Morgengrauen

Lebe den Tag!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 28.06.2016

Heute blieb mir keine Zeit, mit dem falschen Fuß aufzustehen. Ich bin mit beiden Beinen aus dem Bett gesprungen. Das ist kein gutes Zeichen. Bettflucht! Und warum? Weil ich einen dieser hyperrealen Morgenträume hatte, in denen immer etwas Schreckliches in 3-D passiert. Ich hatte geträumt, der von mir am meisten gefürchtete Gymnasiallehrer, natürlich ein „Lateiner“, habe mich zum ich weiß nicht wievielten Male mit dem blödesten Spruch des klassischen Menschentums traktiert: Carpe diem.

Was heißt, man solle den Tag nutzen? Ein Tag, der es nur verdient hätte, gelebt zu werden, weil man ihn „genutzt“ hat – das wäre ein denkbar schlecht gelebter Tag, nicht wahr? Meinem Lehrer, der geradlinig entlang der Notenskala von Eins bis Fünf dachte, war diese Dialektik wesensfremd. Ich hingegen hatte, offenbar als Folge einer frühen Fixierung, mir ungesunde Gedanken zu machen, die fixe Idee, dass ein bloß genutzter Tag am Schluss „abgenutzt“ sein müsste, so wie man Werkzeuge abnutzt oder Schuhsohlen durchläuft.

Ein wahrhaft gut genutzter Tag hingegen hätte einer zu sein, der, sobald es Abend geworden ist, eine – wie soll ich’s sagen? – Lebendigkeitsspur hinterlässt. Was bleibt, ist nicht der Nutzen, sondern das Andenken. Und so lege ich mich wieder ins Bett, um noch einmal aufzustehen, wie üblich mit dem falschen Fuß hinein in die ewig verfließende Zeit mit ihrem ewigen Memento mori: Carpe diem, „Lebe den Tag!“ (Ja, falsch übersetzt, du dummer alter Lateiner: Lebe den Tag!)

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).