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Land des Lächelns

Gastkommentar / von Franz Schuh / 07.06.2016

Bei der Bundespräsidentenwahl hat sich das österreichische Stimmvolk ganz knapp gegen den Einzug der rechtsgerichteten FPÖ in die Hofburg entschieden. Zwischen den altverbandelten Machtparteien SPÖ und ÖVP und der Partei der Unzufriedenen herrscht eine dramatische Pattsituation. Der guten Stimmung indes tut dies keinen Abbruch. Ein Gastkommentar von Franz SchuhFranz Schuh, geboren 1947, lebt als Schriftsteller und Essayist in Wien. Zuletzt ist 2014 im Zsolnay-Verlag der Band „Sämtliche Leidenschaften“ erschienen. .

Wie ist denn die Stimmung im Land? Ach, das Land des Lächelns, unsere Stimmung ist immer gut. Wenn man, wie die Wiener sagen, „a Hetz“ hat, heißt das umgangssprachlich, dass es lustig zugeht. Gut für die Stimmung ist, dass die Sonne jeden Tag aufgeht, dass sie alle Österreicher, die sich im Freien aufhalten, gleichmäßig anstrahlt und dass von ihr – nach einem kalten Winter – so etwas wie Wärme ausgeht.

Zärtlichkeit und Härte

Beste Stimmung auch bei mir, weil die verharmlosend „Rechtspopulisten“ genannten Leute zwei Wahlen nicht gewonnen haben, obwohl sie siegestrunken den Kampf um die Weltmacht in Österreich eröffnet hatten: Sie wurden zweiter Sieger bei der Wahl des Wiener Bürgermeisters und bei der Wahl des Bundespräsidenten. Außerdem hat im Hintergrund dieser Ereignisse ein Personalwechsel an der sogenannten Regierungsspitze stattgefunden: Der alte Bundeskanzler wurde verjagt, in einer für die Sozialdemokratie ungeheuerlichen Wegräumaktion, und ein neuer Kanzler ist auferstanden, ein Manager, eine klassische Gestalt des Sozialdemokraten in Zeiten eines Ökonomismus, der „Neoliberalismus“ genannt wird.

Wie ist denn die Stimmung im Land? Ach, das Land des Lächelns, unsere Stimmung ist immer gut.

Das ist Politik, wie sie von weichspülender Anhängerschaft, von zärtlichem Gefolge, zu metallener Härte schwankt: Gerade noch galt der alte Kanzler bei den meisten der Seinen als ein und alles, was Österreich braucht, und schon kriechen die Parteigänger dem Neuen in den Arsch, denn sie wollen von jemandem, von einer höheren Macht, gerettet werden. Mich rettet niemand, das erlaube ich keinem, aber man muss den neuen Kanzler Kern nicht für einen Messias halten, um sich freundlich für ihn zu interessieren. Also schreibe auch ich mir die Meinung vor, dass mit dem eleganten, beinahe aristokratisch wirkenden Herrn an der Regierungsspitze vielleicht noch Hoffnung existiert, dass dem außer Rand und Band geratenen plebiszitären Ton, der das Land seit geraumer Zeit entstellt (zur Kenntlichkeit entstellt, wer weiß?), etwas entgegengesetzt werden kann.

Was ist denn das überhaupt, eine Stimmung? Die Wissenschaft, zum Beispiel die Meinungsforschung, untersucht Einstellungen, Positionierungen von Menschen in gesellschaftsrelevanten Fragen. Sie hat sich dafür Kriterien ausgedacht, die die Messbarkeit zumindest simulieren. Aber auch Wissenschafter unterliegen ihren Stimmungen, manchmal sogar in ihren Expertisen: Ein ziemlich cooler Politologe, der die Lage der österreichischen Nation nach der Bundespräsidentschaftswahl untersucht hat, war bei der Bekanntgabe der Resultate nicht mehr cool. Erschrocken riskierte er sogar eine Prophezeiung: Die Gegensätze in der österreichischen Bevölkerung hätten sich dermaßen verschärft, dass Menschen, die den politischen Institutionen absolut nicht mehr vertrauten, jenen anderen gegenüberstünden, die in die politischen Institutionen noch halbwegs Vertrauen setzten. Es wäre möglich, sagt der Politologe, dass die Vertrauenskrise eines Tages in eine politische Krise münden könnte.

Spaltpilz Nationalismus

Der Berliner „Tagesspiegel“ hat Österreichs beängstigende Lage leidenschaftslos kommentiert: „Das Patt zwischen den beiden Lagern, das die Präsidentenwahl so dramatisch sichtbar gemacht hat, liegt weiter drohend über dem Land. Kann sein, dass der neue Bundeskanzler die Kraft hat, es aufzulösen. Kann auch sein, dass es die österreichische Politik bis zu den nächsten landesweiten Wahlen in zwei Jahren als Menetekel begleitet. Dann läge über dem Land der Druck eines kalten Bürgerkrieges: zwei gleich große Kräftegruppierungen, die die Politik in ihren Bann schlagen. Dahinter der unverhohlene Machtwille des FPÖ-Chefs Strache, ideologisch aufgeladen mit dem Gedanken an ein anderes Österreich.“

Die Angemessenheit dieser Außensicht wurde im Inland selbstverständlich dementiert, nicht zuletzt von Propagandisten der FPÖ. Ihnen ist das Paradox nicht verborgen geblieben, dass ausgerechnet der Nationalismus die Nation spaltet. So wie mit der Liebe kann es auch mit der Macht gehen: Man zerstört, was man haben möchte. Die Freiheitlichen müssen die geheimnisumwitterte, derzeit hypernervöse und allseits begehrte „Mitte“ beruhigen.

