Kultur des Lebens – Kultur des Sterbens

von Otfried Höffe / 16.06.2015

Die Debatte über Sterbehilfe sollte um die Auseinandersetzung mit einer Kultur des Sterbens erweitert werden. Wir müssen Sterben und Tod als Kernbestandteil des menschlichen Lebens anerkennen. Acht Thesen zu einer Kultur des Sterbens.

Lange Zeit hat sich die Öffentlichkeit zur der Endphase menschlichen Lebens auf das Themenfeld „Sterbehilfe – Suizidbeihilfe“ fixiert. Mittlerweile öffnet sie sich zur weit größeren Aufgabe, die „Kultur des Sterbens“ heißen mag und eine erste These verdient: Das Thema „Sterbehilfe“ ist zu einer „Kultur des Sterbens“ zu erweitern. Rituale im Umgang mit Sterben und Tod sind uns verlorengegangen. Damit ist die Fähigkeit geschwunden, im Gespräch mit Sterbenden, mit deren Angehörigen, später mit den Hinterbliebenen mehr als nur unbeholfene Floskeln zu verwenden.

Zweite These: Für die Kultur des Sterbens ist eine Kultur des Gesprächs unentbehrlich. Dazu gehört, was in einer utilitaristischen Welt geschwunden ist: die Wertschätzung für symbolische Handlungen, die ihren Sinn und Zweck in sich selber tragen. Es ist nicht nötig, das anthropologische Faktum, das Sterben-Müssen, existenzialistisch zu überhöhen und quasireligiös mit Kierkegaard das Leben als eine „Krankheit zum Tod“ oder mit Heidegger als ein „Sein zum Tod“ hochzustilisieren. Trotzdem empfiehlt sich, eine dritte These anzuerkennen: Zur Kultur des Sterbens gehört eine Lebenskunst, früher „ars moriendi“ genannt, die man lange vor der Sterbephase zu lernen hat.

Dafür bieten sich fünf Strategien an, die sich gegenseitig ergänzen. Überdies liegt ihnen eine gemeinsame Einsicht zugrunde, nämlich dass die Todesstunde nicht allentscheidend ist. Für eine erste Strategie, sterben zu lernen, bietet sich das Muster des Philosophierens als Vorbild an: Wer mit Sokrates moralische Rechtschaffenheit für das einzig Wichtige im Leben hält und ein derartiges Leben auch führt, hat selbst bei einem sogenannten „verfrühten“ Sterben nichts zu bedauern. Bevor man aber die Strategie als „zu idealistisch“ von sich weist, achte man auf ihren realistischen Kern: Weil so gut wie jedem Menschen die Achtung durch die Mitmenschen und die Selbstachtung wichtig sind, wird man am Lebensende froh sein, sich nicht allzu vieler Dinge, die man besser unterlassen hätte, schämen zu müssen. Und wo es doch der Fall ist, will man es im Rahmen des Möglichen wiedergutmachen. Andererseits hat die Strategie, wie man bei Sokrates’ Freunden sieht, eine deutliche Grenze: Den Zurückbleibenden, die man ja nicht vergessen darf, fällt der Abschied häufig schwer.

Vierte These: Für eine Kultur des Sterbens ist eine Kultur des Abschiednehmens unerlässlich. Die zweite Strategie, sterben zu lernen, kennen wir vom französischen Philosophen Michel de Montaigne. Er lässt Sokrates’ moralische Aufforderung beiseite und verlangt lediglich, „allzeit gestiefelt und reisefertig“ zu sein. Die Strategie setze allerdings, führt Montaigne fort, etwas voraus, was weder damals noch heute realistisch war: Man habe keine Lebenspläne, deren Verwirklichung lange Zeit erfordert. Selbst Sokrates hatte einen Lebensplan. Er wollte den Sophisten ihre epistemische Selbstsicherheit nehmen und der Athener Jugend ein alternatives Bildungsideal vermitteln. Nach einer dritten, etwa von Ernst Tugendhat vertretenen Strategie braucht man nicht auf weitreichende Lebenspläne zu verzichten. Es genügt, sich nicht allzu wichtig zu nehmen. Selbst wer fähig ist, sich innerhalb der Welt an den Rand zu stellen, bleibt für Freunde wichtig und für einen Lebenspartner, für Eltern und Kinder sogar unersetzbar.

Dort, wo sich das Leben mit Leid und Schicksalsschlägen meldet, rückt man, ob man will oder nicht, in der Welt vom Rand in die Mitte. Wer dann in der mühevollen Auseinandersetzung mit bösen Widerfahrnissen Gelassenheit lernt, der folgt einer vierten, von mir einmal vorgeschlagenen Strategie. Die fünfte, auf Descartes zurückgehende Strategie dürfte heute dominant sein. Gemäß dieser hält man die Gesundheit für das höchste Gut und versucht, „unendlich viele Krankheiten“, vielleicht sogar die Altersschwäche loszuwerden. Dieser technischen Strategie droht eine Gefahr, die man wegen der enormen Fortschritte der Medizin und des starken Lebenswillen vieler Menschen schwerlich vollständig entkommt. Es gibt jedoch Haltungen und Einsichten, die der Gefahr Paroli bieten.

Die einzigen Gegenkräfte beginnen mit der Aufgabe, fünfte These: Sterben und Tod sind als Kernbestandteil des menschlichen Lebens anzuerkennen. Dieser Übermacht muss sich auch die Medizin beugen. Dazu gehört, dass die Medizin der Verkürzung ihres Metiers auf kurative und präventive Tätigkeiten entgegentritt, was glücklicherweise schon begonnen hat.

Sechste These: Das medizinische Aufgabenfeld ist um die Palliativmedizin zu erweitern. Die palliative Sorge und Fürsorge darf man nicht auf die medizinischen Kompetenzen verkürzen. Es genügt nicht, Schmerzen zu lindern, Durst zu löschen und eine etwaige Atemnot zu beheben. Sterbepatienten haben – wofür die Medizin teils bloß partiell, teils überhaupt nicht zuständig ist – auch eine emotionale, eine soziale und vermutlich (in säkularen Gesellschaften gern verdrängt) eine spirituelle Dimension. Diesem erweiterten Aufgabenfeld widmet sich etwa die Hospizbewegung mit der Devise: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Nun wird die Hospizbewegung vor allem von Freiwilligen getragen, was zur siebenten These führt: Zur Kultur des Sterbens gehört eine Kultur des Ehrenamtes. Gestaltet sich das Sterben als ein längerer Prozess, so kommt es vielen Menschen nicht nur auf Schmerzlinderung, persönlichen Beistand und Trost an. Viele denken über ihr Leben nach und können dann selten behaupten: „Non, je ne regrette rien – ni le bien, qu’on m’a fait – ni le mal.“ (Ich bedaure nichts, weder das Gute, das mir widerfahren ist, noch das Schlechte.) Glücklich ist, wer im Rückblick schöne Augenblicke und Lebensphasen wahrnimmt; wer sieht, dass er mit Widerfahrnissen kreativ umgegangen ist und trotz mancher Schwäche weithin rechtschaffen, auch hilfsbereit und mitfühlend gelebt hat. Jedenfalls dürften die medizinisch behandelbaren Aspekte eine geringere Bedeutung haben als das gelebte Leben selbst.

Daher rät die Philosophie, achte These:

Um sterben zu lernen, lerne man – nach Maßgabe von Glück, Selbstachtung und moralischer Autonomie – zu leben.

Otfried Höffe ist Professor und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen und Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin der Schweiz.

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