Bilder Vallarino Fine Art

Kunstmesse Chicago: Kakao und Wasabi am Michigansee

von Gerhard Schwarz / 23.09.2016

Die Messe für moderne und zeitgenössische Kunst am Lake Michigan hat sich zur regelrechten Kunstwoche gemausert. Kunst dominert in diesen Tagen die ganze Stadt.

Ein flottes Logo – Expo Chgo – und eine temporär dominierende Rolle im Kunstbetrieb der Stadt hat sich die Expo Chicago für moderne und zeitgenössische Kunst in ihrem fünften Jahr zugelegt. Sie bespielt mit 145 internationalen Ausstellern die Festivalhalle am Navy Pier, einem in die Wellen des Lake Michigan ragenden, historischen Gelände für familienfreundliche Vergnügungen. Sie ist an Gebäuden und Plätzen mit überdimensionierten Kunstwerken präsent, etwa mit dem unter dem Label «Toiletpaper» firmierenden Duo Maurizio Cattelan und Pierpaolo Ferrari («Some people love what you do, others hate it but most of them don’t give a shit»). Sie feiert aber auch mit den altehrwürdigen Institutionen, den Museen und Kunstvereinen wie dem 1916 gegründeten, bis heute einflussreichen Arts Club of Chicago. Vernissagen gibt es zudem allerorten. Kurz, die Chicagoer Kunstmesse hat sich unter Beteiligung der zuständigen örtlichen Kulturbehörden zur regelrechten Kunstwoche, zur Expo Art Week nämlich, ausgewachsen.

Chicago ist anders

Nach wie vor ist das Gros der Aussteller aus der Stadt, aus New York und Los Angeles, doch gibt es auch eine wachsende Beteiligung europäischer Galerien, die ihre Entscheidung zur Teilnahme nahezu unisono damit erklären, dass Chicago eben anders sei. Die Sammler pflegten ihre Passion vor einem gediegeneren Hintergrund, der Kunstkauf sei hier eher eine Frage des Stils, Begeisterung für Kunst sei Kultur und konsequente Lebensgestaltung, heisst es; Prestige sei hier ein traditioneller Wert, Bling-Bling sei woanders und rapide Wertsteigerung zweitrangig, heisst es auch.

Nun ja, richtig ist jedenfalls, dass im Mittleren Westen der USA grossartige Sammlungen zusammengetragen wurden und werden, dass die Museen, die ja zum allergrössten Teil von privater Hand finanziert sind, herausragend ausgestattet und bestückt sind.

Der Anreiz, sich hier zu versuchen, ist also gross, das Risiko auch, denn eine Messe in Übersee ist teuer, und das Interesse und Vertrauen der Chicagoer zu gewinnen, ist eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe. Auch das ist bei der Betrachtung dieses Markts mit de facto hohem Potenzial zu berücksichtigen. André Buchmann (Lugano, Berlin) hat sich bereits bei der ersten Teilnahme im letzten Jahr mit Arbeiten von Tony Cragg gut etabliert. Die von ihm vertretene, deutsch-iranische Künstlerin Bettina Pousttchi hat auf Einladung der Messeleitung eine monumentale, über den Ständen schwebende «Rotunda» geschaffen, deren stilisierte, rhythmisch angeordnete Fachwerk-Details auf der hellen Wandung eine poetische Brücke zur stählernen Deckenkonstruktion der Halle herstellen.

Die Basler Galerie Mosseri-Marlio stellt organisch pigmentierte Papierarbeiten von Meg Webster vor. Kakao, Wasabi oder Hibiskusblüten bilden, zu feinstem Staub verarbeitet, die malerische Grundlage für minimalistische Malereien (ab 7000 Dollar), gleichsam eine extrem komprimierte Form ihrer sonst ausladend üppigen Blüten-, Moos- und Gras-Skulpturen. Alicja Kwade dekonstruiert nicht die Natur, sondern Gegenstände. Und huldigt deren Schönheit, indem sie ihre einzelnen Bestandteile pulverisiert und solchermassen Zermahlenes in Schraubgläsern in einem schmalen Glascontainer – oder ist es ein Schneewittchen-Sarg? – verwahrt. Die überaus elegante Version der gelungenen Transformation einer Kaiser-Idell-Leuchte kostet bei König (Berlin) 29 000 Dollar. Ein «Hypothetisches Gebilde» hat Kwade unter Beteiligung eines Instrumentenbauers zur eindrucksvoll verworrenen Posaunen-Idee einschliesslich Salivationshäufchen erstarren lassen (50 000 Dollar).

Blair Thurman hingegen kreuzt minimalistische Formen mit Pop-Art, seine grossen Objekte funktionieren in ihrer radikalen Einfachheit als piktoralistisch aufgefasste Totem-Symbole für amerikanische Rituale, Sitten und Gebräuche, für die grosse Liebe zum Automobil, für die allgegenwärtige Neon-Flutung. Er hat seinen Auftritt für Peres (Berlin, Los Angeles) selbst gestaltet und beschreibt das grellweisse Licht schlicht als Reverenz an die Autolackierwerkstätten, wo, derart ausgeleuchtet, makellose Oberflächen entstanden (Preise zwischen 30 000 und 60 000 Dollar).

Ein Schweizer in New York

Die Messe könnte ein leicht zu gewinnendes Heimspiel werden. Wie sich die angetretenen Titanen, die für Hochpreisiges stehen (Pace, Marlborough, Zwirner), in nun weniger hypertrophen Zeiten schlagen, wird sich allerdings zeigen. Richard Gray (Chicago) hat beispielsweise eine ungewöhnliche Giacometti-Bronze, den Kopf seines Vaters mit geritzten, nicht geformten Gesichtszügen (1927, Ex. 3/6, 1,75 Millionen Dollar), am Stand sowie Milton Averys lyrisch-expressive Abendlandschaft «Hot Moon» von 1958, die mit 3,5 Millionen Dollar beziffert ist.

Weniger spektakulär, dafür weitaus vergnüglicher sind die unerwarteten Begegnungen auf einer Messe. Wie zum Beispiel die mit Fred Troller, dem Schweizer Gebrauchsgrafiker, der sich in den sechziger Jahren in New York erfolgreich selbständig machte und mit der sogenannten Swiss New Typography für Aufsehen und frischen Wind sorgte.

Dass er sich auch künstlerisch betätigte, ist weniger bekannt. Die New Yorker Galerie Vallarino Fine Art hat nun seinen künstlerischen Nachlass erworben und zeigt ein radikal-sorgloses Objekt (36 000 Dollar), das mit den weiss-schwarzen, grob verschraubten, lackierten Planken und der intarsierten, roten Kugel seinen Platz zwischen Minimalismus und Art brut trefflich verteidigt. (Bis 25. September)