Wir wer’n kan kalten Bürgerkrieg brauchen, lautet daher die Botschaft, in Analogie zur altösterreichischen Maxime für außergesetzliche Einigungen: Wir wer’n kan Richter brauchen! Aber es ist seltsam, wenn in einem Land, in dem alle mit allem versöhnt waren, verzweifelte Rufe, ja Hilfeschreie an den neuen Präsidenten sehr laut werden: „Van der Bellen muss die Österreicher vereinen.“ Aus dem Chor der Vereinigungsbedürftigen hört man deutlich die Stimmen einiger heraus, die an der Entzweiung mitwirkten.

Vielleicht wäre es für das Land besser, würde der Präsident uns Österreicher darauf einstimmen, in zwei Hälften leben zu müssen.

Van der Bellen folgte dem Gebot der Stunde und sagte in seiner ersten Rede als Präsident: „Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen. Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere. Ich könnte sagen: Du bist gleich wichtig wie ich, und ich bin gleich wichtig wie du. Und gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich.“ Das fasst rhetorisch halbwegs geschickt die vielen frommen Sprüche zusammen, die ihre Ursache in der Sehnsucht nach der verlorenen Idylle und im Katzenjammer haben, der ausbrach, nachdem man gemerkt hatte, was für ein Hass im Wahlkampf manifest wurde.

Selbst Strache, der FPÖ-Chef, sperrte die Postings auf seiner Facebook-Seite, weil dort der Hass überkochte. Mit dieser Sperre demonstrierte Strache aber nicht, dass er seine Anhänger aufgehetzt hatte, sondern, dass er ein Mann des Ausgleichs wäre, wählbar gerade für die Mitte: Er, Strache, nimmt es nicht hin, wenn die Wut der Fans „zu weit“ geht. Machttechnisch ist es die Kunst in Österreich, ein Extremist zu sein, aber nie wie ein solcher zu wirken. Das kommt ja noch, wenn man an der Macht sein wird.

Ich weiß es nicht, aber vielleicht wäre es für das Land besser, würde der Präsident uns Österreicher darauf einstimmen, in zwei Hälften leben zu müssen, wobei die eine sich durch den unversöhnlichen Gegensatz zur anderen konstituiert. Die Idylle macht Hoffnungen, die einen Affektstau erzeugen könnten, der erst recht zu Ausbrüchen führen würde.

Einer der Dauerkommentatoren des österreichischen Fernsehens, für den das Wort Logorrhö zu tief gegriffen ist, hat ohne Ironie den Vorschlag gemacht, man möge sich einmal in der Woche einen politischen Gegner schnappen, um ihm im Gespräch den Respekt des Andersdenkenden zu erweisen. Schnappte mich einer, ich wäre sehr spröde. Allerdings bin ich ein alter Mann und schon müde, und ich gebe zu, als der Kandidat der FPÖ, Norbert Hofer, dafür plädierte, jetzt mögen wir doch endlich wieder „aufeinander zugehen“, da war ich bereit, ihm „die Hand zu reichen“.

Bellen statt Heulen

Erschrocken zog ich sie wieder zurück, als Strache mit dem Vorwurf der „Wahlfälschung“ zu zündeln begann. Er erklärte im Fernsehen, er würde nichts um der Anfechtung willen anfechten, auch, weil es schwer sei, den Beweis zu führen. Gut, dachte ich, sollen sie „den Hinweisen“ nachgehen, das dient der Demokratie. Aber Strache sagte im Fernsehen, keine Anfechtung bedeute für ihn eben nicht, dass keine Fälschung vorliege. Es bedeutet nur, dass man sie nicht nachweisen kann. Der Verschwörungstheorie muss man immer ein Türl offenhalten, wenn man erfolgreich die Stimmung vergiften will.

Ich wüsste nicht, wie ich sie aufhellen sollte. Ich habe Hofers letzte Wahlkampfrede in Wien gehört. Ich sag nichts darüber, muss ich doch auch mit ihm eine der Hälften bilden. Ich will nicht leugnen, dass ich sogar auf meiner Hälfte eine Hetz hatte. Nach der Wahl würde Van der Bellen, so die Propaganda, Van der Heulen heißen. Als Hofer die ehrsamen Unterstützer Van der Bellens mit der Bemerkung abwertete: „Der hat die Hautevolee, bei mir sind die Menschen“, lachte ich, wie es in Romanen heißt, hell auf. Natürlich steckt hinter Hofers Wortwahl die unkontrollierbare Gesinnung, mit der man in seinen Kreisen Menschen von Nicht-Menschen unterscheidet. Wenn Hofer aber, von Beruf Dritter Nationalratspräsident, einem vormacht, er würde – zum Beispiel gegen die FPÖ-kritische Schriftstellerin Christine Nöstlinger – den Inbegriff des Volkes darstellen, dann ist das den Lacher schon wert.