Mohamed Messara / EPA

Kleidungsstile

Kulturkampf im Maghreb: Bikini contra Burkini

von Beat Stauffer / 30.08.2016

Im Maghreb hat die Zahl der verhüllt badenden Frauen stark zugenommen. Meist gibt es eine Koexistenz der unterschiedlichen Kleidungsstile. Doch der Druck von Islamisten wird stärker.

Ein gepflegtes Hotel am Cap Bon. Eine grosszügige Pool-Landschaft, ein schöner Strand, schattenspendende Bäume. Die Gäste stammen hier – rund 100 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt – fast alle aus Tunesien. Am Schwimmbecken sind Ganzkörper-Badeanzüge ausdrücklich verboten. Einige wenige Damen in eleganten Burkinis zeigen sich trotzdem selbstbewusst, respektieren aber das Verbot. Abends im Speisesaal trägt knapp ein Viertel aller Frauen ein Kopftuch.

Mit nassen Kleidern ins Auto

Im Viersternehotel scheint die Koexistenz von Frauen, die westliche Badeanzüge tragen, und von ein paar Burkini-Trägerinnen kein Problem darzustellen. Zumindest kommt es nicht zu sichtbaren Reibereien. Doch die Hotelgäste dürften in ihrer grossen Mehrheit der Mittel- oder gar der Oberschicht angehören und bilden insofern die Verhältnisse in der breiten Bevölkerung nicht wirklich ab.

Wer allerdings den Hotelstrand verlässt, kann schon bald viele Familien beobachten, die sich unter grosse Sonnenschirme oder improvisierte Zelte drängen. Sie stammen von der nahe gelegenen Stadt oder aus dem Hinterland. Fast alle Frauen sitzen vollständig bedeckt unter dem Sonnenschutz und gehen, wenn überhaupt, in ihren Alltagskleidern ins Wasser. Nach ihrem Badevergnügen setzen sie sich in ihren nassen Gewändern unter die Sonnenschirme; an ein Umkleiden ist hier nicht zu denken. Sie dürften Stunden später mit ihren schweren, feuchten Kleidern in die Autos steigen, die unweit des Strands parkiert sind.

Die Männer am öffentlichen Strand wie am Hotelpool sind derartiger Bekleidungsprobleme enthoben. Sie präsentieren ihre durchtrainierten Oberkörper, ihre bleichen Bürolisten-Beine oder ihre beachtlichen Bäuche auf vollkommen entspannte Art. Sie tragen eng anliegende Badehosen oder weite Bermudas. Ihre Unbeschwertheit steht in krassem Kontrast zu den moralischen und bekleidungstechnischen Problemen, denen die Frauen unweigerlich ausgesetzt sind.

„Die obszöne Nacktheit“

Die angemessene Art und Weise, wie sich Frauen am Strand bekleiden sollen, wird in allen drei Maghrebstaaten jeden Sommer in der Öffentlichkeit leidenschaftlich diskutiert. In Marokko machte kürzlich der Imam der Moschee Hassan II. in Casablanca, Omar al-Kazabri, mit einer sehr prononcierten Stellungnahme von sich reden. Auf seinem Facebook-Profil geisselte er die „obszöne Nacktheit der Frauen“, stellte den Übeltäterinnen höllische Strafen in Aussicht und sprach von einem „Komplott gegen die Nation und ihre Werte“.

Zwar gab der landesweit bekannte Imam einige Tage später zu Protokoll, sein Facebook-Konto sei missbraucht worden; inhaltlich distanzierte er sich aber nicht von der angeblich gefälschten Stellungnahme. Es ist davon auszugehen, dass sich zumindest der konservative und islamistische Teil der marokkanischen Bevölkerung mit derartigen Haltungen identifiziert. Für die marokkanische Regierung stellt die Frage der schicklichen Bekleidung für Frauen am Strand allerdings eine heikle Gratwanderung dar; dies umso mehr, als sich die Wortführer für mehr Zucht und Anstand von Frauen stets auf angebliche Aussagen des Propheten berufen.

Marokkanische Feministinnen sind deshalb froh, dass König Mohammed VI. allzu weitgehenden Forderungen der Sittenwächter regelmässig einen Riegel schiebt. Der Umstand, dass keine einzige der Prinzessinnen am Königshof einen Gesichtsschleier trägt, dürfte in diesem Zusammenhang ein klares Signal setzen.

Konservatives Algerien

Den mit Abstand grössten Erfolg im ganzen Maghreb haben die Sittenwächter in Algerien erzielt. An den meisten Stränden des Landes, so berichten Beobachter und lokale Medien, stellten verschleierte Frauen mittlerweile die grosse Mehrzahl der Badenden dar. Dort sollen Frauen, die sich in europäischen Badeanzügen an die Öffentlichkeit wagen, regelmässig zu anständigem Verhalten aufgefordert oder gar beschimpft werden. Nur in privaten Klubs und Luxushotels, in denen die Oberschicht verkehrt, sowie in ein paar wenigen Orten in der Kabylei, die für ihre „Freizügigkeit“ bekannt sind und wo auch Strandbars mit Alkoholausschank dem konservativen Druck widerstanden haben, sind noch Bikinis zu finden.

Doch auch in Marokko und Tunesien tauchen immer häufiger selbsternannte Tugendwächter auf, die „unzüchtige“ Frauen auf den richtigen Weg weisen. In gewissen Kommunen, so berichtet die Journalistin Ftouh Souhail, hätten sich bereits „Komitees zur Förderung der Tugend und der Vermeidung des Lasters“ konstituiert. Deren Mitglieder sprächen alle Frauen an, die ihrer Ansicht nach „gefährdet“ seien. Langjährige Beobachter mögen sich nicht erinnern, in Tunesien jemals so etwas gesehen zu haben.

Noch bedenklicher ist der Umstand, dass offenbar zunehmend auch staatliche Organe als Hüter einer konservativen Moral tätig sind. Im Touristenort Nabeul nördlich von Hammamet kontrollierten etwa in der ersten Augustwoche mobile Einheiten der Polizei badende Frauen hinsichtlich der Korrektheit ihres Badeanzugs. Nebenbei machten sie sich auch kundig, ob die Badenden womöglich gar alkoholische Getränke mit sich führten.

Die positive Seite des Burkini

Für säkular denkende Frauen und Männer sind derartige Kontrollen alarmierende Zeichen einer schleichenden Islamisierung. Sie wehren sich deshalb mit aller Kraft gegen diese Einschränkungen. „Plötzlich verstand ich, dass nicht nur meine eigene Freiheit, sondern die aller Frauen in meinem Land bedroht ist“, schreibt etwa die Ärztin Khadija Moalla.

Unter diesen Umständen mag es erstaunen, dass die Bewertung des Burkinis dennoch nicht nur negativ ausfällt. Für den marokkanischen Soziologen Abdessamad Dialmy ist der Ganzkörper-Schwimmanzug allen Vorbehalten zum Trotz dennoch ein Zeichen dafür, dass die betreffenden Frauen versuchten, strenge islamische Regeln und Lebensfreude miteinander zu verbinden. Der Burkini ermögliche ihnen, an gemischten Stränden schwimmen zu gehen. Ganz anders in Saudiarabien: Dort schwimmen Frauen ausschliesslich in nach Geschlechtern getrennten Schwimmbädern – oder bleiben zu Hause.