KEYSTONE/Steffen Schmidt

Stammt der Liberalismus vom Christentum ab?

von Jan-Werner Müller / 13.07.2016

Der amerikanische Ideenhistoriker Larry Siedentop legt eine kulturkämpferische Freiheitsgeschichte vor, die nicht bei den alten Griechen, sondern mit dem Christentum beginnt.

Larry Siedentops Buch „Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism“ sieht aus wie eine Ideengeschichte und liest sich auch über weite Strecken wie eine. Aber eigentlich ist es ein sehr, sehr lang geratenes kulturkämpferisches Pamphlet. Dass es letztlich ein politischer Traktat ist, gibt der amerikanische Historiker, der viele Jahrzehnte in Oxford lehrte, am Anfang und am Ende des Bandes auch unumwunden zu: Der Westen stehe derzeit in einem weltweiten Wettbewerb der Weltanschauungen – und er sei sich seiner Sache nicht mehr sicher, weil er seine geistigen Ursprünge vergessen habe; deswegen sei er hilflos im Angesicht von Kritikern, die Liberalismus mit Materialismus, Relativismus und Rückzug ins private Glück gleichsetzten.

Siedentop möchte vergegenwärtigen, dass Individualismus und Freiheit die grossen Errungenschaften des – mit diesem Begriff hätte der Autor keine Probleme – Abendlandes seien. Und der Clou der Geschichte: Der Liberalismus sei schon im vermeintlich finsteren Mittelalter geboren worden, und zwar aus nichts anderem als dem Geist des Christentums.

Siedentop sieht sich in der Tradition französischer Universalhistoriker des neunzehnten Jahrhunderts wie beispielsweise François Guizot und Fustel de Coulanges. Dementsprechend spannt er den Bogen weit. Ein rascher Ausflug in die Antike soll zeigen, dass es mit Freiheit oder gar Säkularismus weder im alten Griechenland noch im Römischen Reich weit her war. Die Institution der Familie, so Siedentop, habe das gesamte Leben der Menschen bestimmt und sei de facto eine Religion gewesen, die keinerlei Freiräume für den Einzelnen zugelassen habe. Der Paterfamilias habe einerseits im Kult der Ahnen sich seinen Vorgängern unterworfen und andererseits den Rest der Familie beherrscht. Jeder Mensch sei vollständig durch seinen Status definiert worden und ganz in seiner sozialen Rolle aufgegangen.

Illiberaler, so Siedentops Suggestion, als in damaligen Familien, Stämmen und auch Stadtstaaten, in denen jeder seine eigenen Schutzgötter verehrt habe und die Grundannahme natürlicher Ungleichheit schlicht nicht zu hinterfragen gewesen sei, sei es in der Geschichte nie zugegangen. Renaissancedenker, welche vor allem das Mittelalter hätten madig machen wollen, hätten ihre eigenen individualistischen Wunschvorstellungen auf die alte Welt projiziert und den ungeheuren Druck des antiken Konformismus geflissentlich übersehen.

Rasch schreitet der Ideenhistoriker dann voran zu einer Figur, der er nichts Geringeres als die wichtigste moralische Revolution in der Menschheitsgeschichte zuschreibt: zu der des Apostels Paulus. Seit Paulus‘ Auslegung der christlichen Botschaft seien die Einzelnen nicht mehr auf Status und Rollen reduzierbar; stattdessen habe jeder eine „Meta-Rolle“ als „Individuum“. Paulus habe auch als Erster eine Innerlichkeit betont, die in der antiken Welt undenkbar gewesen wäre. Die Griechen, so Siedentop, hätten die Vorstellung eines eigenen Willens überhaupt nicht gekannt; Paulus und später Augustinus hätten demgegenüber den Willen in das Zentrum von Gerechtigkeitsvorstellungen gerückt: Somit habe Gerechtigkeit keine Anpassung an eine vorgegebene Ordnung mehr verlangt, in der alles und alle am unveränderbar richtigen Platz sein müssten. Im Christentum habe man sogar nach dem Ende des Lebens noch den Willen auf das Gute richten können, nämlich im Fegefeuer.

Politisch barg das Christentum zudem Sprengsätze, welche die politischen Gedankengebäude der Antike zum Einsturz bringen mussten: Siedentop betont die christliche Abstraktionsleistung, wonach in den Augen Gottes alle Seelen gleich seien. Dies Gleichheitsideal sei zwar natürlich nicht direkt in egalitäre und freiheitliche Politik umgesetzt worden. Aber die Idee sei nicht mehr aus der Welt zu schaffen gewesen.

Siedentop ist nicht der Erste, der die Anfänge vermeintlich rein moderner Ideen weit in die Vergangenheit zurückverlegt. Er verlässt sich weitgehend auf die Studien der grossen Historiker Peter Brown und Brian Tierney; von Letzterem übernimmt er die These, wonach die Vorstellung subjektiver individueller Rechte sich bereits im zwölften und dreizehnten Jahrhundert bei den Kanonisten verorten lasse. Siedentop setzt aber noch eins drauf und erklärt den Säkularismus sowohl zu einer der grössten Errungenschaften Europas als auch zu einem Geschenk des Christentums an die Welt. Muslime, so liest man, hätten im Grunde recht, wenn sie einen spezifisch „christlichen Säkularismus“ ausmachten.

Man kann Siedentop nicht mangelnden Ehrgeiz vorwerfen: Es gehört Courage dazu, die querelle des anciens et des modernes noch einmal ganz neu aufzurollen. Gleichzeitig – das haben nicht wenige Ideengeschichtler in ihren Reaktionen auf das Buch moniert – ist Siedentops tour de force eigentümlich ahistorisch: Die von ihm selbst zu Anfang geforderte „grosse Erzählung“ erklärt eigentlich nichts. Warum genau sich Ideen mancherorts zu bestimmten Zeiten durchsetzen und andere nicht; warum ein Monotheismus sich als Demokratie-kompatibler erweisen mag als ein anderer; warum die Gleichheit zwischen Mann und Frau von der Kirche angeblich schon im Mittelalter „im Kern“ irgendwann anerkannt wurde, die Realität aber bis heute vielleicht ein wenig anders aussieht – das erfährt man bei Siedentop nicht.

Aber, so mag Larry Siedentop sich verteidigen, er wollte ja eigentlich nur dem Westen den Rücken stärken im Kampf gegen seinen neuen globalen Gegner (der Amerikaner scheut sich nicht, den Islam direkt zu nennen) und dafür sorgen, dass Europa wieder ein „geschlossenes Bild“ von sich zeige. Ausserdem wolle er gegen „liberale Häresien“ kämpfen, welche den Liberalismus auf Nützlichkeitsdenken reduzierten. – Doch dann hätte er vielleicht seine eigentlich nur angedeuteten Gedanken ausführen müssen, wonach starke, aber tolerante Religiosität und Religionsfreiheit zusammengehörten und in ihrer Zusammengehörigkeit dem Westen die besondere normative Note gäben. So empfiehlt der Amerikaner den Europäern eigentlich nur sehr vage, sich doch bitte schön in Sachen liberaler Politik und Religion sein Heimatland als Vorbild zu nehmen.