohne Ende ist. Der Staat versucht stattdessen in Bereichen, wo der Zusammenhang zwischen selbstschädigendem Verhalten und Folgekrankheiten evident ist, präventiv tätig zu werden. Die Erfolge sind leider eher bescheiden.

Die Politik ist derweil bestrebt, das Angebot zu steuern, also nicht zu viele Warenhäuser zu eröffnen, weil das Angebot bekanntlich die Nachfrage stimuliert, das heißt: Sie sollen erst gar nicht auf dumme Gedanken kommen, was Sie noch alles brauchen könnten – ganz entgegen der marktwirtschaftlichen Logik, wo Sie ja sonst zum Konsum verführt werden. Aber richtig Erfolg hat die Gesundheitspolitik damit auch nicht: Sowohl die Zahl der Spitäler wie auch die Zahl der Praxen niedergelassener Ärzte ist in der Schweiz im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch.

Wie ist das also nun mit dem Markt und dem Gesundheitswesen? Um im Bild zu bleiben: Wenn Sie im Gesundheitswarenhaus einkaufen, sollten Sie zwar nur bekommen, was Sie wirklich brauchen, das aber in bester Qualität zu den günstigsten Preisen. Hier kann der Markt tatsächlich spielen.

Wulf Rössler ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich.