© 2016 Annie Leibovitz via AP

Die Queen wird 90

Königin für alle Jahreszeiten

Meinung / von Marion Löhndorf / 21.04.2016

Am 21. April feiert die englische Königin ihren 90. Geburtstag. Mit Diskretion und Bescheidenheit versieht sie seit Jahrzehnten ein Amt, das Großbritanniens Image maßgeblich mitprägt.

Nichts liegt der Queen ferner als das: in die Schlagzeilen zu kommen. Und doch ist es passiert. Sie habe sich „mit Gift und Gefühl“ für den Brexit ausgesprochen, den Austritt Englands aus der EU. Das wollte vor kurzem die Tageszeitung The Sun herausgefunden haben. Ob es der Wahrheit entsprach – wer weiß? Sogar die Times stand kopf und diskutierte den Fall ausgiebig. Die Queen enthält sich jeder politischen Äußerung, soll und darf sich nicht einmischen ins Tagesgeschehen. Und will es wohl auch – meistens – nicht, selbst wenn hie und da einmal etwas „durchsickert“. Das Geheimnis ist Teil ihrer Anziehungskraft. Darin ist sie anders als ihr Sohn Charles, der sich bekanntermaßen in viele Angelegenheiten einmischt und Politiker heimlich mit Briefen zu bombardieren pflegt. Oder als ihre verstorbene Schwiegertochter, Lady Diana, die einst vor laufenden Kameras der gesamten Menschheit ihr Herz ausschüttete.

Die Queen hingegen ragt aus einer anderen Zeit in die unsere. Stoisch und unverdrossen dient sie ihrem Land. Man denke nur an ihr diamantenes Thronjubiläum, als sie an der Seite ihres Gatten vier Stunden im strömenden Regen auf einem festlich geschmückten Boot die Themse hinunterfuhr. „Vier Stunden im eisigen Regen mit 86! Wie macht die Queen das?“, fragte die Tageszeitung The Daily Mail ehrfurchtsvoll.

Vor ein paar Jahren besichtigte ich mit anderen Journalisten den Buckingham Palace. Der Besuch fand außerhalb der für das Publikum vorgesehenen Öffnungszeiten statt, und einige nichtoffizielle Dienstboten-Wege hinter den goldenen Kulissen mussten da beschritten werden. In einem Eingangskorridor stapelte sich eine große Anzahl ältlicher, etwas abgeschabter Koffer. Auf einer der Etiketten war der Name Duke of Edinburgh zu lesen: Aha, das also musste das Reisegepäck der Queen und ihres Gatten sein. Das sah so bescheiden aus, wie es die Gerüchte über ihren privaten Lebensstil besagten: Angeblich bewahrt die Königin ihre Frühstücksflocken in alten Tupperware-Dosen auf und erledigt den Abwasch in den Ferien mit gelben Gummihandschuhen manchmal selbst. Sie war sich auch nicht zu schade für einen Auftritt in dem James-Bond-Kurzfilm zur Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 und weiß offenbar, wie ihre Mutter, einen gut gemixten Cocktail zu schätzen.

Selbst eingeschworene Feinde der Monarchie in England haben gelegentlich einen geheimen „soft spot“ für die kleine, immer gebeugter gehende Dame, die an diesem Donnerstag neunzig wird, und finden, dass „Lizzie Windsor“ einen unglaublich langweiligen Job immerhin so gut wie möglich mache. Rowan Atkinsons Comedy-TV-Serie „Blackadder“ führt an den Hof ihrer Namens-Vorgängerin, Elizabeth I. Darin spielt Miranda Richardson an der Seite von Stephen Fry und Hugh Laurie eine Königin, die sich gern „Queenie“ rufen lässt: Auch so wird Elizabeth II., selbst von denen, die nicht auf ihrer Seite stehen, manchmal genannt.

Meine strikt demokratische englische Schwiegerfamilie teilt meine Schwäche für die Queen in keiner Weise. Mit Ausnahme der Schwiegermutter, die eisern mit mir die Weihnachtsansprachen der Königin vor dem Fernseher verfolgte – übrigens der einzige Text, den die Queen selbst schreibt. Die republikanische Ablehnung des Königshauses in unserer Zeit ist sicher aufrecht. Ein Faible für die Queen zu haben, ist politisch nicht korrekt. Londoner Journalistenkollegen sind der Meinung, dass es gegen derlei Schwächen Medikamente gebe. Doch gegen manche Krankheiten ist, wie man so sagt, kein Kraut gewachsen.